Aachen - MVA Weisweiler: Heißer Dampf als politischer Zündstoff

MVA Weisweiler: Heißer Dampf als politischer Zündstoff

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
13508055.jpg
Es dampft – auch politisch: Die Abwärme der MVA Weisweiler ist zum großen Zankapfel geworden. Foto: Michael Jaspers
13508077.jpg
stawagmja1 26.10.2016 stawag lombardenstraße

Aachen. Das Thema ist weit mehr als heiße Luft. Auch wenn es genau darum geht. Nämlich um den Dampf, der in den Kühlanlagen der Müllverbrennungsanlage (MVA) Weisweiler entsteht. Mit diesem Dampf, der als „Abfallprodukt“ einfach so da ist, kann man Geld verdienen. Man kann über eine Turbine Strom daraus machen. Oder man kann ihn als Fernwärme verkaufen.

Mit wem die MVA demnächst das Dampfgeschäft macht– darum geht es hinter den Kulissen, auch politisch, heiß her. Lange deutete vieles darauf hin, dass es eine große „kommunale Lösung“ geben soll. Die MVA – sie gehört zu 50 Prozent Stadt, Städteregion und Kreis Düren – sollte ab 2020 Fernwärme an die hundertprozentige städtische Tochter Stawag liefern.

Die wiederum hätte der MVA mehrere Millionen Euro pro Jahr dafür bezahlt. Mit dieser Nebeneinnahme wäre die MVA, über deren Schließung und Abriss auch bereits diskutiert worden ist, wirtschaftlich vorerst gesichert.

Jetzt aber geht es in eine andere Richtung. Bislang übernahm RWE den Dampf und machte ihn zu Strom. RWE ist aber auch Fernwärmelieferant – mit der Stawag als Kunde. Die Wärme kommt aus dem Kraftwerk Weisweiler. RWE hätte bei der Kooperation zwischen MVA und Stawag in die Röhre geblickt. Das lukrative Geschäft wollte man sich aber nicht kampflos durch die Lappen gehen lassen und legte der MVA ein eigenes Angebot vor. Und das ist, so heißt es in politischen Kreisen unisono, so gut, dass diese es kaum ablehnen kann. So deutet vieles darauf hin, dass RWE angesichts des bisherigen Geschachers um den Dampf der lachende Dritte sein wird.

Es käme dann zu einer abstrus anmutenden Situation. Die zumindest teils städtische Tochter MVA verkauft den Dampf an das Privatunternehmen RWE statt an die städtische Tochter Stawag, die ihrerseits die Wärme von RWE kaufen muss. Und dafür natürlich ordentlich zahlen muss. Denn RWE würde demnächst einen satten Aufschlag verlangen – statt 20 soll die Stawag dann 30 Euro pro Megawattstunde berappen, so wird es aus der Politik kolportiert. Nach AZ-Informationen stimmt das so nicht ganz, das Plus liegt demnach niedriger. Dennoch: Die Stawag müsste entweder bei den eigenen Kunden höhere Preise nehmen oder aber einen Gewinneinbruch in diesem Bereich hinnehmen.

Ausgangspunkt aller Überlegungen: Bisher liegt der Verbrennungspreis für eine Tonne Müll in der MVA Weisweiler bei ungefähr 115 Euro. Das ist viel zu teuer, andere Anlagen liegen weit darunter. Weswegen es zunehmend schwierig wird, genügend Müll zu akquirieren, um die Kapazität der Anlage von 360.000 Tonnen pro Jahr auslasten zu können.

Von den im Zweckverband Entsorgungsregion West (ZEW) zusammengeschlossenen Kommunen – ebenfalls Stadt und Städteregion Aachen und Kreis Düren – kommen etwa 125.000 Tonnen. Die Entsorgungsgesellschaft Niederrhein (EGN) – Tochter der Stadt Krefeld – als anderer Teilhaber der MVA liefert 180.000 Tonnen pro Jahr. Die Lücke muss also durch „zugekauften“ Müll geschlossen werden. Dafür braucht man attraktive Preise. Da die MVA bald abgeschrieben ist, sinkt der Verbrennungspreis auf rund 80 Euro pro Tonne. Das reicht noch nicht. Also muss es noch „Nebeneinnahmen“ geben – da kommt der Dampf ins Spiel. Mit dessen Verkauf kommt die MVA nach AZ-Informationen auf einen Verbrennungspreis von rund 74 Euro pro Tonne.

Und zwar sowohl bei einem Geschäftsabschluss mit RWE als auch bei einem solchen mit der Stawag. Allerdings müsste die MVA bei der Stawag-Lösung rund 40 Millionen Euro investieren – hauptsächlich in den Bau einer eigenen Turbine. Ein weiteres Risiko: Die Transportleitung nach Aachen gehört RWE. Selbst wenn man RWE juristisch zwingen würde, die Leitung freizugeben, so könnte RWE dasselbe für das Stawag-Leitungsnetz in der Stadt verlangen und dann in Aachen mit Dumpingpreisen Großkunden abfischen.

Schwarzer Peter

Logischerweise läuft alles auf die risikoärmere RWE-Variante hinaus. Aber nun wird in dieser sehr komplizierten Gemengelage, die noch viele andere Facetten hat, der Schwarze Peter fröhlich hin und her geschoben. Hat die Stawag – trotz eines entsprechenden Aufsichtsratsbeschlusses von Mitte 2015 – zu lange gezögert, ein Angebot der MVA anzunehmen und RWE damit die Tür geöffnet? Oder hat die MVA die kommunale Lösung verhindert, weil sie ihr Angebot bis heute unter den Vorbehalt der Zustimmung aller Gremien stellt und somit die Stawag keine Sicherheit hat? Hat die städtische CDU die interne Lösung blockiert, obwohl ihr eigener OB Marcel Philipp die kommunale Variante stets präferierte und auch der Koalitionspartner SPD eindeutig dafür ist?

Die Grünen machen ein „Totalversagen“ der großen Koalition aus. Zumindest müsse man nun, da das Kind in den Brunnen gefallen sei, dafür sorgen, dass RWE der Stawag beim Fernwärmepreis weiter entgegenkommt. Bei der Stawag selbst findet man es auch nicht toll, dass der Lieferant RWE kräftig an der Preisschraube drehen will, glaubt aber dennoch, die Kunden nicht zusätzlich belasten zu müssen. Immerhin hat RWE nach AZ-Informationen zugestimmt, dass die Stawag nur rund zwei Drittel der für Aachen benötigten Fernwärme kauft. Das andere Drittel will der städtische Versorger in Heizkraftwerken selber erzeugen, die allerdings noch gebaut werden müssen und für die es schwierig wird, die nötigen Bundeszuschüsse zu bekommen.

Das Ende dieser Geschichte samt aller Konsequenzen ist auf dem Papier noch offen. Rein formal läuft noch bis Freitag eine Frist der Stawag an MVA und RWE, nochmals verbesserte Angebote abzugeben. Dass sich an der jetzigen Lage etwas ändert, ist aber unwahrscheinlich. Dennoch soll ein längst eingeschalteter Gutachter – das Aachener Büro BET des früheren Ratsherrn Michael Ritzau – dann nochmal alle Varianten bewerten. Am 5. Dezember soll der Stawag-Aufsichtsrat endgültig entscheiden, von wem man die Fernwärme kauft.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert