Burtscheid - „Miteinander geht über den Unterricht hinaus”

„Miteinander geht über den Unterricht hinaus”

Von: Thorsten Karbach
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Jedes Kind erfährt viel Aufme
Jedes Kind erfährt viel Aufmerksamkeit: An der KGS Michaelsbergstraße wird viel Wert auf das Miteinander gelegt. Hier kümmert sich Sonderpädagogin Katrin van Booven um einen der Foto: Andreas Steindl

Burtscheid. Spannend. Immer wieder spricht Gisela Boing davon, wie viel Leben in ihrer Schule steckt. Und wie spannend das sei. Sie öffnet die Türe zu einer vierten Klasse und schaut in Kinderaugen, denen man ansieht, dass sie gerne lernen. „Ist das nicht spannend?”, fragt sie.

Boing ist Leiterin der Katholischen Grundschule Michaelsbergstraße, einer richtigen Traditionsschule, die im nächsten Jahr 150 Jahre alt wird. Aber Boing spricht lieber über das Hier und Jetzt, über ihre 177 Kinder.

Darunter sind 21 Kinder mit einem besonderen Förderbedarf. Sie haben eine Behinderung und in allen vier Schuljahren sitzen sie in einer Klasse mit Kindern ohne Behinderung. Das nennt man gemeinsamen Unterricht (GU), ein Modell, dass alle Kinder zu Gewinnern macht. „Davon profitieren nicht nur die Kinder mit Förderbedarf. Es ist spannend zu sehen, was GU ausmacht - bei allen Kindern. Das nenne ich Integration”, sagt die Schulleiterin. Und da war es wieder, dieses „spannend”.

Wer die Schüler in dieser freien Arbeitsstunde beobachtet, der kann nicht mit Bestimmtheit sagen, welches Kind einen Förderbedarf hat und welches nicht. Das ist Sinn der Sache. Die Kinder machen ohnehin keine Unterschiede. „Hier wird kein Kind ausgegrenzt, sie arbeiten nicht nur zusammen, sie spielen auch anschließend zusammen. Das Miteinander geht über den Unterricht hinaus”, erzählt Sonderpädagogin Katrin van Booven. Mit Lehrerin Charlotte Roik begleitet sie die Schüler durch diese Stunde, in der die Kinder ganz individuell arbeiten dürfen. Sie schreiben Aufsätze weiter oder lösen Mathematikaufgaben.

Während die Kinder adddieren und dividieren, rechnet Boing vor. Der gemeiname Unterricht führe vor allem zu einem Ergebnis: Die Schule lebe Integration. Von Kinder mit und ohne Behinderung, von Kindern verschiedener Religionen und Kulturen. „Wir haben hier einen Querschnitt der Gesellschaft”, sagt sie und ist stolz darauf.

41 Anmeldungen zählt sie bereits für das neue Schuljahr. Dabei sind noch keine GU-Kinder, denn die werden erst im Juni auf die Schulen verteilt. Auch wenn es immer mehr Angebote dieser integrativen Unterrichtsform an Aachens Grundschulen gibt, noch immer mangelt es an Plätzen. Sechs Plätze werden auch an der KGS Michaelsbergstraße wieder vergeben, mit mindestens 47 Schülern wird die Schule zwei Klassen bilden, deren Größe gemeinhin als pädagogisch ideal betrachtet wird. Dabei befindet sich die Schule in einem Bereich der Stadt, in dem die Eltern immer die Qual der Wahl haben. Auf wenigen Metern gibt es mehrere Angebote. 550 Meter - um genau zu sein - ist der kürzteste Fußweg zur GGS am Höfling lang. Oder eben kurz.

In der KGS Michaelsbergstraße führt Boings Weg durch die knallbunte Mensa in die OGS-Räume der Schule. 120 der 177 Kinder besuchen die Offene Ganztagsschule, darunter 18 der 21 GU-Kinder. Grundschule und OGS arbeiten Hand in Hand. „Die OGS zählt ganz selbstverständlich zum System”, sagt Leiterin Gaby Kittel, „es geht schließlich um die gleichen Kinder.” Mit Boing hatte sie schon eine Nachmittagsbetreuung auf die Beine gestellt, da gab es noch keine OGS in Aachen. Seit 2005/2006 gibt es dann die OGS an der Burtscheider Schule.

Am Ende der Treppe liegt der Computerraum, direkt gegenüber die Nilpferdklasse. Die meisten Räume haben Lehrer und Eltern in Eigeninitiative selber gestrichen. Man bringt sich ein an der Michaelsbergstraße. Der Förderverein hat eine Schulbücherei eingerichtet. Auf der anderen Seite gibt es für die Eltern ein Café und Sprachkurse. „Wir haben keinen Neubau, aber wir haben es hier sehr gemütlich. Das ist ein ganz großes Stück zuhause”, sagt Boing. Die Schule als Zuhause, auch so eine Idee, die Boing sehr spannend findet. Genauso wie die Frage: Was ist Bildung? „Wir müssen uns doch immer erstmal fragen, wie es dem Kind geht”, erklärt sie. „Wir müssen uns mehr mit Werten auseinander setzen und sie fördern.” Deswegen gibt es an der Schule seit elf Jahren das Streitschlichtermodell und ein Schülerparlament. „Wir haben ein sehr lebendiges System und unsere Schüler sind so tolle Menschen”, findet die Schulleiterin. Das werde gefördert. „Bildung ist nicht nur Unterricht. Wir dürfen nicht immer alles verkopfen.”

Und dann verfolgt sie wieder den Unterricht. Schaut in zufriedene Kindergesichter, die den Blick von einer erfolgreich gelösten Aufgabe heben. „Zufriedene Kinder lernen besser”, sagt Boing. Ganz schön spannend.
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