Aachen - „Neue Talbot“: Kunden stehen schon Schlange

„Neue Talbot“: Kunden stehen schon Schlange

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Schlug einen Aufstieg im Bombardier-Konzern aus, weil er in Aachen blendende Chancen sieht: Werksleiter Dirk Reuters. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Genau eine Woche ist die neue Geschäftsidee jetzt auf dem Markt, und der Markt hat schon reagiert – und das offenbar kräftig. Seit Bombardier und die Baesweiler Quip AG vorigen Mittwoch verkündet haben, dass eine neue „Talbot Services GmbH“ den Standort an der Jülicher Straße übernehmen könnte, steht beim Aachener Werksleiter Dirk Reuters nach dessen Bekunden das Telefon nicht mehr still.

„Die Drähte laufen heiß vor lauter Arbeit“, sagt der Mann, der seit 28 Jahren bei Talbot/Bombardier arbeitet und als geschäftsführender Gesellschafter in der neuen GmbH agieren soll. „Die Nachfrage ist enorm.“

Dass die Kunden schon Schlange stehen, erhöht die Chancen für die Realisierung des Projekts und stärkt die Hoffnungen der rund 600 Beschäftigten, denen nach dem Schließungsbeschluss der Bombardier-Konzernspitze die Arbeitslosigkeit droht.

„Je besser sich das entwickelt, desto mehr Mitarbeiter sind mit an Bord“, sagt der Aachener Rechtsanwalt Dirk Daniel, der im Aufsichtsrat der Quip AG sitzt und die Verhandlungen mit Bombardier geführt hat. Und da habe sich in einer Woche einiges getan: Hatte man zunächst die Übernahme von 160 Mitarbeitern und 30 Auszubildenden angekündigt, laute die Minimalformel nun bereits „200 plus 30“. Sollte es gelingen, die Produktion des E-Mobils „Streetscooter“ an die Jülicher Straße zu holen, spreche man sogar von einer „deutlich höheren Zahl“.

Außerdem glauben die Väter des Projekts, die enorme Skepsis der Belegschaft gegenüber dem neuen Geschäftsmodell zunehmend entkräften zu können. Vor allem das Leiharbeits-Image der Quip AG irritiert viele Talbötter, deren Betriebsratsvorsitzender Josef Kreutz jüngst in der AZ an das Unternehmen appellierte, aus der „Schmuddelecke“ herauszukommen.

Dieser Aufforderung will man nachkommen – weil man sich gar nicht in dieser Ecke wähnt. Quip-Vorstand Wolfgang Haller betont, dass man zwar aus dem Personaldienstleistungssektor komme, aber in den vergangen Jahren viele weitere Geschäftsfelder erschlossen habe: „Heute sind wir ein Dienstleistungskonzern.“ So produziere man in Baesweiler in eigenen Hallen unter anderem für Unternehmen wie Aixtron und Schlafhorst. Die neue Talbot GmbH solle überdies unter dem Dach der Quip Holding ein völlig eigenständiges Unternehmen werden, klar getrennt von der Quip AG. Soll heißen: Wer dort arbeitet, werde dies nicht als Leiharbeiter tun.

Werksleiter Reuters ist optimistisch, dass man schnell eine Einigung mit IG Metall und Betriebsrat über die Konditionen in der neuen Firma und den Sozialausgleich findet. „Es soll dort nichts ohne Mitbestimmung, nichts ohne Betriebsrat laufen“, sagt er. Aus dem Manteltarifvertrag werde man nicht ausscheren, die Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband sei ebenfalls kein Problem. Aber: „Wir müssen einen Weg finden, wie wir die Lohnstruktur anpassen, um wettbewerbsfähig zu sein.“

Zahlen will Reuters mit Blick auf die laufenden Verhandlungen nicht nennen, nur so viel sagt er zu den möglichen Einschnitten: „30 Prozent oder mehr, wie mancher befürchtet, streben wir nicht an.“ Vielmehr diskutiere man derzeit diverse flexible Arbeitszeit- und Lohnmodelle. Im Gegenzug plane man, die künftigen Talbötter auch am Erfolg beteiligen: „Wir wollen 40 Prozent des Gewinns an die Belegschaft ausschütten.“ Wer von der heutigen Belegschaft dabei sein kann, werde klar nach den Regeln des Arbeitsrechts entschieden. Der Bedarf der neuen Talbot GmbH ist allerdings klar. „Wir brauchen die Leute, die in der Produktion das Geld verdienen“, sagt Reuters, „am meisten unter der Veränderung leiden werden die Angestellten.“

Seinen eigenen Job-Bedarf sieht der Alt-Talbötter Reuters nach wie vor in Aachen gestillt, obwohl er am 1. Februar das größte deutsche Bombardier-Werk in Hennigsdorf übernehmen sollte. Dass er diesen Aufstieg in einem Weltkonzern abgelehnt habe, sei nur zum Teil mit heimatlicher Verbundenheit zu erklären, sagt er. Denn vor allem zeige dies, „wie sehr ich von dieser Sache hier überzeugt bin“.

Von der Bombardier-Entscheidung, das Aachener Werk dicht zu machen, sei er „persönlich enttäuscht“, sagt Reuters. Näher will er das nicht kommentieren.

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