Nach dem Paris-Trip bleibt vor allem tiefe Dankbarkeit

Von: Matthias Hinrichs
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Aachen. Hier folgt der Grundtext.

Aachen/Paris. Als der erste Sprengsatz detoniert, ahnen auch die Everdings nichts Böses. „Wir dachten, da sei irgendwo ein Böller hochgegangen“, sagt Hildegard Everding, „obwohl wir uns schon ein bisschen gewundert haben. Der Knall war gewaltig.“

Erst Stunden später erfährt das Ehepaar aus Burtscheid, dass nur wenige Meter entfernt von seinen Sitzplätzen auf den oberen Rängen im Block D des Stade de France der erste Selbstmordattentäter seinen Sprengsatz gezündet und einen Passanten mit in den Tod gerissen hat. „Das war direkt vor einem kleinen Imbiss – nur eine gute Stunde vorher hatten wir dort noch gegessen“, erzählt Rolf Everding.

Viel später erst werden die beiden begreifen, welches Ausmaß der Horror an diesem Wochenende noch annehmen soll. Dass der erste Plan des Attentäters gescheitert ist – sich mitten unter die Gäste in eben jenem Abschnitt des Stadions zu mischen. Dass sie selbst Riesenglück hatten.

Dabei sind die Everdings in die Stadt der Liebe gekommen, um eine ganz andere Art von Glück zu feiern: Die künftige Schwiegermutter ihres Sohnes, die dort lebt, hatte sie eingeladen – zum Familien-Rendezvous unterm Eiffelturm sozusagen. In ein paar Monaten will ihr Sprössling mit seiner jungen Frau aus Paris vor den Traualtar treten. Und weil deren Mama, die in Châtillon wohnt, einem Städtchen im Südwesten der Metropole, schon seit langem ein Ticket fürs Freundschaftsspiel der „Équipe Tricolore“ gegen die deutsche Elf ergattert hat, reservieren auch die stolzen Eltern des Bräutigams aus Aachen beizeiten zwei Plätze in der Arena von St. Denis.

Mit dem jungen Paar will man die bilaterale Begegnung auf sportlicher Ebene quasi als Steilpass nehmen, einander privat ein wenig näher zu kommen. „Erst gegen Ende der Partie war eine zunehmende Unruhe im Stadion zu spüren“, erzählt Hildegard Everding. Doch schon bevor der Schlusspfiff ertönt, geben die Handys kaum noch Ruhe. „Wir erhielten die ersten Nachrichten von unserer Tochter, von besorgten Freunden und Geschwistern – da wussten wir selbst wohl noch weniger als die, weil die Meldungen von Terroranschlägen schon durch die Medien gingen.“ Dann werden sie über die Anzeigentafeln aufgefordert, den Weisungen der Ordner zu folgen.

„Das Ganze lief völlig ruhig ab, ohne Hektik, offenbar bestens organisiert“, berichten sie. Sie erfahren nur, dass das Portal an Block D gesperrt ist. Über die oberen Ränge werden sie zu einem anderen Ausgang geführt – während zahlreiche Fans von den unteren Sitzplätzen aus bereits aufs Spielfeld rennen. „Selbst darüber“, erzählen sie, „haben wir uns noch nicht gewundert. Wir dachten, die wollen ihr Team beglückwünschen.“

Nach einer Dreiviertelstunde bereits steigen die Everdings in die Metro Richtung Châtillon. „Merkwürdig schien uns nur, dass sämtliche Schleusen zu den Bahnsteigen geöffnet waren. An den Haltestellen haben wir jede Menge Polizisten gesehen.“ Erst jetzt wird ihnen allmählich klar, dass sich an diesem Freitag, dem 13., mehr als „nur“ ein einzelner Anschlag am Rand des Stadions ereignet hat. Dennoch: „Erst vor dem Fernseher im Hotel haben wir begriffen, was für eine Katastrophe sich in der Stadt abspielte.“

Trotzdem entschließen sie sich, die Rückreise mit ihrem Wohnmobil wie geplant erst am Montag anzutreten. „Für Samstagabend hatten wir einen Tisch in einem Restaurant ganz in der Nähe von Notre Dame reserviert. Nachmittags waren wir gemeinsam im Quartier Latin unterwegs. Die Atmosphäre war furchtbar, man kann das kaum beschreiben. Normalerweise soll dort um diese Zeit ja enormer Trubel sein. Diesmal waren nur wenige Menschen auf den Straßen; sie schienen völlig in sich gekehrt, fast apathisch.“ Wenn überhaupt, sprechen die meisten vor allem in ihre Handys. Statt von romantisch-fröhlicher Stimmung ist die Szenerie geprägt von Blaulicht auf den Straßen, Hubschraubern über den Köpfen. „An jeder Ecke standen schwer bewaffnete Polizisten. Es war bedrückend.“

Viele Gaststätten sind dicht. Auch am Picasso-Museum stehen die Everdings und ihre Gastgeber vor verschlossenen Türen. Mit einiger Mühe ergattern sie einen Platz in einem Café, werden aber beizeiten hinauskomplimentiert. Immerhin: Das Diner im Herzen der wie betäubt anmutenden City kann stattfinden – auch wenn sich der Appetit allseits in Grenzen hält. Trotzdem wollen auch die Aachener sich nicht einschüchtern lassen. „Sonntag wollten wir nach Versailles – aber auch da ging nichts mehr“, erzählt Everding. Statt des prächtigen Schlosses besuchen sie ein beschauliches Chateau vor der Stadt.

Montagmittag treten sie die Heimreise an – über jene Route, auf der einer der Terroristen kurz zuvor Richtung Belgien geflüchtet ist. „Vor der ersten Mautstation wurden wir an einer Armada von Polizisten vorbeigelotst. Sie haben nur kurz ins Auto geschaut und uns dann weiterfahren lassen“, schildert Everding die letzten Eindrücke von einer Stadt, einem ganzen Land im Ausnahmezustand. Die Weiterfahrt über Brüssel geht – abgesehen von üblichen Feierabendstaus – reibungslos vonstatten.

Was bleibt in ihren Köpfen, in ihren Herzen und Bäuchen angesichts des menschenverachtenden Terrors, der an diesem unseligen Wochenende wie ein lähmender Schatten über dem Traum vom neuen Familienglück lag? Hildegard Everding hält kurz inne. „Ich glaube, wir haben das erst einmal so weit weggeschoben, wie es ging. Ich will nicht daran denken, was hätte geschehen können, wenn... Man kann gar nicht in Worte fassen, was man empfindet angesichts dieser Unmenschlichkeit.“ Eines aber, sagt sie, werde bleiben: „Wir sind unglaublich dankbar.“

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