Minderjährige Flüchtlinge: Jugendämter der Städteregion kooperieren

Von: Michael Grobusch
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Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge dürfen eigentlich nicht in großen Erstaufnahmestellen untergebracht werden. Die Jugendämter in der Städteregion wollen aber für eine Übergangszeit separate Zonen beispielsweise in Turnhallen einrichten, um die neuen gesetzlichen Vorgaben erfüllen zu können. Foto: Stock/Becker & Bredel
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Die gute Zusammenarbeit der Jugendämter in der Städteregion wird sich auch bei der Aufnahme junger Flüchtlinge bewähren. Davon sind Wolfgang Gerhards (v.l., Haus St. Josef Eschweiler), Dagmar von Heiss (Stadt Würselen), Robert Wagner (Haus St. Josef), Herbert Heinrichs, Michael Raida (Stadt Alsdorf) und Norbert Latz (Stadt Herzogenrath) überzeugt. Foto: gro

Städteregion. Seit 13 Jahren kooperieren die Jugendämter und die freien Träger der Jugendhilfe in der Städteregion im „Arbeitskreis Qualitätsentwicklung“. Zum Schutz von Kindern wurden seitdem zahlreiche verbindliche Absprachen getroffen, Standards entwickelt und die Kooperationen zwischen den verschiedenen Stellen optimiert. „Es gibt eine sehr gute und intensive Zusammenarbeit zwischen den freien und öffentlichen Hilfeträger“, stellt Norbert Latz deshalb zufrieden fest.

Und der Leiter des Sozialen Dienstes der Stadt Herzogenrath nennt Beispiele: Der Aufbau eines gemeinsamen Bereitschaftssystems für aufgegriffene Kinder und Jugendliche im Jahr 2005 etwa, das seitdem im wöchentlichen Wechsel vom Eschweiler Haus St. Josef und dem Agnesheim des SkF in Stolberg gewährleistet wird. Die Einführung eines einheitlichen Meldebogens beim Verdacht einer Kindeswohlgefährdung 2009. Und die Eröffnung einer Notschlafstelle für die ganze Städteregion in Stolberg ein Jahr später.

Der Herzogenrather Latz und seine Kollegen aus den anderen Kommunen legen bei einem Gespräch mit unserer Zeitung eine lange Liste von Erfolgen vor, die auf die städteregionale Zusammenarbeit zurückzuführen seien. Und Dagmar von Heiss, Teamleiterin im Allgemeinen Sozialen Dienst der Stadt Würselen, resümiert: „Unser Qualitätsdialog hat sich selbst zu einem deutlichen Qualitätskriterium der Jugendhilfe in der Städteregion entwickelt.“

Was den Kooperationspartnern allerdings jetzt bevorsteht, hat eine völlig neue Dimension. Denn mit Inkrafttreten des von Bundestag und Bundesrat erst Mitte Oktober verabschiedeten „Gesetzes zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher“ am 1. November ist die Aufnahme unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland zu einer Angelegenheit aller Kommunen geworden. Die jungen Menschen sollen nun – wie Erwachsene - über eine Quotenregelung bundesweit verteilt werden. Die zuständige und zuweisende Stelle für die Städteregion ist dabei das Landesjugendamt.

Doch auch dieses könne den Städten und Gemeinden bis dato keine verlässlichen Informationen zukommen lassen, erklärt Herbert Heinrichs. „Die Zahlen, die uns erreichen, ändern sich fast täglich“, klagt der Leiter des Alsdorfer Jugendamtes. Zunächst habe es geheißen, dass pro 5000 Einwohner ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling aufgenommen werden müsse. „Dann lag die Bezugsgröße plötzlich zwischen 1750 und 3000.“ Michael Raida macht deutlich, was dies bedeuten könnte: „Wenn ich den kleinsten Wert von 1750 Einwohnern zugrunde lege, müssen Alsdorf und Herzogenrath jeweils 35 junge Menschen aufnehmen.“ Und das habe in kürzester Zeit zu geschehen, meint der Leiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes der Stadt Alsdorf.

Nicht nur in Alsdorf und Herzogenrath, sondern in allen Jugendämtern der Städteregion herrscht deshalb in diesen Tagen helle Aufregung. „Wir müssen jetzt schleunigst Wohnungen und Häuser für die Unterbringung der Kinder und Jugendlichen finden und ausstatten“, weiß Raida. „Und das dazu passende pädagogische Personal finden“, ergänzt Robert Wagner, stellvertretender Leiter von Haus St. Josef. All das aber sei nicht auf die Schnelle zu schaffen, wie Wagner an einem Beispiel belegen will: „Bei uns sind jetzt 40 junge Flüchtlinge untergebracht. Um die nötige Infrastruktur zu schaffen, haben wir ein ganzes Jahr benötigt.“

Kein Wunder also, dass die öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe eilig nach alternativen Möglichkeiten suchen – wenn auch teilweise nur für eine Übergangszeit. Die Jugendämter in Alsdorf, Herzogenrath, Würselen und der Städteregion haben gerade erst einen kollektiven Aufruf an potenzielle Gastfamilien für junge Flüchtlinge gestartet. Im Kinderheim St. Hermann-Josef in Merkstein soll nach Aussage von Norbert Latz eine fünfte Gruppe eröffnet werden. In Eschweiler wird die Nutzung einer entwidmeten Kirche zur Unterbringung und Betreuung von jungen Flüchtlingen geprüft. Und alle Jugendämter in der Städteregion ziehen derzeit in Erwägung, dem in Alsdorf bereits praktizierten Beispiel zu folgen und unbegleitete Kinder und Jugendliche vorübergehend auch in Turnhallen oder anderen Erstaufnahmeeinrichtungen unterzubringen. „Allerdings in einem separaten Bereich, abgetrennt von den übrigen Flüchtlingen, und natürlich mit sozialpädagogischer Betreuung“, schränkt Michael Raida ein, denn: „Eigentlich darf ein unbegleiteter Minderjähriger nicht in einer Notunterkunft landen.“ Doch weil die Zahl der Flüchtlinge enorm und die Zeit für die Umsetzung des neuen Gesetzes minimal ist, steht für Herbert Heinrichs fest: „Es kann zunächst nur Übergangslösungen geben.“

In permanentem Kontakt

Auch hier soll nun wieder das bewährte Instrument des Arbeitskreises Qualitätsentwicklung greifen. Der monatliche Sitzungsrhythmus ist ausgesetzt worden, stattdessen sind Jugendämter und freien Jugendhilfeträger in der Städteregion derzeit in permanentem Kontakt und wollen zur Bewältigung dieser „riesigen Herausforderung“, so kündigt es der Leiter des Hauses St. Josef, Wolfgang Gerhards, an, auch eine gemeinsame Clearing- und Koordinationsstelle schaffen.

Noch weiß keiner der Beteiligten, wie sich die kommenden Wochen entwickeln werden. Doch die gute Zusammenarbeit verleiht ihnen eine gewisse Sicherheit und Zuversicht. Dagmar von Heiss formuliert es so: „Jedes Jugendamt und jeder freie Träger für sich ist relativ klein. Aber wenn wir unsere Kräfte weiterhin bündeln, werden wir auch diese Situation gemeinsam meistern.“

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