Aachen - Mörgens zeigt Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß”

Mörgens zeigt Musils „Verwirrungen des Zöglings Törleß”

Von: Christoph Classen
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Die letzten Monate seien für sie eine extrem spannende Erfahrung gewesen, sagt Bernadette Sonnenbichler. „Da war schon sehr viel Testosteron im Raum”, erinnert sich die junge Regisseurin mit einem Lächeln an die Proben zu „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß”.

Die Testosteron-Konzentration kommt nicht von ungefähr. Schließlich stehen vier heranwachsende Männer im Mittelpunkt des Stückes, das auf dem ersten Roman von Robert Musil basiert und das am Donnerstag im bereits ausverkauften Mörgens Premiere feiert.

Hauptfigur Törleß (Sebastian Stert) besucht die gleiche Kadettenanstalt wie Beineberg (Hyun Wanner), Reiting (Matthias Gall) und Basini (Fredrik Jan Hofmann).

Letzterer wird von den anderen während eines Diebstahls überrascht. Die Jungs behalten die Sache für sich. Allerdings nicht ohne Hintergedanken. Sie halten es geheim, um den jungen Basini nach Herzenslust misshandeln und quälen zu können.

Moral wird der Zuschauer im Stück vergebens suchen. Denn die „spielt in dem Ding überhaupt keine Rolle”, sagt Sonnenbichler, die in der vergangenen Spielzeit mit der beachtenswerten Inszenierung von Kafkas „Die Verwandlung” auf sich aufmerksam machte.

Es mag paradox klingen, aber Dinge wie Tugend, Ethos oder Gewissen scheinen an der Kadettenanstalt nicht weit verbreitet. Für Sonnenbichler macht gerade diese Darstellung den Reiz des Stückes aus, an moralischen Fragen arbeite sie sich ohnehin nicht gerne ab.

Das sadistische Spiel entspinnt sich auf dem beengten Dachboden der Kadettenanstalt. Dort quält Ideologe Beineberg Basini und rechtfertig sich mit dem Verweis auf die indische Religion. Tyrann Reitling sieht in der Demütigung des Opfers eine perfekte Vorbereitung auf seine angestrebte militärische Laufbahn.

Törleß wird im Verlauf des rund 80-minütigen, pausenlosen Stückes zum grausamsten Quäler. Für ihn ist Basini letztlich nicht mehr als eine Laborratte.

„Er seziert am lebenden Objekt”, sagt Sonnenbichler. Aber beim Hauptprotagonisten steht nicht die äußere Handlung, sondern die innere Entwicklung im Vordergrund. Musil beschreibt an ihm den Prozess des Erwachsenwerdens.

Für Dramaturgin Sibille Hüholt ist die Aufführung ganz klar ein „Schauspieler-Stück”. Es ist an den Darstellern, die Geschichte zu transportieren. Deswegen hat Sonnenbichler „allen möglichen Klimm-Bimm” weggelassen und rückt die äußere Rahmenhandlung in den Mittelpunkt.

Und das Ende? Sonnenbichler will da keine falschen Hoffnungen wecken: „Zurück bleibt Basini - völlig zerstört.”
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