Minderjährige Flüchtlinge „sind viel erwachsener und viel verletzter“

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Mamin (links) und Simén: Ausgelassen spielen und lachen. Die Sorgen um die Zukunft sind in solchen Momenten fast vergessen. Foto: MCD
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Begegnung, Gespräch, Interview: Mamin und Simén beim Gespräch mit den Studierenden der FH Aachen. Foto: MCD
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Treffen mit zwei Hauptdarstellern aus dem Film „Gemeinsam einsam“: Die FH-Studentinnen Ann-Sophie Tribull, Kimberly Kahle, Sabrina Fiedler und Nadine Scherberich sowie FH-Dozent Bernd Mathieu (links). Foto: MCD

Aachen. Unter den etlichen Flüchtlingen, die jedes Jahr in Deutschland Zuflucht suchen, sind auch viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge dabei. Sie haben traumatische Erfahrungen in ihrem Herkunftsland oder auf der Flucht gemacht, wurden von Familienangehörigen getrennt oder haben diese verloren und müssen sich mühsam in dem unbekannten Land neu orientieren. Hilfe dabei bieten verschiedene Projekte im Raum Aachen.

Das Heim Maria im Tann hat sich nicht nur deutschen Kindern mit meist schrecklichen Vorgeschichten angenommen, sondern auch nicht gezögert, die Tür für minderjährige und junge Flüchtlinge zu öffnen. Der Leiter dieser Einrichtung ist Stefan Küpper, der schon seinen Zivildienst hier absolviert hat. „Das ist einfach klasse, mit Menschen zu arbeiten, die im Leben krumme Wege gegangen sind“, sagt er über seine Arbeit. Er und sein Team helfen, dass sich junge Flüchtlinge sicher und geborgen fühlen können.

In verschiedenen Gruppen finden die jungen Menschen entsprechend ihren Bedürfnissen Hilfe, Sicherheit und Geborgenheit. Als das Projekt startete, war für Küpper klar: „Da ist einer, der sucht einen Platz im Leben. Da wird kein Unterschied gemacht, welche Herkunft man hat.”

Als die ersten Flüchtlinge aufgenommen wurden, stand fest, dass jeder eine individuelle Betreuung benötigt – psychologisch und pädagogisch. „Auf der einen Seite sind sie viel erwachsener und an anderer Stelle natürlich viel verletzter“, sagt Küpper. Geprägt von ihrer grauenhaften und unmenschlichen Reise nach Deutschland in Kofferräumen oder Schleuserbooten, geflohen in eine fremde Welt, um ein neues Leben zu beginnen – ein Leben ohne Angst.

An dieser Stelle setzt die erfolgreiche Erlebnispädagogik ein. Die Pädagogen helfen den Kindern und Jugendlichen dabei, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und Selbstwirksamkeit zu erlangen und diese zu fördern. Um allen Kindern weiterhin erfolgreich den Wiedereinstieg in ein normales Leben zu ermöglichen, ist das Heim auf Spenden angewiesen, die diese Ausflüge finanzieren. Jährlich finden somit eine große Radtour und eine Skifahrt statt.

Ein besonderer Fall

Doch keine Angst zu haben, fällt vielen selbst mit Aufenthaltsgenehmigung schwer. Ein aktueller Fall erregt besonders die Aufmerksamkeit von Stefan Küpper. Ein junger Mann aus Afghanistan, der gerade erst volljährig wurde, muss Deutschland mit einer 30-tägigen Frist verlassen, obwohl bekannt wurde, dass die Taliban bereits seinen Bruder ermordet haben. Die Bundesrepublik stuft Afghanistan in eine mittlere Bedrohungslage ein, so lautet die Begründung des Amtes für die Abschiebung.

Durch den Einsatz des Teams von Maria im Tann und der Hilfe von Café Zuflucht in Aachen konnte das Urteil mittels Klage angefochten werden. Dank der Aufschiebung ist dem jungen Mann nun ein zukunftsorientiertes Leben möglich. Doch auch das menschliche Problem, dass viele der Flüchtlinge zu dieser Zeit ihre Familie nie sehen können oder vermutlich nie wieder sehen werden, ist schon schlimm genug.

Stefan Küpper möchte jedoch betonen, dass er durchaus für eine konsequente Abschiebung sei – sofern sie entsprechend geprüft und angebracht ist. Küpper: „Ich finde eine konsequente Abschiebung völlig richtig – da wo sie hingehört.”

Solche Vorfälle dürften in einer demokratisch menschenrechtskonformen und juristisch einwandfreien Gesellschaft nicht salonfähig werden. Küppers hält die rechtlichen Regelungen schlichtweg für falsch. Jeder Mensch müsse individuell betrachtet werden, um eine menschenwürdige Entscheidung zu treffen, die alle Fakten berücksichtige.

Neben einem neuen Selbstbewusstsein und Selbstwertschätzung ist die Sicherheit, hier in Deutschland bleiben zu dürfen, das, was die Jugendlichen eigentlich so dringend brauchen. Unsere Politik ist auf einem guten Weg, trotzdem muss an dieser Problematik stetig gearbeitet werden. „Denn wer sich auf den Weg gemacht hat, um hier anzukommen, für den haben wir da zu sein. Und da haben wir für ein menschenwürdiges und chancengleiches Leben zu sorgen“, so Küpper.

Die Kinder aus Maria im Tann sind nur einige der vielen Flüchtlinge, die ein gutes Beispiel dafür sind, dass Vorurteile eben nur Vorurteile sind. Eins steht fest: Der Großteil der Jugendlichen ist unheimlich engagiert und unbedingt motiviert und interessiert, die Chance bestmöglich zu nutzen.

Mamin und Simén berichten

Bei einem Treffen mit Mamin aus Bangladesch und Simén aus Eritrea erzählten beide viel über ihre gefährliche Flucht, die offenherzige Aufnahme und die gelungene Integration. Im Gegensatz zu ihren Heimatländern hat Bildung in Deutschland einen sehr hohen Stellenwert. Beide sind ohne jegliche Deutschkenntnisse hierher gekommen. Sie lernten in der Schule und dem zusätzlichen Deutschunterricht die neue Sprache. Nach einem der besten Realschulabschlüsse Aachens entwickelte sich Mamins Ausbildungsbeginn schwieriger als geplant. Obwohl er drei Ausbildungsplätze angeboten bekommen hat, konnte er aufgrund der fehlenden Arbeitserlaubnis keinen Vertrag unterschreiben. Ein weiteres Problem, das sich in der Flüchtlingspolitik offenbart.

Wie lange ist man ein Flüchtling?

Viele Anträge und langes Warten erschweren den Flüchtlingen jegliche Möglichkeit der Integration. Dieses Jahr beendet Mamin jedoch erfolgreich eine Ausbildung zum Elektrotechniker für Geräte und Systeme. Simén erreicht diesen Sommer seine mittlere Reife. Die beiden sind sehr engagiert und hochmotiviert für die Zukunft – ihr Ziel ist ein eigenständiges und unabhängiges Leben.

Dass hinter dem Sammelbegriff „Flüchtling“ immer noch ein Mensch steckt, vergessen viele. Muss man erst etwas erreichen, um nicht mehr als Flüchtling bezeichnet zu werden? Oder darf man sich vielleicht selbst nicht mehr als Flüchtling fühlen?

Mamin und Simén sind angekommen. Ihnen ist nicht wichtig, was andere denken. Für sie zählt nur, wie sie sich fühlen – gut aufgenommen und zu Hause. Schön zu sehen ist, dass die beiden durch Schule, Ausbildung und andere Freizeitaktivitäten Freunde fürs Leben gefunden haben. Der Weg zur Integration in Aachen ist in ihren Augen gelungen.

Gemeinsam einsam

Mamin hat seit seiner Ankunft in Aachen bereits bei einigen Filmprojekten von Miriam Pucitta und Michael Chauvistré mitgewirkt. Der jüngste Film „Gemeinsam einsam“ zeigt, wie sie allmählich emotional ankommen. Die Flüchtlinge stehen nicht nur vor der Kamera, sondern auch dahinter. Sie bringen ihre eigenen Erfahrungen und Erlebnisse mit ein. Das Filmprojekt hilft den Jugendlichen zu mehr Selbstvertrauen und Mut. Sie durchlaufen eine Entwicklung und meistern neue Herausforderungen.

Es gibt einige Jugendliche, die seit Beginn des Projekts mitwirken. Aber auch junge Geflüchtete, die noch nicht lange in Deutschland leben, finden den Weg zu den beiden Filmemachern und die meisten finden großen Spaß dabei. Sie wachsen eng zusammen, aber auch über sich hinaus.

Für Heki aus Afghanistan, der schon sechs Jahre hier lebt, sind die Filmemacher schon zu einem Stück Familie geworden. In der Zukunft erwarten uns noch weitere ergreifende Filme von Miriam Pucitta, Michael Chauvistré und den jungen Geflüchteten, die neue und spannende Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Die Erlöse der Vorstellung des jüngsten Filmes im Theater Aachen gingen an die „Aachener Hände“.

Die „Aachener Hände“ vermitteln Patenschaften für junge Flüchtlinge, die ohne Familie nach Deutschland kommen. Der Pate schenkt dem Jugendlichen Zeit, Vertrauen, Aufmerksamkeit und Wertschätzung. Außerdem helfen die Paten bei Behördengängen oder Alltagsfragen.

Auch hier werden immer wieder Spenden und ebenfalls neue Paten gesucht, denn die Warteliste der Jugendlichen ist extrem lang.

Wer mehr über das Unterstützungs-, Schulungs- und Beratungsangebot erfahren möchte, kann sich auf einer der nächsten Infoveranstaltungen am 19. Juli umfassend informieren. Dazu wird um vorherige Anmeldung via E-Mail (aachener.haende@skm-aachen.de) oder telefonisch unter 0241/980 960 11 gebeten.

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