Mensen treffen nicht jeden Geschmack

Von: Valerie Barsig und Thorsten Karbach
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Es ist noch Suppe da: Emre Kus schmeckt den Eintopf mit Weißkohl und Geflügelwurst ab. Dass Kochen Spaß macht, weiß er spätestens, seit er mit seinen Mitschülern der neunten Klasse der GHS Aretzstraße für den Mensabetrieb verantwortlich ist. Foto: Michael Jaspers
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Kochen für ihre Mitschüler: Die Neuntklässler der GHS Aretzstraße lernen das Kochen im Unterricht. Foto: Michael Jaspers

Aachen. So schmeckt der Start in den Schultag. Buchstäblich. Es werden Orangen geschält, Weißkohl geschnippelt und Feldsalat gezupft. In der Küche der Schulmensa der Gemeinschaftshauptschule Aretzstraße geht es morgens geschäftig zu. Schüler der neunten Klasse kochen das Schulessen, das hier nicht von einer Cateringfirma geliefert wird.

Ganz praktisch lernen die Jugendlichen so alles über Ernährung, Küchenhygiene und die Zubereitung von leckeren Speisen. Weißkohlsuppe mit Geflügelwurst, Brot und Salat stehen heute auf dem „Stundenplan“. Außerdem gibt es Obst und Joghurt zum Nachtisch.

„Ist der Salat schon gewaschen?“, fragt Carolin Prizrenac. Sie leitet die Schüler in der Küche an. „Nein, das machen wir erst kurz vor dem Essen, sonst verwässert er und fällt zusammen.“ Neuntklässler Emre Kus zeigt damit, war er gelernt hat bei seiner Küchenchefin. Kochen, das mache ihm eine Menge Spaß, sagt er.

Im Stich gelassen

So harmonisch wie in der GHS Aretzstraße läuft es in der Mensalandschaft in der Stadt aber längst nicht immer ab. An der Gemeinschaftshauptschule Drimborn fühlt man sich von der Stadt im Stich gelassen. Seit Jahren habe man dort die Pläne für eine neue Mensa in der Schublade, reagieren würde die Stadt allerdings nicht, erzählt Rektorin Annett Koch-Thoma. „Teure Mensen werden für Gymnasien gebaut und dann nicht mal in voller Auslastung genutzt.“ Tatsächlich ergibt eine Abfrage der Aachener Zeitung aller Zahlen für die Aachener Schulmensen, dass die Auslastung der Essenssäle zwischen 30 und 80 Prozent liegt.

14 Millionen Euro wurden und werden bis 2014 im Mensenprogramm der Stadt Aachen in die weiterführenden Schulen investiert. In alle. Aber die größten Summen sind tatsächlich für Mensen an den Gymnasien aufgebracht worden, weil dort mit der Umstellung auf das Abitur in acht Jahren immer mehr Schüler ihre Nachmittage in der Schule verbringen. Die Mensa des Gymnasiums St. Leonhard findet in einem schicken 3,6-Millionen-Euro-Erweiterungsbau Platz. Rund zwei Millionen Euro davon kommen aus dem Mensenprogramm.

2,17 Millionen Euro wurden am Rhein-Maas-Gymnasium, 1,75 Millionen Euro am Couven-Gymnasium (der Neubau hat letztlich 2,25 Millionen Euro gekostet) und fast 600 000 Euro aus diesem Programm am Inda-Gymnasium investiert. Etwa 4,5 Millionen Euro werden noch am Einhard-Gymnasium und an der Luise-Hensel-Realschule in Mensen gesteckt. Die An-, Neu- und Umbauten fassen zwischen 50 und 400 Schüler, werden dabei recht unterschiedlich frequentiert. Das Couven zählt 50 bis 100 tägliche Esser (von 160 möglichen), die Gesamtschule Brand als „Spitzenreiter“ 550. Am Inda-Gymnasium gibt es 150 Plätze für momentan 120 bis 150 Esser.

Die Probleme sind an allen Schulen vergleichbar. „Gerade die älteren Schüler essen nicht unbedingt in der Mensa“, berichtet Schulleiter Herbert Strohmeyer von der Hugo-Junkers-Realschule. Er hat versucht, per Umfrage an der Schule herauszufinden, was die Schüler aus seiner Mensa weglockt. Ergebnis: Die meisten waren der Meinung, das Essen schmecke nicht. „Komisch nur, dass die, die in der Mensa essen, allen sagen, es sei dort lecker“, wundert sich Strohmeyer. Gezählt werden an seiner Schule täglich 20 bis 40 Esser – von 200 potenziellen. Die Mensa fasst 84 Plätze.

Butterbrot in der Tasche

Einen Zwang zum Essen in der Mensa gibt es zwar an keiner Schule, dennoch die Verpflichtung, mittags gemeinsam am Tisch zu sitzen. An der 4. Gesamtschule – dort werden täglich ein bis zwei Essen für 3,30 Euro angeboten – sitzen alle 240 Schüler mittags gemeinsam an einer Tafel. Kommunikation und Teilen sollen sie so lernen. „Leider bringen das nicht alle Schüler von Haus aus mit“, berichtet Schulleiter Hanno Bennemann. Die, die kein Essen vom Caterer haben wollen, bringen sich zumindest ihr eigenes Butterbrot mit.

Emre Kus hat die Weißkohlsuppe inzwischen im Topf und im Griff. „Abschmecken und eine Idee von den Gewürzen bekommen, das sollen die Schüler hier vermittelt bekommen“, sagt Caroline Prizrenac. Emres Mitschüler Mahmoudi Mojtba und Suleimane Tcham kümmern sich derweil darum, den Joghurt in Schälchen zu füllen, Patricia Roeber putzt Birnen für den Obstsalat. „Dass wir alle hier in der Küche zusammenarbeiten, das finde ich toll“, sagt sie.

„Champignon à la creme mit Semmelknödeln“ werden heute am Inda-, „Fischschnitte Bulgaria mit Salzkartoffeln“ am Geschwister-Scholl-Gymnasium serviert. Zwischen einem und drei Essen gehen an den Aachener Schulmensen über die Theke und kosten zwischen 2,50 und 4 Euro. Im Schnitt sind es 3,15 Euro. Meistens gibt es auch noch eine Salatbar. Wobei es Schulleiter gibt, die glauben, dass erst ab 5 Euro qualitativ hochwertiges Essen angeboten werden könne. Aber das können Schüler nicht finanzieren.

Deswegen kommt eine andere Forderung auf den Tisch: Das Essen müsse bezuschusst werden. Das ist an Universitätsmensen vollkommen normal. Doch an Schulen ist es nicht in Sicht. Caterer schrieben erst schwarze Zahlen, wenn 100 bis 150 Essen ausgegeben würden, das sei aber nur an großen Schulen der Fall. Am Kaiser-Karls-Gymnasium sind es täglich normalerweise 40 bis 60 Essen für 3,50 Euro, am Pius-Gymnasium sind es 100 bis 138 für 3,10 Euro. Von 1050 Schülern. Es hat sich schlichtweg noch nicht durchgesetzt, in der Mensa zu essen. Und gerade in der Innenstadt sind die Alternativen naheliegend – auch räumlich.

Am Rhein-Maas-Gymnasium – 50 Esser, 124 Mensaplätze – wird es nach den Ferien wohl nur noch einen Bistrobetrieb geben. Dort hat bisher das Sozialwerk Aachener Christen für das Schulessen gesorgt. Aus Kostengründen wird ab Ostern nichts mehr aufgetischt. Am Gymnasium St. Leonhard gibt es ebenfalls einen kurzfristigen Wechsel. Prekär nennt Rhein-Maas-Schulleiter Jochen Geradts die Situation. „Wir sind extrem sauer auf die Stadt“, sagt der Rektor.

„Große Wahlfreiheit“

Das NRW-Schulgesetz verpflichtet die Schulträger – also die Stadt – zwar, Mensen für den Ganztag an weiterführenden Schulen einzurichten. Den Betrieb dieser Kantinen aber sollen in Aachen nach dem Willen der Politik die Schulen übernehmen: Elternvereine, Fördervereine oder eigens gegründete Mensavereine. „Wir wollen – das ist auch der Willen der Politik – den Schulen eine möglichst große Wahlfreiheit lassen, stellen aber gerne beratende Hilfe zur Verfügung“, erklärt Björn Gürtler vom städtischen Presseamt. Es gibt aber auch Städte und Gemeinden, die einen Vertrag mit einem Caterer für alle Schulen selber schließen.

Neun verschiedene Caterer und Mensavereine kochen dagegen für Aachens Schüler. Sie sind für bis zu fünf Schulen verantwortlich. Und müssen knallhart kalkulieren. Insbesondere wenn bestellte Essen nicht abgeholt werden, zahlen die Caterer drauf. Deswegen gibt es Schulen, die Vorkassen nehmen – oder besser nehmen müssen. Denn sonst besteht die Gefahr, dass sie von ihren Köchen letztlich abserviert werden. So bleibt in Aachen für die Schulen ein großes Risiko, wenn weniger gegessen wird, als kalkuliert. Das bereitet Schulen wie Eltern vielerorts Bauchschmerzen.

Verpachten ist ausgeschlossen

Ein Verpachten der Mensa, wie beispielsweise am Rhein-Maas-Gymnasium gewünscht, ist ausgeschlossen. Auch wenn dies nicht nach dem Geschmack der Schule ist. Immerhin wird die Situation in den Mensen mehr denn je beleuchtet: Die SPD fordert per Ratsantrag eine umfassende Darstellung der Situation. „Für die SPD-Fraktion ist es unabdingbar, dass Schülerinnen und Schüler, die ganztags beschult werden, in der Mittagspause ein warmes Essen erhalten“, heißt es in diesem Antrag.

In der GHS Aretzstraße wird inzwischen geputzt: Auch das Aufräumen will gelernt sein. Die Mensatische werden abgewischt und jeder mit einem Blümchen versehen. Ab 12.40 Uhr ist Mittagspause. Und dann essen Emres Freunde das, was er ihnen heute gekocht hat: Weißkohlsuppe und Geflügelwurst.

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