Nach über fünf Jahren startet „Carl“ durch

Von: Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
14387034.jpg
Endlich fertig: Das neue Hörsaalzentrum an der Claßenstraße wird am Dienstag nach Ostern komplett in Betrieb genommen und bietet dann mehr als 4000 Studierenden Platz. Foto: Harald Krömer
14387037.jpg
Der Blick geht aus der letzten Reihe des größten Hörsaals, der mit 1000 Plätzen so groß ist wie der große Hörsaal im Audimax. Foto: Harald Krömer

Aachen. In manchen Ecken stehen noch ein paar Kisten und Kartons herum. Techniker hasten hin und her, legen hier und da letzte Hand an, checken Licht-, Ton- und Klimatechnik. Und die arg verstaubten Fensterfronten müssten vielleicht noch einmal geputzt werden.

Aber das ist alles nichts, was diesem Projekt jetzt noch einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Nichts, was man bis zum Dienstag nach Ostern, wenn an der RWTH Aachen das Sommersemester beginnt, nicht noch in den Griff bekommen könnte.

Alle Türen öffnen

Denn dann öffnet in der Claßen-straße eines der modernsten und größten Hörsaalzentren Europas seine Türen. Und zwar alle. Seit November vorigen Jahres lief in dem 45-Millionen-Euro-Bau ein eingeschränkter Probebetrieb. Ein paar Tage in der Woche wurde ein Teil der Hörsäle und Seminarräume benutzt, an den anderen Tagen waren die Techniker unter sich. Und bisweilen traf man sich auch.

„Es ist die Krux eines Probebetriebs, dass Handwerker und Studenten manchmal auch gleichzeitig am Werk waren“, sagt Jörg Walbeck, Sachgebietsleiter in der Abteilung infrastrukturelles Gebäudemanagement der RWTH. Da fiel dann bei einer Vorlesung auch schon mal die Lüftung aus.

Das soll bei der großen Feuertaufe am 18. April, dem Dienstag nach Ostern, nicht passieren. Theoretisch könnte dann zum ersten Mal jeder Stuhl in dem riesigen und hochmodernen Gebäude, das von der RWTH auf den Namen „Carl“ (Central Auditorium for Research and Learning) getauft wurde, besetzt werden.

Dann würden dort fast so viele Studenten Platz finden, wie aktuell Zuschauer zu den Heimspielen der Alemannia pilgern: 4182 Lernplätze bietet das Hörsaalzentrum, davon 3542 in den elf Hörsälen und weitere 640 in den 16 Seminarräumen. Dazu gibt es eine große Pausenhalle mit Café, Flächen für die physikalische Sammlung, Lager und weitere Arbeitsräume. All das verteilt sich auf 14 000 Quadratmetern Fläche. Viel und vor allem dringend benötigter Platz zum Studieren steht jetzt bereit.

Endlich, muss man hinzufügen. Denn eigentlich sollte das ambitionierte Vorhaben schon im Oktober 2013 umgesetzt sein. Pünktlich zum Wintersemester, als damals der doppelte Abiturjahrgang ins Hochschulleben startete. Beim ersten Spatenstich Anfang Dezember 2011 war angesichts dieses sportlichen Zeitplans von einem „Wettrennen zwischen Bauleuten und angehenden Studierenden“ die Rede, und RWTH-Rektor Professor Ernst Schmachtenberg unterstrich mit deutlichen Worten den dringenden Bedarf. Für den doppelten Abiturjahrgang brauche er die „Hütte“, sagte er. „Sonst brennt hier die Hütte.“

Bauzeit 64 Monate

Doch die angehenden Studenten bauten ihr Abi wesentlich schneller als der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW Schmachtenbergs „Hütte“. Statt über 22 Monate zog sich die Bauzeit 64 Monate hin. Das Vorzeigeprojekt litt unter einer munteren Abfolge von Pleiten, Pech und Pannen: Erst musste der Entwurf des dänischen Büros „schmidt hammer lassen architects“ abgespeckt werden, weil er den vom Land gesteckten Kostenrahmen in Höhe von 45 Millionen Euro gesprengt hätte. Dann gab es Beschwerden von Baufirmen im Vergabeverfahren, eine Firma klagte sich sogar ein. Und dann gingen auch noch Firmen während des Baus pleite. Die Folgen: Immer wieder lag die Großbaustelle still.

Derweil brannte an der RWTH die Hütte. Um die stark steigenden Studentenzahlen zu bewältigen, wurden am Westbahnhof ein provisorisches Gebäude mit Not-Hörsälen und auf dem Parkplatz hinterm Reiffmuseum an der Schinkelstraße ein temporärer Seminarbau errichtet – für immerhin stolze 4,5 Millionen Euro. Kein Wunder, dass man sich an der RWTH darüber freut, dass die Zeit der Provisorien jetzt endlich vorbei ist.

„Natürlich sind wir sehr froh, dass wir nun endlich unser neues Hörsaalzentrum ohne Einschränkungen nutzen können – wir mussten ja bekanntermaßen etwas länger warten, als ursprünglich geplant war“, sagt Rektor Schmachtenberg mit Blick auf die bevorstehende Eröffnung. Das Carl sei ein Ort, an dem moderne Lehre gelebt werden könne, und werde gewiss auch ein neuer Mittelpunkt der Hochschule. „Die Verzögerungen auf dem Weg dahin haben ganz nebenbei gezeigt, dass diese Hochschule eine starke Einheit bildet, die jederzeit in der Lage ist, auf Unvorhersehbares zu reagieren“, so der Rektor.

Feierliche Eröffnung im Juni

Beim Bauherrn, dem BLB, will man sich auf Anfrage jetzt noch nicht zu Carl und seiner langen Entstehungsgeschichte äußern und verweist auf die feierliche Eröffnung, zu der Anfang Juni auch NRW-Wissenschaftsministerin Svenja Schulze nach Aachen kommen soll – falls die Landtagswahl am 14. Mai die Gästeliste nicht noch durcheinanderwirbelt.

Was so lange währte, ist aber auch gut und beeindruckend geraten. Der Bau, der von außen kompakt, kastenförmig und je nach Blickwinkel nahezu fensterlos wirkt, ist im Innern erstaunlich hell und lichtdurchflutet. Das gilt insbesondere für die große Halle, an deren Seiten über mehrere Stockwerke die Hörsäle und ganz oben die Seminarräume liegen. Freischwebende Treppen, Brücken und Galerien schaffen viel Raum und erzeugen ein Gefühl der Offenheit, helles Eichenparkett veredelt die Treppenstufen und zum Teil auch die Böden.

In den Hörsälen, die allesamt verschiedenfarbig gestaltet sind, herrscht dagegen nur künstliches Licht. Fenster Fehlanzeige, dafür sind die riesigen Räume mit den teils steil ansteigenden Stuhlreihen mit Technik vollgepackt. „Moderner geht es nicht“, sagt Walbeck. Eines der technischen Highlights ist, dass jeder der elf Säle – der größte ist mit 1000 Plätzen so groß wie der große Saal im Audimax, der kleinste fasst 81 Zuhörer – mit drei Beamern ausgestattet ist.

Möglich ist damit, bei einer Vorlesung drei verschiedene Bilder zu projizieren. Die Beamer können aber auch zu einem großen Bild zusammengeschaltet werden. Die Stuhl- und Pultreihen verfügen außerdem über etliche Steckdosen, und natürlich ist WLAN überall frei verfügbar – auch wenn 1000 Studierende im größten Hörsaal gleichzeitig online gehen wollen. Und hoch modern ist auch das Fahrradparkhaus im Keller, in das 600 Drahtesel hineinpassen.

Dass man die schicken neuen Räume auch für andere Dinge als bloß zum Lernen nutzen kann, darüber macht man sich bei der RWTH aktuell auch Gedanken. Schließlich kann man Hörsäle – das Audimax macht es seit vielen Jahrzehnten vor – auch gut als Bühnen für Kleinkunst, Kabarett, Musik und Theater nutzen. „Wir überlegen, ob wir dabei eventuell sogar selber als Veranstalter auftreten werden“, sagt RWTH-Pressedezernent Thorsten Karbach.

Zunächst wird dort aber erstmal gebüffelt. Die paar Kisten und Kartons in manchen Ecken stehen nach Ostern bestimmt nicht mehr herum. Und die Fenster putzt sicher auch noch jemand.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert