Motorräder sind bei der Heiligtumsfahrt ein Segen

Von: Robert Esser
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Hier geht‘s lang: Franz-Josef Staat, Leiter des Pilgerbüros, weist Besuchern der Heiligtumsfahrt den Weg. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Sieben Jahre nach der letzten Heiligtumsfahrt erwartet das Domkapitel ab dem 20. Juni wieder über 100.000 Gläubige in Aachen. Der Leiter des Pilgerbüros, Franz-Josef Staat, erklärt im AZ-Interview, warum 2014 vieles ganz anders als früher ist – und warum Motorräder eine besondere Rolle spielen.

Wenn die Heiligtumsfahrt vorbei ist, machen Sie erstmal drei Kreuzzeichen, oder?

Staat: Nein, dann mach‘ ich erstmal Urlaub.

Ernsthaft?

Staat: Ja. Aber – ganz ehrlich – ich mache jeden Tag mehr als drei Kreuzzeichen.

Schauen wir mal nach ganz unten, auf den Boden: Jeder Quadratmeter kostet Sie Beine, Füße, Pilger - oder?

Staat: Ich ahne, was Sie meinen. Ja! Früher durften bei Konzerten und anderen Veranstaltungen bis zu vier Menschen auf einem Quadratmeter stehen; heute nur zwei. Damit müssen wir auch bei den großen Openair-Veranstaltungen der Heiligtumsfahrt rechnen.

Dabei hat die Kirche von Aachen seit über 600 Jahren Erfahrung mit Großveranstaltungen. Im Jahr 1349 gab es die erste Heiligtumsfahrt in Aachen. Danach sind viele, viele Millionen Menschen in unsere Stadt geströmt. Zuweilen 150.000 pro Tag! Das muss doch den Chef des Pilgerbüros der Heiligtumsfahrt 2014 beängstigen, wenn ein Mehrfaches der Einwohnerzahl Aachens in unserer beschaulichen Kaiserstadt Richtung Dom drängt…

Staat: Nein. Überhaupt nicht. Da bin ich ganz entspannt. Damals sind tatsächlich zuweilen über 100.000 Menschen an einem einzigen Tag nach Aachen gepilgert. Das belegen historische Dokumente. Erstaunlicherweise wird diesbezüglich übrigens nirgendwo von Problemen berichtet. Aachen war ein einzigartiger Anziehungspunkt. Und ist es. Wegen der Reliquien. Ohne fatale Konsequenzen, trotz der Massen; heutzutage rechnen wir mit rund 100 000 Pilgern auf zehn Tage verteilt.

Und heute erwarten Sie, dass Pilger im Twitter- und Youtube-Zeitalter noch immer fasziniert und angezogen werden – etwa von einem Lendenschurz, den Jesus vor über 2000 Jahren getragen haben soll? Der Begriff Pilger punktet doch mittlerweile mehr in Online-Video-Spielen, oder?

Staat: Nein, da teile ich Ihre Einschätzung nicht. Ich glaube, Sie liegen da falsch. Pilgern grundsätzlich und gerade unsere Pilgerwege in und rund um Aachen erfreuen sich riesigen Zuspruchs. Pilgern ist „in“. Pilgern ist „cool“. Nicht zuletzt, weil Prominente wie Hape Kerkeling diesen Weg gesucht, gefunden und danach entsprechend populäre Bücher veröffentlicht haben. Davon dürfen wir jetzt profitieren. Ganz generell: Die Menschen schätzen, ehren und nutzen unser Angebot. Es ist nicht angestaubt. Im Gegenteil. Das Motto der Heiligtumsfahrt „Glaube in Bewegung“ zeigt den Menschen die Richtung: Folgen Sie dem Pilgerstab! Es ist so einfach. Damit dürfen wir glänzen. Und daran glauben.

Das klingt schön, und enorm spirituell. Dabei werden Sie aber ganz real bei dieser Heiligtumsfahrt 2014 rigoros durch weltliche Rahmenbedingungen begrenzt. Die gesetzlichen Vorgaben sind höllisch.

Staat: Ja. Seit der Love-Parade-Katastrophe von Duisburg gibt es neue Vorgaben. Und die verursachen einen erheblichen Kosten- und Personalaufwand. Die Sicherheit der Menschen steht mehr denn je im Vordergrund. Was gut ist. Doch das reduziert die Zahl der erlaubten Gäste extrem. Auch bei unseren Großveranstaltungen. Die Sitzplätze auf dem Katschhof zwischen Dom und Rathaus bei unseren Pilgertgottesdiensten wurde von den kommunal Verantwortlichen aus Sicherheitsgründen auf 1640 Stühle beschränkt.

Stehend dürfen höchstens 4000 Menschen gleichzeitig auf dem Katschhof unsere Gottesdienste mitfeiern. Auch im Dom wird es eng, insbesondere bei der Erhebungsfeier der Heiligtümer am 20. Juni. Deshalb werden wir erstmals über eine Großbildleinwand auf dem Katschhof die Zeremonien aus dem Dom live übertragen. Übrigens: Teils werden dann nur wenige hundert Meter entfernt die Vorgruppen-Spiele der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM laufen. Klingt skurril, ist aber kein Problem.

Vor weniger als zehn Jahren durften in Aachen ganz offiziell über 8000 Menschen bei Kultursommer-Konzerten vor der Bühne von Joe Cocker, Sting, Bryan Adams und anderen Stars mitfeiern; ohne Probleme…

Staat: Ja, früher. Die Sicherheitsauflagen wurden verschärft. Dafür habe ich auch Verständnis. Aber die Heiligtumsfahrt kann man natürlich nicht mit einem Rockkonzert vergleichen.

Aber mit einem Event, der über Aachen hinaus Schlagzeilen machen soll.

Staat: Natürlich. Aber bei der Heiligtumsfahrt geht es nicht um eine Bühnenshow.

Weil bei der Heiligtumsfahrt der Fokus ganz woanders liegt.

Staat: Genau. In den antiken Stoffen verehren wir das Kleid Marias, die Windeln und das Lendentuch Jesu und das Enthauptungstuch des heiligen Johannes des Täufers. Wie gesagt. Alles über Karl IV und Kaiser Karl nach Aachen gekommen. Damit fing alles an…

Langsam, bitte. Was passiert zum Beginn der Heiligtumsfahrt am Freitag, 20. Juni?

Staat: Bei der Erhebungsfeier wird der Marienschrein mit den Reliquien nach sieben Jahren unter den Augen von Dompropst Helmut Poqué und Oberbürgermeister Marcel Philipp zum ersten Mal wieder geöffnet. Das Schloss wird zerschlagen, dann werden die Reliquien herausgeholt.

Hoffentlich ist noch alles drin.

Staat: Natürlich! Davon ist selbstverständlich auszugehen. Was für eine Frage! Der zersägte Schlüssel zum Schloss des Marienschreins wird zwischen Domkapitel und dem Aachener Stadtrat aufgeteilt. Und die Reliquien werden nach der zeremoniellen Herausnahme aus dem Marienschrein zunächst ohne irgendwelche Beobachter in die Sakristei des Doms gebracht und danach erst im Münster den Gläubigen präsentiert. Wobei abgesehen von Marias Kleid alles weiterhin in edle Tücher eingeschlagen bleibt.

Das klingt sicher. Will also sagen: Die anderen Reliquien werden aus dem Marienschrein befreit, aus ihren Tüchern unbeobachtet von der Öffentlichkeit gesichtet – aber sie bleiben in ihrer engsten Schutztuchhülle auch während der Heiligtumsfahrt verborgen?

Staat: Ja.

Ist die Erhebungsfeier mit anderen kirchlichen oder weltlichen Events vergleichbar?

Staat: Wenn 1500 Menschen diese außergewöhnliche Zeremonie im Dom erleben, sind alle elektrisiert. Alle sind berührt. Von der Musik dazu, von der ergreifenden Liturgie – und alle fiebern mit, wie viele Schläge der Goldschmied denn diesmal braucht, um das Schloss des Marienschreins aufzuschlagen.

Das erinnert ein wenig an den Fass-Anstich beim Münchener Oktoberfest.

Staat: Der Vergleich hinkt ein bisschen.

Dennoch: Jedwede Großereignisse begeistern. Und deswegen gibt es ja auch erstaunlich viele ehrenamtliche Helfer, die zur Heiligtumsfahrt zur Verfügung stehen.

Staat: Weil dies eine einzigartige Erfahrung ist; unvergleichlich.

Sie suchen 500 Helfer. Können Sie noch Kräfte brauchen?

Staat: Ja. Auf jeden Fall. 175 haben sich bisher gemeldet. Wir benötigen noch viele, unter anderem Auf- und Abbauhelfer, die zu bestimmten Zeiten Stühle auf dem Katschhof wegräumen und später wieder aufstellen. Wir möchten so aufgestellt sein, dass wir allen Pilgern ein herzliches Willkommen bieten können.

Ein beispielloses Willkommen wird es wohl beim ersten Biker-Gottesdienst auf dem Katschhof geben. Der ist für den 29. Juni geplant.

Staat: Ja, mit unserem Partner Motorrad Kohl fahren wir in einer Prozession Richtung Dom. Über Adalbertsteinweg, Wilhelmstraße, Theaterstraße…

Wie beim Rosenmontagszug…

Staat: … ja, ähnlich, aber bis zum Aachener Dom.

Hat es so eine Biker-Wallfahrt zum Dom schon einmal gegeben?

Staat: Nein, noch nie.

Wird der Kölner Joachim Kardinal Meisner im Ruhestand auch mit dem Bike auf dem Katschhof vorfahren?

Staat: Wieso? Nein! Kardinal Meisner zelebriert am 29. Juni den Gottesdienst um 11 Uhr; die Biker kommen um 14 Uhr.

Neben den klassischen Pilgern hat Aachen zur Heiligtumsfahrt den Nachwuchs im Blick; mehr denn je...

Staat: …das stimmt. 1700 Kinder aus 91 Kindertagesstätten sind dabei. Das wird phänomenal.

Und für die etwas Älteren?

Staat: Wir veranstalten die „Nacht der Jugend“ mit einem Konzert, einem Lichterzug nach St. Jakob, einem Pilgerweg zum Elisenbrunnen und Programm im Dom bis zum frühen Morgen. Die ganze Nacht pilgern, das kommt an.

Warum sollten sich Pilger – egal ob Aachener oder Zugereiste – überhaupt im Pilgerbüro melden?

Staat: Weil wir sämtliche Gäste freundlich empfangen möchten: Aachener, Zugereiste – egal. Wir sind für alle da. Wir können nicht für alle Sitzplatzreservierungen ermöglichen; aber wir können wertvolle Tipps geben. Hier gibt es das komplette Programm.

Und Hilfe.

Staat: Ja. Wir sind bereit. Unser Team ist einfach großartig. Wir freuen uns auf jeden Gast!

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