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Modellstadt Aachen

Ein Kommentar von Bernd Mathieu

Könnte es sein, dass die Abstimmung über die Campusbahn mehr als nur die Entscheidung über eine Verkehrslinie ist? Ob das von den Verantwortlichen in Aachen in den letzten Wochen erfolgreich so vermittelt wurde, daran muss man nicht nur wegen der niedlichen Plakate Zweifel haben. Eine gelungene Kampagne sieht anders aus! Wahrscheinlich wird sich die Mehrheit morgen gegen den Bau der Bahn entscheiden, dann steckt Aachen in einem Dilemma. Wieder einmal.

Bei allem ernst gemeinten Respekt: Solche Jahrhundert-Projekte taugen nicht für emotionale Erörterungen. Sie sind nicht geeignet für den Vergleich mit Investitionen in Kindertagesstätten, Schulen oder Kultur. Sie haben es nicht verdient, mit gescheiterten Großprojekten in einem Atemzug genannt zu werden, die in Aachen dilettantisch vermurkst wurden. Die Frage lautet doch, ob man sich ein erneutes Scheitern leisten kann.

Eine politische Entscheidung

Richtig: In Aachen gähnt uns ein überdimensioniertes Fußball-Stadion entgegen – inklusive eines leer stehenden Parkhauses, das man als Weltkulturerbe für Schilda anmelden sollte. Aber was hat das mit der Campusbahn zu tun? Dieses Stadion-Projekt ist so gigantisch in die Hose gegangen, weil die Stadt Aachen sich um seine Geburt zu wenig gekümmert hat, anders als Augsburg, Fürth, Mainz, Mönchengladbach oder jetzt Freiburg, die den Wert ihrer Spitzenclubs zu schätzen wissen. Und es stellte mehr als nur einen Hauch kaiserstädtischer Arroganz dar, die kostengünstigere Alternative Merzbrück wegen der außerstädtischen Postleitzahl über den Haufen zu werfen.

Es war vor vielen Jahren ebenfalls eine politische Entscheidung, an der Monheimsallee kein Museum zu bauen. Es war eine politische Entscheidung, den Kompromiss Ludwig Forum nicht mit einer Klima-Anlage auszustatten, die in Aachen dringend benötigte Dimensionen an Ausstellungen ermöglicht hätte. Es war eine politische Entscheidung, alle Bemühungen um eine Konzerthalle als lästige Privatsache abzutun und damit zum Scheitern zu verurteilen. Gott sei Dank entwickelt sich jetzt der Campus, auf dem trotz aller Bedenkenträger nachweisbar Arbeitsplätze entstehen, die unsere Region braucht.

Dass das für Aachens Image und seine „weichen“ Standortfaktoren eminent wichtige Bauhaus Europa nicht errichtet werden konnte, war zwar am Ende dem Votum einer Mehrheit Aachener Bürgerinnen und Bürger zu verdanken. Professionell geworben wurde für das Projekt jedoch zu keinem Zeitpunkt.

Donnerwetter!

Ein ähnliches Schicksal droht der Campusbahn, die mehr ist als nur ein Verkehrsmittel. Sie bildet die Basis für den erforderlichen Abschied vom traditionellen Leitbild der Dom-, Printen- , Karlspreis- und Pferdestadt, allesamt wichtige Botschafter, aber sie alleine werden diese Stadt im 21. Jahrhundert nicht positionieren können. Zumal die Touristenzahlen zurückgehen und man sich kleinmütig vormacht, das alles werde sich 2014 wegen des Karlsjahres irgendwie einrenken. Die hochkarätigen Ausstellungen sind bislang nur teilweise finanziert, und die Stadt Aachen verkündet es wie eine Sensation, dass nach der Tourismusbörse in Berlin erste Anfragen und Buchungen getätigt worden seien. Donnerwetter! Wir freuen uns unterdessen, dass 2013 – dank privater Initiative! – mal wieder ein Star wie Joe Cocker in Aachen aufschlägt.

Die Campusbahn ist von profunder Bedeutung. Sie steht für eine nachhaltige Förderung der Elektromobilität in einer Großstadt – mit der modernen Bahn, mit Elektroautos (StreetScooter!), Pedelecs, E-Taxis, Ladestationen an den Einfallstraßen, Auflademöglichkeiten während der Arbeitszeit und so weiter. Da muss Aachen, Heimat der Exzellenz-RWTH, zur Modellstadt werden. Sie hat die wissenschaftlichen, technischen und – mit der hohen Förderung – finanziellen Potenziale dazu mehr als jede andere Stadt in Deutschland.

Vorzeigeprojekt

Wir können nicht ständig über die Technologie- und Wissensregion als die einzige Chance philosophieren und ein Vorzeigeprojekt vor die Wand fahren. Das hat Folgen, die über die Frage nach Haltestellen und Buslinien, nach Umsteigen und Baustellen hinaus gehen. Mit der heimeligen Öcher Vermaach-Mentalität „Dat tut et uns“ kommt diese Stadt nicht mehr weit. „Die Aachener Region wird nach außen hin nicht so positiv besetzt, wie viele glauben.“ Das waren Abschiedsworte des scheidenden IHK-Hauptgeschäftsführers Jürgen Drewes. Das sagt alles.

b.mathieu@zeitungsverlag-aachen.de

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