Mutter und Kind vor Tür gesetzt: Stadt schweigt

Von: Matthias Hinrichs
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Aachen. Wie kann es sein, dass das Jugendamt der Stadt Aachen eine junge Mutter mitsamt ihrem fünfjährigen Sprössling kurzerhand auf die Straße setzt? Die Frage treibt dieser Tage nicht nur die unmittelbar Betroffenen um.

„In unverantwortlicher Weise haben die Behörden den umgehenden Auszug meiner Klientin und ihres kleinen Sohnes aus einer Mutter-Kind-Einrichtung an der Friedrich-Ebert-Allee praktisch Knall auf Fall angeordnet“, empört sich Günther Kardynal. Der Berufsbetreuer ist bekannt dafür, dass er Auseinandersetzungen mit Justiz und Stadt notfalls nicht aus dem Weg geht. Allein: Auch auf AZ-Anfrage sind die beteiligten Stellen nicht bereit, Stellung zu beziehen.

„So einen Skandal“, empört sich Kardynal, „habe ich in meiner professionellen Betreuungstätigkeit allerdings noch nie erlebt.“ Seit Jahren kümmert sich der ehemalige Polizist um die junge Frau, weil die aufgrund einer Lernbehinderung nicht geschäftsfähig und mit der Regelung ihrer persönlichen Angelegenheiten häufig überfordert sei. Das aber habe die Verantwortlichen vom Jugendamt nicht davon abgehalten, sie massiv unter Druck zu setzen: „Man eröffnete ihr, dass ihr Sohn zunächst für ein bis zwei Jahre zu einer Pflegefamilie nach Belgien ziehen solle“, erklärt Kardynal. „Doch als ich die zuständige Sachbearbeiterin im Jugendamt bat zu klären, ob meine Klientin eine Wohnung mit Kinderzimmer erhalten könne, wurde deutlich, dass überhaupt keine Absicht bestand, den Jungen jemals wieder in die Obhut seiner Mutter zu bringen.“

Nur unter dieser Voraussetzung aber habe sie in die geplante Maßnahme eingewilligt – zumal die Befürchtung bestanden habe, dass eine Rückführung des Kindes angesichts der unterschiedlichen rechtlichen Gegebenheiten in Belgien und Deutschland schwierig werden könne. Den fatalen Vertrauensverlust nahm sie zum Anlass, ihre Zustimmung zum Umzug des Kindes nach Ostbelgien zurückzuziehen. Allein dies, wettert ihr Betreuer, habe letztlich den Rauswurf aus der Einrichtung in Burtscheid innerhalb weniger Tage zur Konsequenz gehabt. „Alles, was man ihr am Ende anbot, war eine Unterbringung in einer Obdachloseneinrichtung – ein karges Zimmer mit Tisch, Stuhl, Bett, Schrank –, ohne irgendwelche weitere Unterstützung. Diese Zumutung haben wir ebenfalls abgelehnt.“ Beim Jobcenter habe er unterdessen 50 Euro erhalten, um Mutter und Kind aus der akuten finanziellen Bredouille zu helfen. „Das war’s – es ist unfassbar“, sagt Kardynal. Anspruch auf weitere Unterstützung könne seine Klientin nicht geltend machen. Inzwischen sei die junge Frau daher notgedrungen bei ihrer Mutter in Kohlscheid untergekommen. Dort habe das Jugendamt bereits erste Schritte unternommen, um eine adäquate Versorgung zu gewährleisten, unterstreicht der Betreuer.

„Kein Kommentar“ heißt es derweil bei der Stadt. „Wir haben die klare, auch mit dem Rechtsamt vereinbarte Regelung, in derlei Fällen keine Auskünfte zu geben“, unterstreicht Björn Gürtler vom Presseamt. Generell sei allerdings zu betonen, dass die Vermittlung Richtung Belgien in der Trägerschaft einer etablierten Fachstelle mit Sitz in Aachen geplant gewesen sei: „Das muss grundsätzlich so sein – und damit hätten wir selbstverständlich weiter auch den gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland Rechnung getragen.“ Auch Udo Wilschewski, Leiter des für das Mutter-Kind-Haus in Burtscheid zuständigen Zentrums für Soziale Arbeit am Branderhofer Weg, lehnte eine konkrete Stellungnahme unter Verweis auf die verantwortlichen Stellen bei der Stadt ab.

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