Nach Orkanwarnung evakuiert: „Xynthia” wirbelt Euregio durcheinander

Von: Robert Flader und Robert Esser
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Dachschaden: Dieser Kleinbus wurde in der Robert-Koch-Straße von einem Baum getroffen und erheblich beschädigt. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. Die junge Frau steht ein wenig ungläubig am Straßenrand. „Ich hatte richtig Angst.” Der Schock steht Ute Wagemann ins Gesicht geschrieben. Den Ausgang hat sie soeben erreicht. „Endlich”, sagt sie erleichtert. Eigentlich wollte die 43-Jährige bei der Euregio Wirtschaftsschau „ein paar Eindrücke sammeln und nach neuen Haushaltsgeräten schauen.”

Das Vergnügen war jedoch nur von kurzer Dauer. Bis Sturmtief „Xynthia” übernahm und mit Windgeschwindigkeiten von über 120 Stundenkilometern auf Aachen zuraste - mit sichtbaren Folgen auch abseits des Bendplatzes.

Plexisglas-Kuppel abgestürzt

Sämtliche Straßen der Stadt sind mit Zweigen und Ästen übersät. Fahrräder und Motorroller liegen vielerorts am Straßenrand. Baustellenschilder, Barken und Absperrgitter bläst der Wind reihenweise um. In der Robert-Koch-Straße stürzt ein Baum auf einen Kleinbus. Am Bahnhof Rothe Erde wird ein riesiger Baum entwurzelt, er stürzt auf einen Fahrad-Unterstand.

Im Inda-Gymnasium landet eine drei mal drei Meter große Plexiglas-Dachkuppel auf dem Schulhof. Am Montag soll das Schulgebäude auf weitere Schäden untersucht werden. Schulleiter Arthur Bierganz hat deswegen den Unterricht für die gut 1200 Schüler abgesagt: „Aus Sicherheitsgründen bleibt die Schule geschlossen.”

Zwei Bewohner eines Mehrfamilienhauses werden leicht verletzt, als eine Fensterscheibe durch den Winddruck zersplittert. Umherfliegende Dachziegel beschädigen mehrere geparkte Pkw. Auf dem Karlsgraben durchschlägt ein Ast die Windschutzscheibe eines Autos. Der Fahrer kommt mit dem Schrecken davon.

Auch die Hubertuskirche - im Volksmund Backenzahn genannt - wird vom Sturm in Mitleidenschaft gezogen. Bis zum Abend verzeichnet die Polizei über 100 sturmbedingte Einsätze. Zeitweise sperrt sie die Autobahn zwischen dem Aachener Kreuz und Brand. Am Abend wird der Zugwerkehr in NRW ausgesetzt - Stillstand auch am Aachener Hauptbahnhof. Mit Verspätungen und Behinderungen muss auch im Berufsverkehr am Montagmorgen gerechnet werden, heißt es.

Die Feuerwehr zählt über 200 Einsätze - darunter auch auf dem Gelände einer großen Spedition. Dort hat der Sturm Rauchabzugshauben weggerissen. Die Feuerwehr versucht das Dach abzudichten, damit die kostbaren Waren in der Lagerhalle nicht vom Regenwasser durchnässt werden. Um 16.10 Uhr gibt die Leitstelle eine „Sturmwarnung der höchsten Priorität” heraus: „Die Bevölkerung wird aufgerufen, in ihren Häusern und Wohnungen zu verbleiben, bis sich der Sturm gelegt hat”, heißt es darin.

So muss die 24. Auflage der populären Wirtschaftsschau am Sonntagnachmittag wegen Orkanwarnungen und Sturmböen mit Windstärke 12 abgebrochen werden. Besucher und Beschäftigte müssen in Windeseile das Gelände verlassen. „Ich war keine halbe Stunde in den Hallen”, sagt Ute Wagemann mit einer Mischung aus Enttäuschung und Erleichterung. „Es war unglaublich laut, und ständig hörte man irgendwo etwas kaputtgehen. Das war richtig unheimlich.” Mit ihr verlassen innerhalb von knapp 30 Minuten mehrere tausend Menschen das Bendgelände. „Xynthia”, das am Wochenende in Europa wütete und auch in NRW Unwetterwarnungen auslöste, hatte die Region erreicht und wirbelte die Euregio gehörig durcheinander.

„Eine reine Vorsichtsmaßnahme”, nennt Messeleiterin Gabi Kramer die Evakuierung, bevor sie sich den Besuchermaßssen am Eingang, der nun auch als Ausgang genutzt wird, entgegenwirft. Sie will sich selbst ein Bild von möglichen Schäden machen. Die Sicherheit in den Zelten sieht sie nicht gewährleistet. „Wir hatten keine Wahl”, sagt sie.

Besucher und Angestellte werden innerhalb von Minuten zügig, aber ohne Hektik, zu den Ausgängen an der Kühlwetter- und Süsterfeldstraße geführt. „Die Zelte sind zwar bis Windstärke 10 zugelassen, aber bei Böen der Stärke 12 wäre das zu riskant”, sagt Norbert Hermanns, Initiator der Euregio Wirtschaftsschau. „Auch wenn die Hallen das aushalten: Wir müssen sehr vorsichtig und verantwortungsbewusst handeln.”

Keine halbe Stunde vergeht, bis in den Zelten eine gespenstische, fast schon unwirkliche Atmosphäre herrscht: Wo sich eben noch tausende Besucher tummelten, ist wenige Minuten später keine Menschenseele mehr zu sehen. Die Stände sind zugeklappt, einzig K.I.T.T., das sprechende Auto aus der Kult-Fernsehserie „Knight Rider”, wacht am Ausgang, als ginge den Flitzer der ganze Trubel nichts an. Als kleinen Trost erhielten die Besucher beim Verlassen Freikarten für einen Besuch in den kommenden Tagen.

Draußen steht Ute Wagemann noch immer am Ausgang. „So etwas habe ich noch nie erlebt”, sagt sie und geht.
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