Aachen - Nachts Tempo 30 auf Alt-Haarener-Straße?

Nachts Tempo 30 auf Alt-Haarener-Straße?

Von: Oliver Schmetz
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Bald vielleicht schon eine Versuchsstrecke: Die Verwaltung schlägt vor, im Rahmen eines Pilotprojekts auf der vielbefahrenen Alt-Haarener-Straße nachts Tempo 30 einzuführen. So will man erkunden, ob das Tempolimit tatsächlich eine Verbesserung für die 1800 lärmgeplagten Anwohner an der Haarener Ortsdurchfahrt bringt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Die Straße ist stark befahren, sie ist relativ eng und es wohnen dort viele Menschen. Das bedeutet, dass es dort laut ist, so laut, dass die Anwohner unter dem Lärm leiden – und damit ist die Alt-Haarener-Straße sozusagen prädestiniert für die Rolle des Versuchskaninchens. Denn die Verwaltung will dort testen, ob ein nächtliches Tempolimit von 30 Stundenkilometern die ausgesprochen hohe Lärmbelastung für die Bewohner auf ein erträgliches Maß reduzieren kann.

Es ist ein Vorschlag, über den die Politik entscheiden muss – und nicht nur über diesen einen. Denn im Ausschuss für Umwelt und Klimaschutz wird am kommenden Dienstag, 16. April, mit dem Lärmaktionsplan ein umfassendes Konzept vorgestellt, wie Aachen das vielfach gesundheitsgefährdende Problem Lärm in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in den Griff kriegen kann.

Dass es das Problem gibt, ist unbestritten. Denn zur jahrelangen Beschäftigung der Fachverwaltung mit dem Thema gehörte auch, die Ausgangssituation in Aachen möglichst genau und umfassend zu ermitteln, oder besser: zu ermessen. Mittlerweile liegt eine detaillierte Lärmkarte für das Stadtgebiet vor, die von rot-violett (sehr laut) über gelb bis grün (sehr leise) farbig vor Augen führt, wo es den Aachenern besonders in den Ohren dröhnt – und wo sich Oasen der Ruhe befinden. Letztere gibt es zwar auch einige, doch unter dem Strich steht die bittere Erkenntnis: An viel zu vielen Stellen der Stadt ist es viel zu laut – und zwar so laut, dass der Krach krank machen kann.

In Zahlen: Fast 38.000 Aachenerinnen und Aachener – rund 15 Prozent der Bevölkerung – sind einem gesundheitsgefährdenden Dauerlärm ausgesetzt. Knapp 100.000 leben in Straßen, in denen der Lärm regelmäßig den Schlaf stört. „Wir haben in Aachen sehr viele Straßen, die hoch mit Lärm belastet und dicht bewohnt sind“, fasst Jörg Hahnbück, der das Projekt im städtischen Fachbereich Umwelt federführend betreut, eine Erkenntnis zusammen. Mehr als 60 solcher in der Regel Hauptverkehrsstraßen, an denen vordringlich etwas zum Schutz der Anwohner getan werden müsste, listet die Verwaltung auf.

Die Alt-Haarener-Straße liegt in der Spitzengruppe. 76 Dezibel werden dort erreicht, die Zumutbarkeitsgrenze für Verkehrslärm liegt bei 70 dB(A), was dem Krach entspricht, den ein Staubsauger macht. Zum Vergleich: Laut der städtischen Analyse steigt das Herzinfarktrisiko bei einem Verkehrslärmpegel von 65 Dezibel außerhalb der Wohnung um 20 Prozent, bei 70 Dezibel sind es sogar 30 Prozent. An der Haarener Ortsdurchfahrt ist es noch lauter: „Bei offenem Fenster können Sie da im Wohnzimmer eine Unterhaltung vergessen“, weiß Hahnbück.

Dass man dort zumindest eine Linderung für die 1800 direkt betroffenen Anwohner schaffen kann, wenn man das Tempolimit nachts von 50 auf 30 senkt, dafür spricht einiges. Berlin habe damit bereits gute Erfahrungen gemacht, heißt es bei der Verwaltung, um drei bis fünf Dezibel könne mit einer solchen Geschwindigkeitsreduzierung die Lärmbelastung gesenkt werden. Das klingt nach wenig, wäre aber durchaus hörbar: Denn eine Reduzierung um 3 dB(A) bedeutet bereits eine Halbierung der Lautstärke.

Doch will man sich in Aachen nicht auf fremde Erfahrungen verlassen, sondern eigene machen – deshalb das Pilotprojekt. „Es ist ein Experiment, dessen Erfolg wir mit Messungen nachweisen müssen“, sagt Klaus Meiners, stellvertretender Leiter des städtischen Fachbereichs Umwelt. Ehe in Aachen nachts flächendeckend Tempo 30 zwecks Lärmschutz eingeführt werden könnte, dürfte es deshalb noch etwas dauern. Alleine das „Experiment“ – so die Politik überhaupt grünes Licht gibt – müsste auf ein bis zwei Jahre angelegt werden, schätzt Meiners.

Doch ist das Tempolimit nur eine kleiner Teil eines großen Maßnahmenpakets, dass die Verwaltung in den kommenden Jahren auspacken will – auch wenn nicht jede Maßnahme für sich durchschlagenden Erfolg verspricht und die Erwartungen der Anwohner vollkommen erfüllt. Jörg Hahnbück erwähnt in diesem Zusammenhang die vielen Lärmschutzwände, die im Stadtgebiet zuletzt an den Autobahnen entstanden sind oder erneuert und erhöht wurden, beispielsweise in Laurensberg und Verlautenheide. Denn gerade an diesen Stellen sei das Lärmproblem „sehr gravierend“. Bloß: Es kann nicht ganz beseitigt werden. Nachmessungen hätten gezeigt, dass es dabei physikalische Grenzen gebe, sagt Hahnbück: „An den Autobahnen kommt man nicht von 70 bis 80 Dezibel auf 50 hinunter. Das ist technisch nicht möglich.“

Auch an den 23 Kilometern Bahnschienen, die durch Aachen verlaufen, sind an vielen besonders belasteten Stellen von der Bahn schon Schutzwände gebaut worden, weitere entstehen jetzt auch in Laurensberg und Richterich. Außerdem habe die Bahn in fast 2000 Wohneinheiten neue Lärmschutzfenster zu 85 Prozent mitfinanziert, wie Aachens Umweltdezernentin Gisela Nacken betont.

Einen solchen Lärmschutz will die Stadt künftig auch an den stark belasteten Straßen forcieren – in Zusammenarbeit mit „Altbau plus“ wolle man dieses Thema angehen und geeignete Förderprogramme anzapfen, damit Hauseigentümer an lauten Straßen beim Fensteraustausch mehr auf den Lärmschutz achten. Denn klar ist nach der umfassenden Bestandsaufnahme in Aachen für die Dezernentin vor allem dies: „Der Straßenverkehrslärm hat sich zur Hauptbelastung entwickelt, er ist für uns eine zentrale Herausforderung.“ Und da anders als bei den Schadstoffen in punkto Lärm die technische Entwicklung bei den Fahrzeugen keine bahnbrechenden Verbesserungen verspreche, müsse man selber auf vielen Feldern aktiv werden.

Neben Tempolimits, Schallschutzwänden und speziellen Fenstern sollen dabei in den kommenden Jahren vor allem die Straßenbeläge ins Blickfeld rücken. Stichwort „Flüsterasphalt“: Auch damit könne man eine Lärmreduzierung von bis zu fünf Dezibel erreichen, betont der städtische Lärmexperte Hahnbück – und rechnet vor, welch ein Quantensprung dies in Sachen Verkehrsbelastung wäre: Auf einer Straße, die von 20 000 Fahrzeugen frequentiert wird, entspräche dies einer Reduzierung auf nur noch 5000 Fahrzeuge. Hier hat die Stadt bereits eigene Erfahrungen gemacht, „und vor allem die Rückmeldungen der Anwohner vom Boxgraben sind sehr positiv“.

Auf dem dortigen Stück des Graben- und Alleenrings war der lärmoptimierte Asphalt im Zuge der Umgestaltung der gesamten Straße aufgetragen worden. In solchen Fällen – wenn ohnehin eine Sanierung anstehe – sei der „Flüsterasphalt“ mittlerweile auch nicht mehr eine ausgesprochen teure Alternative. „Die Preise nähern sich immer mehr an“, meint Nacken, der Unterschied zum normalen Asphalt betrage mittlerweile nur noch einen Euro pro Quadratmeter, ergänzt Meiners. Von daher ist das Ziel, das Jörg Hahnbück formuliert, klar: „Alle Straßen, die stark befahren sind, müssen künftig mit lärmoptimiertem Belag ausgestattet werden.“

Dass das nicht von heute auf morgen geht, ist allen Beteiligten klar. „Wir werden keine schnellen Verbesserungen vorweisen können“, sagt die Dezernentin. „Nicht die einzelne Maßnahme macht es, sondern die Summe der einzelnen Bausteine wird den Erfolg bringen“, hofft der Projektleiter. In welchen zeitlichen Dimensionen sich das Projekt bewegt, zeigt auch ein Blick in die Vergangenheit. Nachdem die Europäische Union 2002 eine entsprechende Lärmschutz-Verordnung erließ, packte der Bund das Thema erst 2005 an. Die Zuständigkeit liegt indes bei den Kommunen, in Aachen entwickelte man bis 2007 in einer ersten Stufe einen „kleinen Aktionsplan“, der nun komplettiert ist. Alle fünf Jahre soll fortan überprüft werden, ob die Lärmbelastung der Aachener Bürger tatsächlich geringer geworden ist.

Dabei gibt es sie tatsächlich auch heute schon, die ruhigen Ecken in der Großstadt – auch diese Erkenntnis ist Ergebnis der großen Bestandsaufnahme. Solche Oasen der Ruhe sind der Stadtwald, der Kurgarten, die Kurgebiete, der Lousberg, einige Bachtäler und die Soers. Und auch hier gibt es einen Aktionsplan: Die Areale sollen – wie in einem weiteren Schritt auch der Park Altes Klinikum, der Westpark und der Ostfriedhof – vor Lärm geschützt werden. In der Praxis heiße dies, so die Verwaltung, dass man sich dort in Zukunft stets kritische Gedanken über weitere Bebauung und zusätzliche Verkehre machen müsse. Denn zum Lärmschutz gehört es nicht nur, die Bürger an den lauten Stellen zu schützen, sondern auch die ruhigen Ecken zu bewahren.

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