Närrische Ratssitzung: Stadtrat freut sich auf „dicken Fisch“

Von: Hans-Peter Leisten
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Von der Bühne direkt in die Gehörgänge: Wie hier die SPD kredenzten alle Fraktionen eine außergewöhnliche Tagesordnung. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Na dann mal ran an den Verwaltungsspeck! An die „über- und außerplanmäßigen Ausgaben, die Verpflichtungsermächtigungen, die Umsetzungen“ und vieles mehr. Wirklich? Pustekuchen! Et es Fastelovvend! Auch im Rat. Zwar mögen böse Menschen behaupten, dass der Eine oder die Andere das ganze Jahr über schon mal jeck ist – aber im Moment ist das ausnahmsweise erlaubt bis gewollt.

Ein Motto muss her, das ist schnell gefunden: „Met jecke Tüen en vööl Tamtam besenge vür de Oecher Tram“. Alaaf! 18.11, die Ratsdamen und -herren haben sich in Windeseile nach der nüchternen offiziellen Mini-Tagesordnung in närrische Schale geworfen, OB Marcel Philipp hat die Narrenkappe aufgesetzt, dann kann es auch schon losgehen.

Jürgen Brammertz, Kommandant der Oecher Penn, eröffnet auf gewohnt sympathische Weise „diese wunderbare Tradition“. Kommando: einhaken und schunkeln! Tusch-Alaaf, Tanz-Tusch-Alaaf, Tanz-Gesang-Tusch-Alaaf. Die Politikgemeinde kommt in Schwung, um sich selbst, den jeweiligen Gegner und überhaupt alles fröhlich auf die Schippe zu nehmen.

Die „Vier jecke Wiver van d‘r Fraktionsflur“ zum Beispiel: Ellen Begolli (Linke), Sigrid Moselage (FDP), Caroline Herff (CDU) und Daniela Lucke (SPD) wissen offensichtlich nicht nur die Geschäfte der Fraktionen zu führen, sondern auch gemeinsamen Willen zu besingen. Vorbei die Zeiten des Asyls an der Habsburgerallee, willkommen im neuen alten Standortparadies am Katschhof.

Frauen-Power auf den Verwaltungsfluren. Fast alle Fraktionen haben sich etwas einfallen lassen, mit Blick auf die Kostüme, mit Blick aufs politische Geschehen. Nur die CDU muss – unverschuldet – diesen närrischen Steilpass ins Aus rollen lassen. Ihr karnevalistisches Flaggschiff, die EU-Abgerodnete Sabine Verheyen, musste wegen wirklich wichtiger politischer Entscheidungen in Brüssel absagen.

Die Grünen dürfen kindischer sein als die Kinder, spielen mit Erzieherin Hilde (Scheidt) Katz‘ und Maus und geben sich so ungezogen, wie sie in grüner Vorzeit tatsächlich einmal waren. So überraschend das klingen mag, aber am karnevalistischsten ist tatsächlich die Linke. Angeführt von Ellen Begolli, die mutig den politischen Jargon mit beinhartem Öcher Platt mixt, erkämpfen sie sich den Applaus. Auch den der herzlich eingeladenen Bürger, von denen aber vergleichsweise wenige den Weg ins Foyer des Rathauses gefunden haben. Als „Marx Brothers and the Sisters“ tragen sie „ihren“ Karl Marx auf den T-Shirts. Was OB Philipp bei der Verleihung der Orden lächelnd zur Bemerkung verleitet: „Ihr wisst schon, dass dies nicht Karl der Große ist!“ Alles erlaubt.

Dann ist da noch die SPD. Natürlich in roten Overalls, aber mit gelben Bauhelmen. Die „Baustellenmamager“ singen Klartext zum Projekt „Schampusbahn“: „Bau‘n wir was – ist das nicht herrlich. Doch was wir bau‘n ist oft gefährlich.“ Es ist 19.13 Uhr als die Alemannia Thema wird. Fraktionschef Heiner Höfken muss das Lied „Aber eins, aber eins“ anstimmen – und wird damit ziemlich alleine gelassen.

Das Programm neigt sich gleichzeitig Höhepunkt und Ende zu. Der AKV zieht ein, trifft wirklich die richtigen Töne und rollt den musikalischen Teppich für Tollität Thomas II. aus. Der singt bis kurz vor 20 Uhr. Auch das obligatorische „Ein dicker Fisch“. Aber die Stimmung ist fantastisch. Vielleicht weil die bösen politischen Pfeile an diesem Abend im Köcher bleiben. Vielleicht auch, weil die Politik ausnahmsweise mal nicht ernst genommen werden will.

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