Nach der Vollbremsung will Gisela Nacken erst mal Luft holen

Von: Oliver Schmetz
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Nicht nur die Aussicht wird sie vermissen: 16 Jahre lang konnte die Dezernentin Gisela Nacken von ihrem Büro im siebten Stock des Verwaltungsgebäudes Marschiertor einen Panoramablick auf Aachen genießen. Jetzt muss sie ihren Posten räumen. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Das geräumige Büro ist tipptopp aufgeräumt, die Schreibtischplatte blank gefegt, und an der großen Längswand kann man die Stelle erkennen, an der vor kurzem noch ein Bild gehangen hat. Gisela Nacken ist dem Blick des Besuchers gefolgt. „Ich habe schon gepackt“, sagt die Frau, die bis Freitag noch Aachens Planungs- und Umweltdezernentin ist, „und die Sachen mitgenommen, an denen mir besonders viel liegt.“

Das fehlende Kunstwerk zeigt den von Christo verhüllten Reichstag. Geschenkt hat es ihr die grüne Landtagsfraktion. Damals, im Januar 1999, als sie aus dem Düsseldorfer Landtag ausschied. „Auch ein Abschied“, sagt Gisela Nacken jetzt, fast auf den Tag 16 Jahre später, „aber doch ein ganz anderer Abschied.“

Damals verließ sie den Landtag, in dem sie sich als grüne Fraktionssprecherin nicht zuletzt mit dem SPD-Wirtschaftsminister und späteren Ministerpräsidenten Wolfgang Clement harte Auseinandersetzungen um Straßenbauprojekte lieferte, um in Aachen Bau- und Planungsdezernentin zu werden.

Jetzt räumt die 57-Jährige diesen Posten. Besser gesagt: Sie muss ihn räumen. Weil sich CDU und SPD in Aachen nach der jüngsten Kommunalwahl auf eine große Koalition einigten, war im Verwaltungsvorstand kein Platz mehr für die grüne Dezernentin – zumal ihre Amtszeit praktischerweise auslief.

Dass sie von der neuen Mehrheit ausgebremst wurde, habe sie nicht verwundert, sagt die Grüne. „Das ist in einer Demokratie normal“, sagt sie. Dass sich diese Mehrheit überhaupt gebildet hat, habe sie aber schon überrascht. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, räumt die Frau ein, die bei besagter Wahl noch gegen ihren eigenen Chef OB Marcel Philipp (CDU) für das Oberbürgermeisteramt kandidierte – und viel deutlicher unterlag, als sie selbst erhofft hatte. „Damals war es ein nahtloser Übergang, diesmal ist es eine Vollbremsung“, vergleicht Nacken die beiden Abschiede von 1999 und 2015.

Es sind nicht nur solche Sätze, in denen an diesem Mittwochmorgen Wehmut mitschwingt. Die scheidende Dezernentin spricht ganz offen von einer gewissen „Traurigkeit“, die sie „in diesen Räumen“ im Verwaltungsgebäude am Marschiertor begleitet, seit die Nicht-Verlängerung ihres Vertrages feststeht. Vor zwei Wochen haben ihre Mitarbeiter sie verabschiedet: Fast alle standen draußen auf der Straße und winkten mit weißen Taschentüchern hinauf zum siebten Stock, wo Nacken ihr Büro hat.

„Das war wie beim CHIO und hat mich sehr gerührt“, sagt sie. Seitdem war sie kaum noch da – Resturlaub. An diesem Mittwoch ist es vermutlich ihr letzter Besuch in diesem Büro, in dem sie 16 Jahre gearbeitet hat. Und am Freitag hat sie ihren letzten Termin im Dienst der Stadt, die Jury-Sitzung eines Architekturwettbewerbs. „Das ist dann sozusagen meine letzte Amtshandlung“, sagt sie lachend, „was für ein schrecklicher Begriff.“

Stolz auf das Geleistete

Diese Arbeit wird sie vermissen, das weiß sie. Schließlich ist Gisela Nacken stolz auf das, was sie geleistet hat. Und das „nicht nur für Grüne, sondern für alle Aachener“, wie sie betont – auch wenn sie in den vergangenen Jahren sicher die größte Reizfigur in der Verwaltungsspitze war und bisweilen heftig attackiert wurde. Aber davon ließ und lässt sie sich nicht beirren. Als größten Erfolg ihrer Amtszeit verbucht sie „die ganze Innenstadtentwicklung“ der vergangenen Jahre.

„Die finde ich schon klasse.“ Und die Antwort auf die Frage nach der bittersten Niederlage kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ganz klar: Das war die Campusbahn.“ Dass das ambitionierte innerstädtische Schienenprojekt vom Bürger mit so deutlicher Mehrheit aufs Abstellgleis geschoben worden ist, hängt ihr immer noch nach. Besonders am Herzen lag ihr außerdem nach eigenem Bekunden das Thema „soziale Stadt“ – damals im Ostviertel und aktuell in Aachen-Nord.

Diese Stadtteilerneuerungsprojekte, „die mehr mit Menschen als mit Steinen zu tun haben“, verbucht sie auf der Habenseite – nicht nur auf ihrer eigenen, sondern für die ganze Stadt. „Das ist doch die Frage, die uns im Moment am meisten beschäftigt“, sagt sie: „Wie solidarisch ist die Stadtgesellschaft?“

Wenn man die ehemalige Politikerin und bald ehemalige Dezernentin so reden hört und gestikulieren sieht, kann man sich nicht vorstellen, dass damit jetzt Schluss ist. Dass sie vielleicht nur noch „irgendein Ehrenamt“ übernimmt, wie sie schon laut überlegt hat, und sich ansonsten heraushält aus allem, was bisher ihr (Arbeits-)Leben bestimmt hat.

„Was wird, weiß ich noch nicht“, sagt Gisela Nacken, auch wenn bereits einige Gerüchte um ihre berufliche Zukunft kursieren und sie – wie sie bestätigt – ein paar konkrete Jobangebote vorliegen hat. „Ich muss nachdenken, was ich machen will“, erklärt sie dazu bloß, „ich brauche zwei, drei Monate Luft, etwas Durchzug im Kopf. Aber ich werde bestimmt nicht Hausfrau oder Muter, wo die Kinder schon aus dem Haus sind.“ Nicht zuletzt war das ja in den vergangenen 16 Jahren in Aachen vor „ein toller Arbeitsplatz“.

Während Gisela Nacken das sagt, schaut sie noch einmal aus ihrem Bürofenster, das einen prachtvollen Panoramablick über Aachen erlaubt. „Diese Aussicht werde ich auch vermissen“, sagt sie. Aber sie kann schließlich nicht alle Sachen, an denen ihr besonders viel liegt, einpacken.

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