Aachen - Monika Lang: Plötzlich Post vom Bundespräsidenten

Monika Lang: Plötzlich Post vom Bundespräsidenten

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Verdienter Dank für ein besonderes Engagement: Monika Lang vom Nachbarschaftsring Öcher Frönnde hat in dieser Woche von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Bundesverdienstkreuz erhalten. Foto: Bundesregierung/Sandra Steins

Aachen. Diese Reise nach Berlin wird Monika Lang wohl so schnell nicht vergessen. Die Gründerin und 1. Vorsitzende des regionalen Nachbarschaftsrings „Öcher Frönnde“ ist diese Woche im Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Die Wahlaachenerin war eine von 30 Personen, darunter bekannte Namen wie der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, die Journalistin Carolin Emcke, die Schriftstellerin Jenny Erpenbeck, die Fußballweltmeisterin Nia Künzer und die Schauspielerin Christiane Paul, der diese Ehre zuteil wurde. Im Samstagsinterview spricht sie mit Carolin Cremer-Kruff nicht nur über die festliche Verleihung, sondern natürlich auch über die „Öcher Frönnde“.

Hinter dem Namen „Öcher Frönnde“ verbirgt sich eine professionell organisierte Nachbarschaftshilfe. Kann man denn nicht einfach so bei seinem Nachbarn klingeln?

Lang: Natürlich, das ist der Idealfall. Gut funktionierende Nachbarschaften gibt es ja nach wie vor, aber sie werden weniger, gerade in den Städten. In der Aachener Innenstadt zum Beispiel herrscht auf dem Wohnungsmarkt mit den zahlreichen Studenten viel Bewegung. Manche Wohnungen wechseln in regelmäßigen Abständen den Mieter. Gerade ältere Menschen kommen mit dieser Schnelllebigkeit nicht so gut zurecht und vereinsamen, wenn der Partner nicht mehr lebt oder die Kinder nicht in der Nähe wohnen. Aber bei den Öcher Frönnden geht es ja um mehr.

Worum genau?

Lang: Um Geben und Nehmen. Daher haben wir mit und mit ein soziales Netzwerk im gesamten Stadtgebiet aufgebaut. Unsere Mitglieder empfangen nicht nur Hilfsleistungen, sondern erbringen auch Gegenleistungen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei ein sogenanntes Zeitsparbuch. Wenn ich einem anderen Mitglied geholfen habe, werden mir diese Stunden gutgeschrieben. Diese kann ich wiederum in Anspruch nehmen, wenn ich selbst einmal auf Hilfe angewiesen bin.

Bei hochaltrigen Menschen erbringen wir die Hilfe oft auch ohne Gegenleistung. Der entscheidende Unterschied zu üblichen Tauschringen, wie etwa den „Öcher Talenten“, besteht darin, dass die angesparte Zeit nicht direkt eingelöst werden muss. Ein Mitglied, das zum Beispiel gerade in den Ruhestand gegangen ist, kann, solange es noch fit und aktiv ist, Stunden für später ansammeln, in der es vielleicht selber mehr Hilfe in Anspruch nehmen muss.

Wie kann man sich dieses Hilfssystem vorstellen?

Lang: Es gibt 24 Einsatzbereiche: Von Blumengießen und Einkaufsdiensten über Behörden- und Botengängen bis hin zum Vorlesen sind die unterschiedlichsten Angebote vertreten. Wenn ein Mitglied bei uns im Büro anruft, dass es Hilfe braucht, schauen wir, welche anderen Mitglieder diese Aufgaben übernehmen könnten.

Dann werden diese Kandidaten abtelefoniert, bis jemand gefunden ist. Die Vermittlung läuft ausschließlich über das Büro. Die ganze Arbeit innerhalb des Vereins organisieren wir in verschiedenen Teams. Hinzu kommt der Vorstand, der sich als Dienstleister für die Mitglieder versteht und für die Spendenakquise zuständig ist.

Geht das Persönliche denn nicht verloren, wenn eine professionelle Organisation dahintersteckt?

Lang: Nein, im Gegenteil. Denn wir verstehen uns nicht als Hilfsorganisation, sondern als direkte Nachbarschaftshilfe. Dass das funktioniert, zeigen schon allein die vielen Freundschaften und „echten“ Nachbarschaften, die aus unserem Netzwerk heraus entstanden sind. Auch unser Name „Öcher Frönnde“ verrät bereits, dass es bei uns familiär und freundschaftlich zugeht. Weiter geht es mit der Mitgliederzahl. Zurzeit haben wir 160 Mitglieder und viel mehr sollen es auch nicht werden, da man sich sonst nicht mehr untereinander kennt.

Außerdem organisieren wir für unsere Mitglieder viele Veranstaltungen wie den „Frönnde-Treff“. Und einmal im Monat kochen wir sonntags gemeinsam ein Drei-Gänge-Menü im Welthaus. Unser Ziel besteht nicht nur darin, den Mitgliedern Hilfsangebote zu geben, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr soziales Netz zu erweitern. Das ist insbesondere für ältere Menschen wichtig.

Gibt es denn auch Tätigkeiten, die nicht übernommen werden?

Lang: Wir übernehmen keine regelmäßige Haushaltshilfe und auch keine Pflegeleistungen. Wenn ein Mitglied sich z. B. ein Bein gebrochen hat, dann mähen wir den Rasen nur in der Zeit, in der es das aus gesundheitlichen Gründen nicht leisten kann. Wir hatten auch schon den Fall, dass ein Mitglied beim Anstreichen von der Leiter gefallen ist und ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

Dann haben wir die Wand zu Ende gestrichen und anschließend alles aufgeräumt. Aber wir haben nicht die ganze Wohnung gestrichen. Wir machen halt auch nur das, was in einem „echten“ Nachbarschaftsverhältnis gemacht würde. Und da kommt der Nachbar ja in der Regel auch nicht einmal die Woche vorbei, um zu putzen.

Wer kann denn Mitglied werden?

Lang: Grundsätzlich jeder ab 18. Mit jedem Interessenten führen wir ein Gespräch, um etwas über die Motivation und mögliche Einsatzbereiche zu erfahren. Natürlich sind wir auf eine bunt gemischte Altersstruktur bedacht, damit das Netzwerk zukunftsfähig bleibt. Aber erfahrungsgemäß kommen viele Menschen zu uns, die die Familien- oder Arbeitsphase gerade abgeschlossen haben. Sie möchten ihre Zeit weiterhin sinnvoll nutzen.

Wie sieht es mit jüngeren Mitgliedern aus?

Lang: Es sind auch ein paar Studenten und Berufstätige dabei, obwohl viele Leute in dem Alter noch nicht daran denken, sich eine Zeitrente anzusparen. In unserem Büro arbeitet z. B. eine unter 40-Jährige. Eines unserer Mitglieder ist ein junger Ingenieur, der einmal pro Woche in der Mittagspause eine ältere Dame aus dem Altersheim abholt, um mit ihr spazieren zu gehen. Schwerpunktmäßig sind allerdings 50- bis 70-Jährige vertreten. Aber wir haben es auch geschafft, den Vorstand extrem zu verjüngen, denn es wäre schade, wenn der Verein zusammenbrechen würde, weil irgendwann keine neuen Mitglieder nachkommen.

13 Jahre gibt es den Verein schon. An welche Erlebnisse erinnern sie sich gerne?

Lang: Wir haben zum Beispiel lange ein herzkrankes Mitglied betreut, das fast ein Jahr im Klinikum lag und auf ein neues Herz wartete. Diese Person konnte fast gar nichts mehr machen. Sie hat dann von uns eine Fortbildung bekommen, wie man Glückwunschkarten bastelt. Danach hat sie für uns immer die Glückwunschkarten angefertigt und dafür Stundengutschriften bekommen.

Ein anderes Mitglied ist mit einem blinden Mitglied fünf Jahre lang regelmäßig schwimmen gegangen. Zwischen einem älteren Herrn und einer blinden Dame hat sich eine Freundschaft entwickelt, sodass sie sich privat regelmäßig treffen. Er ist sogar in ihre Nähe gezogen. Solche Freundschaften entstehen oft bei uns. Darüber freue ich mich jedes Mal besonders.

Wie sind die Öcher Frönnde eigentlich entstanden?

Lang: 2004 sind wir auf meine Initiative hin mit 19 Gründungsmitgliedern gestartet. Vorher war ich schon im Vorstand bei den „Öcher Talenten“ aktiv. Die Initialzündung kam allerdings bei einer Fortbildung zum Thema „Erfahrung für Initiativen“. Schließlich wurden die „Öcher Frönnde“ ein Projekt des Agenda 21-Büros der Stadt Aachen. Nach einem Jahr hatten wir 50 Mitglieder, nach zwei Jahren schon 100. Jetzt hat es sich bei 160 eingependelt. Zwei Jahre nach der Gründung, also 2006, sind wir ins Welthaus gezogen.

Nachdem ich aufgrund eines schweren Unfalls relativ früh pensioniert worden bin, hatte ich immer das Bedürfnis, etwas an die Solidargemeinschaft zurückzugeben. Deshalb bin ich darüber hinaus auch in vielen anderen Initiativen aktiv und bin Stifterrätin in der „Bürgerstiftung Lebensraum Aachen“.

Sehen Sie die Öcher Frönnde mit Blick auf den demografischen Wandel auch als Zukunftsmodell?

Lang: Ja, und zwar nicht nur aus der Perspektive, ältere Menschen zu stärken, sondern auch, um jüngere Menschen zu entlasten, indem die eine oder andere Tätigkeit auf diese Weise aufgefangen werden kann. Zurzeit ist es so, dass sich die sogenannten Zeitbanken enorm verbreiten. In Bayern werden Seniorengenossenschaften vom Ministerium gefördert, da man erkannt hat, dass das ein Zukunftsmodell ist.

In Japan erhalten die Menschen nach dem japanischen Fureai-Kippu-System sogar von den Kommunen Zeitsparbücher. Dies können wir als Verein natürlich nicht garantieren, da ich nicht weiß, wie wir in 20 Jahren aufgestellt sind. Aber viele Mitglieder sehen die Zeitsparbücher auch eher als eine Art Anerkennung, wenn sie am Ende des Jahres hören, wie viele Stunden sie eingebracht haben.

Für Ihre Arbeit sind Sie mehrfach ausgezeichnet worden, z. B. 2013 mit dem Ehrenamtspreis der Stadt Aachen. Nun sind Sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Was bedeutet Ihnen dieser „Ritterschlag“?

Lang: Zuerst habe ich gedacht: Brauche ich nicht, wozu das denn? Aber meine Motivation besteht ja auch darin, Leute für Engagement zu bewegen. Und solch eine Verleihung ist natürlich auch sehr öffentlichkeitswirksam.

Wie haben Sie davon erfahren?

Lang: Ich habe völlig überraschend Post vom Bundespräsidialamt erhalten, dass ich diesen Orden erhalte. Für diese Auszeichnung kann man ja nur vorgeschlagen werden. Wer bei mir dafür verantwortlich war, weiß ich bis heute nicht genau. Ich kann es nur ahnen (schmunzelt).

Wie haben Sie die Verleihung erlebt?

Lang: Alles war sehr festlich. Es ist eine besondere Ehre, den Orden aus den Händen des Bundespräsidenten zu erhalten, denn normalerweise wird er von den Bürgermeistern oder Ministerpräsidenten vergeben. Einmal im Jahr erhalten jedoch Vertreter von besonders vorbildhaften und nachahmungswerten Projekten anlässlich des Tags der Deutschen Einheit diesen Orden in der Bundeshauptstadt im Schloss Bellevue.

Nach der Verleihung fand ein sehr familiäres Zusammentreffen aller Beteiligten in den Räumen des Schlosses statt, bei dem ich auch kurz mit Frank-Walter Steinmeier sprechen konnte. In den Tagesthemen ist auch darüber berichtet worden, da war ich kurz zu sehen. Alles in allem war es eine sehr spannende Erfahrung!

Verschwindet der Orden nun in der Schublade oder bekommt er ein Ehrenplätzchen?

Lang: Er hat zu Hause in meiner Vitrine neben der Karlsmedaille, die mir anlässlich des Ehrenamtspreises verliehen wurde, bereits einen würdevollen Platz erhalten. Dort wird er wohl die meiste Zeit liegen, denn tragen darf man den Orden nur bei hohen festlichen Anlässen.

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