Mit Theaterpädagogik die Aufregung runterfahren

Von: Laura Beemelmanns
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Bis hier hin und nicht weiter: Die Kinder lernen, Körpersignale wahrzunehmen und Emotionen zu lenken. Sie erlangen zudem die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und zu reflektieren. Foto: Harald Krömer
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Theaterpädagogin Miriam Peifer (Mitte) hilft den Grundschulkindern, zu sich zu stehen und offen miteinander zu kommunizieren. Foto: Harald Krömer

Aachen/Würselen. An diesem Morgen sitzen die Grundschüler der Klasse 4d der Grundschule Linden-Neusen, Würselen, nicht auf ihren Stühlen und schauen auf die Tafel. Es findet nämlich gar kein Unterricht statt. Zumindest wird weder gerechnet noch gezeichnet noch gelesen.

Stattdessen halten 19 Kinder im Alter von neun Jahren ihre Hände an den Kopf und führen sie dann ganz langsam nach unten zur Körpermitte, um den „Aufregungsfahrstuhl“ runter zu fahren. Das sieht auf den ersten Blick sogar ein wenig ulkig aus, doch es steckt ein viel tieferer Sinn dahinter. Etwas, das man im normalen Unterricht vielleicht nicht immer vermitteln kann.

Aufregung kontrollieren

Die Aachener Theaterpädagogin Miriam Peifer versucht den Grundschülern auf diesem Wege beizubringen, dass sie ihre Aufregung und Wut bündeln und kontrollieren können und sollten. Dass sie bei einem Streit klüger reagieren können, als einfach mitzustreiten, und dass sie bei einer körperlichen Auseinandersetzung auch einfach weggehen können, statt zurück zu schubsen oder zu schlagen. Und dass all das rein gar nichts mit Schwäche zu tun hat, sondern mit Stärke, das hat Peifer ihnen gleich zu Beginn vermittelt.

Beim theaterpädagogischen Programm „Fels & Wasser“ vom DasDa-Theater Aachen steht soziales Kompetenztraining im Vordergrund. Es gibt zwei Komponenten, Fels und Wasser, wie es der Name schon verrät. Der Fels steht dabei für Stärke, aber auch Ruhe, denn ein Fels bewegt sich in der Regel ja nicht. Das Wasser steht für Flexibilität und Offenheit.

Innerhalb von sechs Wochen trainieren die Schüler oder auch Kindergartenkinder diese Komponenten gemeinsam mit den Theaterpädagogen. „Es gibt viele Spiele und Übungen, die wir gemeinsam machen“, sagt Peifer. „Wir trainieren das Körperbewusstsein, das soziale Miteinander und stärken die Haltung der Kinder.“

Ein Beispiel: Acht der Kinder stehen sich je in Vierergruppen gegenüber. Eine Gruppe beginnt dann, die andere zu schubsen. Beim ersten Versuch entsteht ein wildes Gerangel, bei dem der eine oder andere zu Boden geht. Dann greift ein neuntes Mädchen ein und ruft „Aua, das tut doch weh!“ Im nächsten Schritt schubsen die vier Kinder wieder, doch die anderen schubsen nicht zurück, sondern gehen ängstlich weg. Wieder ruft das Mädchen: „Nein, so doch nicht!“

Beim nächsten Gerangel schubsen die Kinder wieder nicht zurück. Doch sie zeigen mit ihrem Blick, dass sie das auch gar nicht müssen. Sie fühlen sich stark und überlegen, drehen sich langsam um und gehen dann selbstbewusst weg. Und genau das soll das Programm vermitteln. „Die Kinder verändern sich und reagieren auf Provokationen nicht immer gleich mit der Faust“, sagt Peifer. Eine Einstellung, die den Schulalltag erleichtern kann.

In der Grundschule Linden-Neusen ist das DasDa-Theater an diesem Morgen das letzte Mal vor Ort. Die Sechs Wochen sind schon rum. Insgesamt neun Stunden haben Peifer und die 19 Kinder miteinander gearbeitet. Natürlich war auch Klassenlehrer Lars Tellermann immer mit dabei. „Die Kinder lernen, mit ihren Aggressionen umzugehen. Ob das wirklich auch auf Dauer Auswirkungen hat, das werden wir jetzt sehen“, sagt der Lehrer. In jedem Fall hätten die Kinder wieder mehr miteinander gearbeitet, also auch Jungs und Mädchen. Denn in diesem Alter sei das nicht die Regel.

Peifer kann da mehr berichten, denn sie hat schon mit einigen Gruppen zusammengearbeitet. „Wir machen immer ähnliche Erfahrungen. Zu Beginn ist das viel Neues für die Kinder, daher ist es sehr aufregend für sie. Mit und mit kriegen sie dann mehr Sicherheit. Eltern und Lehrer melden uns, dass die Kinder tatsächlich ruhiger und flexibler reagieren“, sagt sie. Um das Erlernte auch nicht zu vergessen, geben die Theaterpädagogen Übungen mit, die die Kinder gemeinsam mit ihren Lehrern und Mitschülern immer wieder ausprobieren können.

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