Aachen - Netzwerker mit Bodenhaftung: Sebastian Müller im Interview

Netzwerker mit Bodenhaftung: Sebastian Müller im Interview

Von: Hans-Peter Leisten
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Von wegen Hahn im Korb: Sebastian Müller sorgt mit dafür, dass Frauenvolleyball in Aachen Zukunft hat. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Trotz seiner 29 Jahre ist Sebastian Müller ein Ur-PTSVer. Seit 1991 ist er im Verein, Sportler, Tennis-Jugendwart, ab 2004 absolvierte er die Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann, seit 2008 ist er Geschäftsführer des PTSV. Seit diesem Jahr ist der Betriebswirt Geschäftsführer der Ladies in Black Spielbetriebs GmbH.

Sprich: Er trägt ein gutes Stück Verantwortung, ob Damenvolleyball in der höchsten Spielklasse in Aachen Zukunft hat.

Seitdem der PTSV die Volleyballabteilung der Alemannia übernommen hat, hat sie einen positiven Schub erfahren. Am Samstag geht es um 19 Uhr in der Halle an der Neuköllner Straße gegen Thüringen. Über die Gründe für den gelungenen Neuanfang, Perspektiven und Herausforderungen spricht er im Samstagsinterview. Als Geschäftsführer des Vereins schildert er aber auch, wie professioneller Spitzensport und Breitensport zusammenpassen.

Wie überrascht sind Sie selbst vom Erfolg der Ladies?

Müller: Sportlich bin ich schon etwas überrascht, dass die neu formierte Mannschaft so schnell Erfolg hat. Und ehrlich gesagt auch, was die Resonanz der Zuschauer anbetrifft – dieser Aspekt war schon etwas fraglich. Zu sehen, dass die Sache angenommen wird und die Aachener inzwischen grundsätzlich volleyballverrückt sind, ist toll. Es ist offensichtlich, dass die Sache funktioniert.

Dementsprechend müsste Ihnen nach dem gelungenen Auftakt auch ein Stein vom Herzen gefallen sein.

Müller: Nach dem ersten Spieltag war meine Erleichterung schon groß. An den Spieltagen kümmert sich unser „Team Volley“ um die Abläufe in der Halle. In der Tat griff bei der Spieltagsorganisation dann von Anfang an ein Rädchen ins andere. Man muss bedenken, dass es sich bei diesem Team um Ehrenamtler handelt. Viele Besucher kennen den Fanklub „Schwarz-gelbe Sieben“, das sind die einstigen Lappenclowns. Wie die anderen, sind auch sie bei Heimspielen von 9 bis 23 Uhr in der Halle und bauen mit dem Hausmeister alles auf und ab.

Welchen Stellenwert hat Volleyball beim PTSV?

Müller: Der stand in der Anfangszeit, also nach der Übernahme von der Alemannia, natürlich erst einmal im Fokus. In kürzester Zeit mussten neue Strukturen geschaffen und das Geschäftsstellenteam personell verstärkt werden. Das funktioniert nicht von heute auf morgen. Die anderen Abteilungen dürfen wegen des Volleyballs nicht zu kurz kommen. Unsere Idee war von Anfang an, dass beide Seiten voneinander profitieren und wir Synergien schaffen können. Das lässt sich sehr gut an.

Wie stellen Sie sicher, dass der Breitensport ausreichend gefördert wird? Der PTSV hatte den Breitensport auf seine Fahnen geschrieben.

Müller: Wir sind selbstverständlich weiter ein Breitensportverein. Übrigens waren wir nie eine reine Betriebssportgemeinschaft, sondern immer ein ganz normaler Verein, der allen offen stand. Zu den einstigen Namensgebern gibt es seit vielen Jahren keine Beziehung mehr. Uns kommt es darauf an, dass wir uns mit unseren Angeboten zeitgemäß aufzustellen. Diese Entwicklung ist kontinuierlich.

Das heißt für den Breitensport?

Müller: Wir haben mit Blick auf unsere Abteilungen zwei Schwerpunkte: erstens das PTSV-Sportangebot und zweitens unser „aixaktiv“-Kursangebot. Das Sportangebot reicht von Tennis über Badminton bis zu Schwimmen, Skat, Tischtennis und Wandern. Im Kursprogramm bieten wir Reha- und Präventionssport, Fitness und vieles mehr (siehe Zusatzbox). Hier ergänzt sich einiges: Ältere Tennisspieler nutzen auch gerne die Rücken- oder Pilatesangebote, um nur ein Beispiel zu nennen. Wer Mitglied in einer Abteilung ist, hat andere Angebote inklusive. Wir können mit kommerziellen Anbietern durchaus mithalten.

Hat sich der PTSV in eine neue Dimension gewagt?

Müller: 2008 haben sich Vorstand und Geschäftsführung in Klausur zurückgezogen und eine Zukunftsstrategie entwickelt. Damals ahnte noch niemand etwas von Volleyball. Die Strategie war zu Beginn des Jahres nahezu umgesetzt.

Und sieht wie aus?

Müller: Spätestens seit dem Umzug von der Krefelder Straße an den Eulersweg galt es, sich den Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft neu anzupassen. Die Nachfrage nach Fitness, Reha und Prävention ist viel größer als früher. Dementsprechend haben wir diese Bereiche professionalisiert und entsprechende Übungs- und Geräteräume auf unserem Vereinsgelände.

Bleiben Sie dennoch ein klassischer Verein?

Müller: Genau das ist doch unser Anspruch: Wir möchten uns als gemeinnütziger Sportverein zeitgemäß entwickeln.

Das heißt konkret?

Müller: Dass wir zum Beispiel die Familie in den Blickpunkt rücken. In unserer heutigen Gesellschaft mit neuen Arbeits- und Schulzeiten haben die Familien doch immer weniger Zeit für einander. Dem steuern wir zum Beispiel mit einer Familienbetreuung entgegen. Die Eltern treiben Sport und die Kinder sind parallel in einem kindgerechten Training oder sie sind in unserer Kinderbetreuung.

Wirkt sich Ihre Strategie zahlenmäßig aus?

Müller: 2010 hatten wir 1300 Mitglieder, heute haben wir 2600. Im Bereich Fitness sind wir innerhalb kurzer Zeit von null auf 800 Mitglieder hochgeschnellt. Ein anderer Aspekt ist zu beobachten: Bei den Spielen der Ladies trifft man auch immer mehr PTSVer an. Es ist schön zu sehen, dass der Vereinsgedanke in den Volleyballbereich Einzug hält.

Sie selbst sind in einer Doppelfunktion: Ist das auf Dauer von einer Person zu leisten?

Müller: Ich bin in der Tat Geschäftsführer des PTSV und Geschäftsführer der Volleyball-Spielbetriebs GmbH. Die Aufgaben sind nur in einem Team zu bewältigen. Auf der Geschäftsstelle werden die Sportangebote und das Kursprogramm z.B. von Steffi Jansen als Sportliche Leitung koordiniert. Dirk Heinhuis ist Teammanager der Ladies in Black. Insgesamt sind wir sechs Mitarbeiter.

Zu den Ladies: Wie hoch ist oder war das finanzielle Risiko? Sind Sie finanziell aus dem Schneider?

Müller: Die Gründung einer Spielbetriebsgesellschaft war der erste Schritt, um unser bisheriges Sportangebot nicht in Gefahr zu bringen. Wir haben uns natürlich zu Beginn gefragt, ob die Sponsoren aus den Vorjahren auch unter dem Dach des PTSV noch mit im Boot sitzen. Schließlich erfolgte der Wechsel sehr kurzfristig. Wir hatten nicht den großen zeitlichen Vorlauf, um alles von Beginn an in trockene Tücher zu bringen. Aber: Viele und wichtige Partner in der Stadt und der Region sind im Boot. Natürlich möchten und müssen wir das Netzwerk unserer Partner noch enger knüpfen. Wir sind optimistisch, dass das Produkt „Ladies in Back“ auch für Sponsoren attraktiv ist, um sich zu positionieren. Wir müssen jetzt natürlich weiter überlegen, wie wir den Sponsoren einen Mehrwert bieten können.

Der Zuschauerzuspruch ist ungebrochen. Ist das ein Pfund gegenüber potenziellen Sponsoren?

Müller: Die Atmosphäre in der Halle und die Stimmung beim Spiel bieten in der Tat das beste Argument für die Gewinnung von Sponsoren, schließlich gilt es, die positiven Eigenschaften dieses Events auch für unsere Partner nutzbar zu machen.

Was empfinden Sie als PTSV-Urgestein, wenn Sie die Stimmung in der Halle Neuköllner Straße erleben?

Müller: Die Anspannung ist vor jedem Spieltag groß. Schließlich versuchen wir, den Zuschauern über mehrere Stunden die besten Seiten dieses Sports zu bieten. Da kann man nicht emotionslos sein. Man ist schon stolz, wenn man sieht, was sich in kurzer Zeit entwickelt hat – oder genauer: Was wir im Team in kurzer Zeit entwickelt haben. Bei unseren Heimspielen gibt es in der Tat Momente, die ich auch genießen kann, zum Beispiel den vierten Satz gegen Hamburg, in dem die Mannschaft den wichtigen 3:1-Erfolg eingefahren hat.

Wie bislang die Alemannia sehen jetzt Sie sich mit der Hallenfrage konfrontiert. In der Halle an der Neuköllner Straße darf nur mit einer Ausnahmegenehmigung gespielt werden. Gibt es da Überlegungen für eine Lösung?

Müller: Der DVL ist es wichtig, dass es konkrete Anhaltspunkte für eine Änderung der derzeitigen Situation gibt. Ich bin zuversichtlich, dass wir auch in der kommenden Saison erst mal in der Neuköllner Straße spielen werden. Es ist aber auch klar, dass es mittelfristig eine Änderung geben muss.

Wie spielen die Ladies in Black am Samstag gegen Thüringen?

Müller: Wir werden die Volley-Stars Thüringen mit 3:1 schlagen.

Wo stehen die Ladies am Ende?

Müller: Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die direkte Qualifikation für die Playoffs schaffen.

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