Aachen - „Mobilität in Aachen“: 200.000 setzen täglich auf die rote Flotte

„Mobilität in Aachen“: 200.000 setzen täglich auf die rote Flotte

Von: Stefan Herrmann
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Der gute Einstieg: Aachen setzt nach dem Nein zur Campusbahn beim ÖPNV auf einen zukunftsfähigen Ausbau des Busverkehrs. Foto: Michael Jaspers, Andreas Steindl, Harald Krömer
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...Pedelecs und E-Mobile gefördert. Foto: Michael Jaspers, Andreas Steindl, Harald Krömer
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Daneben werden aber auch Alternativen wie ganz klassisch das Rad...

Aachen. Aachen brummt. Das gilt nicht zuletzt für den Öffentlichen Personennahverkehr, der jeden Tag Hunderttausende Menschen von A nach B befördert. Wie es um die Aseag-Flotte bestellt ist, welche Herausforderungen in Zukunft auf den ÖPNV warten und wie sehr bereits auf alternative Fortbewegungsmittel gesetzt wird – all das sind Themenschwerpunkte des dritten Teils der AZ-Serie „Mobilität in Aachen“.

Wie ist der Öffentliche Personennahverkehr in Aachen aufgestellt?

Nach dem Nein zur Campusbahn im Jahr 2013 ist auf lange Sicht absehbar, dass die rote Flotte der Aseag einen Großteil der Herausforderung ÖPNV in Aachen stemmen muss. In der Spitzenstunde morgens werden stolze 320 Busse in Aachen eingesetzt. Die Aseag schickt dazu 211 Fahrzeuge aus der eigenen Flotte auf die Straße, in denen dann 28 084 Personen zeitgleich befördert werden können – und zwar mit 8 Doppelgelenkbussen „Long Wajong“ (je 183 Plätze), 7 Capa-City (je 180 Plätze), 128 Standard-Gelenkbussen (je 145 Plätze) und 68 Standard-Niederflurbussen (je 100 Plätze). Die Fahrgastzahlen der Aseag haben sich in den vergangenen 30 Jahren fast verdoppelt: Waren es 1985 noch rund 36 Millionen im Jahr, so wurde das Aachener Bussystem zuletzt von etwa 67 Millionen Fahrgästen genutzt. Heruntergerechnet bedeutet das: Circa 200 000 Fahrgäste zählt der ÖPNV pro Werktag. Neben dem Busverkehr können Aachener auch die Angebote der Deutschen Bahn und der Euregiobahn im Stadtgebiet an insgesamt fünf Bahnhöfen/Haltestellen in Anspruch nehmen.

Wie nah dran ist der ÖPNV am Bürger?

Das Haltestellennetz ist gut ausgebaut. 94 Prozent der Aachener können eine der insgesamt 438 Haltestellen im Stadtgebiet in maximal 300 Metern erreichen. Allerdings sind bisher nur 5 Prozent der Haltestellen komplett barrierefrei. Wann der Bus kommt, wird an 26 Haltestellen durch insgesamt 43 dynamische Infotafeln angezeigt. Es sind insgesamt 57 Linien unterwegs; 3000 Busfahrten finden darauf jeden Werktag statt. Regelmäßig Bus fährt gut jeder zweite Aachener – nämlich mindestens einmal pro Monat (55 Prozent). Die Unterschiede zwischen einzelnen Gruppen sind jedoch gewaltig: Sieht die Quote bei den Studierenden (91 Prozent) top aus, setzen deutlich weniger Berufstätige auf die Option Bus (37 Prozent). Ein Abo, Semester- oder Jobticket besitzen rund 75.000 Aachener.

Wie pünktlich ist der ÖPNV?

Die Aseag hat im Februar 2015 eine Messung an sechs ausgewählten Haltestellen gemacht. Die hat ergeben: 6,3 Prozent der Busabfahrten hatten mehr als fünf Minuten Verspätung. Es existiert jedoch auch das genaue Gegenteil: 7,6 Prozent der Busse fuhren mindestens eine Minute zu früh los – nicht weniger ärgerlich für den Kunden. Somit ergab sich eine Pünktlichkeitsquote von 86 Prozent. Rollt das Gefährt einmal, liegt die durchschnittliche Geschwindigkeit in Aachen bei 16 km/h. Die schlechtesten Werte liegen sogar bei nur 13 km/h. Schnell kommt der ÖPNV-Gast in der Regel vom Bushof zu Uniklinik, Preuswald und Polizeipräsidium: Auf diesen Strecken bringen es die Linien auf eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 19 km/h.

Was passiert in Sachen ÖPNV mit Blick auf die Zukunft?

Bisher gibt es separate Busspuren in einer Gesamtlänge von 10,7 Kilometern, 3,5 Kilometeter davon in Mittellage der Straße. Damit Busse Verkehrsknotenpunkte schneller passieren können, sind überdies an 83 von 215 Ampelkreuzungen sogenannte Sondersignale für den ÖPNV installiert. Die Bustrassen sollen im Stadtgebiet erweitert werden, so wie zum Beispiel in Kürze auf dem Willy-Brandt-Platz. Der erste E-Bus ist seit kurzem im Testbetrieb (siehe Infobox). Eine schnelle Umstellung der Flotte auf Elektromobilität ist allerdings weder möglich noch finanzierbar. Doch mit Blick auf die voraussichtlich bald in Aachen geltende Umweltzone, steht der ÖPNV vor einigen Herausforderungen. Kurzfristig müsste die Aseag vermutlich alleine 34 ihrer eigenen Busse mit Rußpartikelfiltern nachrüsten, um die Innenstadt weiter auf allen Linien ansteuern zu dürfen. Darüber hinaus ist aber auch eine langfristige Modernisierung der Flotte geplant.

„Fahr Rad“ in Aachen – ein Renner?

In jedem Fall ein Markt mit reichlich Wachstum. Die Stadt geht davon aus, dass es in Aachen rund 200.000 fahrtüchtige Räder gibt. Für die (und natürlich deren Fahrer) wird das Radverkehrsnetz kontinuierlich ausgebaut. So ist es von 2007 bis 2014 um 40 auf insgesamt 330 Kilometer gewachsen. Grundlage dafür ist der „Maßnahmenplan Radverkehr“, der 2009 angestoßen worden ist. Seitdem sind Lücken im Radwegenetz sukzessive geschlossen worden – zum Beispiel auf dem Graben- und Aleenring sowie innerhalb des Rings. Kritik gibt es trotzdem immer wieder an der zum Teil nicht radlerfreundlichen Umsetzung der Radanlagen. Das spiegelt sich leider auch in den seit einigen Jahren wieder steigenden Zahlen bei Unfällen mit Radfahrern wider. Die Stadt setzt aufgrund der kompakten, sprich engen Straßenräume in der City und der besseren Sichtbarkeit vor allem auf sogenannte Schutzstreifen und Radfahrstreifen, die auf der Straßenfahrbahn angelegt werden. Derzeit steht eine Verbesserung des Radverkehrnetzes auf dem Adalbert-steinweg und in weiteren Straßen im Aachener Osten auf dem Plan.

Wohin mit dem Rad in der City?

Um Fahrräder sicher abszustellen, installiert die Stadt mittlerweile pro Jahr rund 100 neue Fahrradbügel für 200 Räder. Zusätzliche Bügel werden stets im Zuge von Straßensanierungen errichtet – so zum Beispiel zuletzt allein an der Lütticher Straße 70 Stück. Gute Möglichkeiten, das Fahrrad sicher abschließen zu können, sind enorm wichtig. Denn trotz alledem sind im vergangenen Jahr 1865 Räder im Aachener Stadtgebiet als gestohlen gemeldet worden. Ein Großprojekt in Sachen Radverkehr der Zukunft heißt Velocity. Das Start-up ist aus der RWTH hervorgegangen. 1000 Pedelecs sollen in Zukunft an 100 Verleihstationen im gesamten Stadtgebiet zur Verfügung stehen. Startschuss mit vier Probestationen war im November 2014.

Zu Fuß durch Aachen: Lust oder Frust?

Die Antwort darauf kann nur „sowohl als auch“ lauten. Generell ist Aachen durch seinen kompakten Stadtkern fußgängerfreundlich. Das bedeutet, alle Wege innerhalb des inneren Allenrings können gut zu Fuß zurückgelegt werden. Doch je mehr man auf die Außenbezirke schaut, desto deutlicher werden Bereiche, in denen Fußgänger in die Röhre schauen. Ein Aspekt, den sich vor allem die Politik auf die Fahne geschrieben hat: Die wohnortnahe Versorgung soll gestärkt werden. Dazu wurde bereits 2008 ein sogenanntes Zentren- und Nahversorgungskonzept beschlossen. Hinzu kommt, dass barrierefreies Bauen im Straßenraum inzwischen Standard ist. Alle Wege sollen von Menschen mit jeglicher Einschränkung bewältigt werden können. Ein weiterer Punkt in der Innenstadt: Fußgängergrünzeiten sollen bei Ampeln so lange wie möglich zur Verfügung gestellt werden. 34 Fußgängerampeln sind so ausgelegt, dass sie nach Anforderung sofort Grün anzeigen. An acht Kreuzungen auf dem Grabenring erhalten alle Fußgänger gleichzeitig Grün – das sogenannte „Rundum-Grün“.

Mobilität in Aachen: Was bringt die Zukunft?

Die „Vision Mobilität 2015“, die Stadt und Politik mit Beteiligung vieler Akteure und Bürger erstellt haben, zeichnet ein völlig neues Bild, wie sich Menschen künftig in ihrer Stadt bewegen. Eine tragende Säule soll demnach die Elektromobilität werden. „Die Verkehrsmittel in Aachen sollen 2050 vollständig ohne fossile Kraftstoffe auskommen“, hat der Mobilitätsausschuss im Januar 2014 beschlossen – ein Ziel übrigens, das bereits 2011 die EU für alle Stadtgebiete formuliert hat. Darüber hinaus soll Aachen an der Spitze der deutschen Großstädte beim geringsten Pro-Kopf-Energieverbrauch für Mobilität stehen. Die ehrgeizigen Ziele stehen, auf dem Weg dahin gilt es allerdings noch sehr viele Hürden zu meistern. So waren im Aachener Stadtgebiet zum Stand Oktober 2014 gerade einmal 460 Hybrid- und reine E-Fahrzeuge unterwegs. Das entspricht mickrigen 0,35 Prozent bezogen auf die Anzahl der insgesamt zugelassenen Fahrzeuge in der Stadt (etwa 100.000).

Immerhin liegt Aachen mit dem Anteil verhältnismäßig deutlich über dem Bundesschnitt (0,22 Prozent/97 700 Fahrzeuge). Die Zahlen unterstreichen ganz klar: Die Breite der Bevölkerung setzt im Jahr 2015 weiterhin auf konventionelle Fortbewegungsmittel wie zum Beispiel das Auto. Ein Großteil der E-Mobile ist nicht auf Privatpersonen zugelassen, sondern rollt für die Stadt oder den Energieversorger Stawag durch die Straßen. Doch die Verantwortlichen setzen auf den Vorbild-Effekt – und auf Know-how made in Aachen. Die Hochschulen RWTH und FH sind eng eingebunden, wenn es darum geht, zukunftsweisende Techniken in Sachen Mobilität vor Ort zu entwickeln und einzusetzen. Das Ziel: „Aachen ist ein europäisches Kompetenzzentrum für Elektromobilität“, heißt es im Bericht „Vision Mobilität 2050“.

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