Aachen - Nackter „Messias“ bleibt lange im Entzug

Nackter „Messias“ bleibt lange im Entzug

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
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Alles Gute kommt von oben? Von wegen. An der Ecke Kardinalstraße / Krefelder Straße warf ein Verwirrter mit Dachpfannen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. „Der Verwirrte wird von Spezialkräften überwältigt“, hieß es Mitte Februar in den Berichten unserer Zeitung über den vom Furor gepackten nackten Mann, dessen „unterkühlte“ Aktion hoch oben auf einem Dachfirst bei null Grad am Dienstag von der 5. Großen Strafkammer abgeurteilt wurde.

Für die Kammer unter Vorsitz von Richter Roland Klösgen war Markus S. (43) aus Aachen nicht gänzlich „verrückt“, wie solch ein Geisteszustand landläufig genannt wird.

Markus S., der von dem Aachener Strafverteidiger Harald Bex vertreten wird, hatte in den vergangenen drei bis vier Jahren durchaus klare Momente, und zwar immer dann, wenn er nicht völlig von Drogen vollgepumpt durch die Lande lief, aber auch dann kleinere Straftaten beging, da er sich scheinbar permanent für einen Messias hielt und alles Irdische in seinem Sinne regeln wollte.

Bereits 2013 war er unvermittelt einem Passanten am Bahnhof Rothe Erde in den Rücken gesprungen, der 70-jährige Mann stürzte schwer. Und 2015 hatte er in der Rotunde am Elisenbrunnen Halbwüchsige, die dort auf ihren Skateboards herumrollten, bedroht. Er malte einen Kreis auf den Boden, den sie nicht betretet durften, die Kiddies taten es natürlich doch. Da zog er einen Schraubenzieher und bedrohte sie. Die Polizei hatte Mühe, ihn zu überwältigen. Für diese Tat kassierte er ein Jahr Haft ohne Bewährung.

Für das Gericht, das ein entsprechendes psychiatrisches Gutachten eingeholt hatte, war schnell klar, dass Markus S. bei jener Dachaktion am 17. Februar 2016 unter einer schweren, vom langen Drogenmissbrauch hervorgerufenen Psychose litt, es sprach ihn wegen zu diesem Zeitpunkt bestehenden mangelnden Zurechnungsfähigkeit für die Tat frei, ordnete allerdings eine mindestens sechsmonatige und höchstens zwei Jahre andauernde Entziehungsmaßnahme an.

Durstgefühl

Gegen Mittag war S. (Richter Klösgen mit einem Anflug von Ironie: „Er hat anscheinend eine Vorliebe für Dächer.“) an jenem schönen Wintertag mit einer Leiter auf das Dach des Mehrfamilienhauses in der Kardinalstraße geklettert und hatte begonnen, unter Beschimpfungen der Nachbarn und Passanten Dachpfannen aus ihren Halterungen zu lösen und sie in Richtung der parkenden Autos und den Menschen auf der Straße zu werfen. Und S. hielt trotz Kälte stundenlang durch, der Höhenrettungstrupp der Feuerwehr war Vorort. Sie alle wurden jedoch mit den schweren Ziegelpfannen beworfen, zwei Beamte leicht verletzt.

Bis eine Spezialeinheit der Polizei aus Köln ein Durstgefühl des nackten Dachmenschen zu einer spektakulären Aktion nutzte. Sie brachte ihm im Korb ein angefordertes koffeinhaltiges Getränk. Als Beamte den Becher übergaben, taserten sie den Nackten und zogen ihn in schwindelerregender Höhe zu sich in den Rettungskorb.

Markus S. ist inzwischen schon ein Dreivierteljahr in der Psychiatrie, es tue ihm alles furchtbar leid, sagte er.

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