„Menschenfeind“: Wahrheit nur in homöopathischer Dosierung

Von: Ines Kubat
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Der Menschenfeind im Theater Aachen: Regisseur Dominik Günther überträgt die höfische Soiree ins Hier und Jetzt. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Auch ein feuchter Keller oder eine alte Fabrikhalle werden mit der richtigen Beleuchtung zur pompösen und mondänen Partylocation. „Wenn aber das Arbeitslicht angeht, dann wird klar, wo man sich eigentlich die ganze Zeit aufgehalten hat“, so skizziert Regisseur Dominik Günther das Wechselspiel zwischen Schein und Sein in der heutigen Feier-Mentalität.

Diese Beschreibung ist gleichzeitig eine ganz treffende Metapher für die Welt, in der sich Molières „Misanthrope“ so unwohl zu fühlen scheint: Der „Menschenfeind“ feiert am Samstag, 14. November, 20 Uhr, in der Kammer des Aachener Theaters Premiere.

Molière beschrieb in dieser Komödie vor mehr als 300 Jahren eine Gesellschaft, die dem Hof des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV nicht ganz unähnlich war: Es ist eine Gesellschaft, in der der Rang wichtiger scheint als alles andere. Wer auf dem Parkett der Schönen und Reichen nicht ausrutschen möchte, muss sich eine hübsche Fassade um seine eigene Person aufbauen. Ob das Lächeln aufrichtig oder eine gesponnene Intrige verheerend ist, das spielt keine Rolle – das Image allein zählt.

Alceste, Molières Misanthope und Hauptfigur des Stückes, spielt dieses Spiel nicht mehr mit: Statt die allseits erwartete Etikette zu bedienen, sagt er die Wahrheit – geradeaus, unverblümt und teilweise fatal. Dadurch wird er schnell als Störenfried abgestempelt. Gleichzeitig entzieht sich der vermeintliche „Menschenfeind“ paradoxerweise der Gesellschaft nicht, sondern feiert mit – unter anderem weil er sich in die Gastgeberin Célimène verliebt hat.

Regisseur Günther überträgt die höfische Soiree ins Hier und Jetzt und bringt eine Szeneparty mit It-Girls auf die Aachener Bühne. Das wird „die Party des Jahres“, verspricht Dramaturg des Stückes, Harald Wolff, und kann dabei ein verschmitztes Lachen nicht verstecken. Man kann sich also ausmalen, dass es wild und laut zugehen wird: Dazu leistet das Schauspielensemble um Torsten Born als Alceste und Katja Zimmermann als Célimène seinen Beitrag – „und sie verausgaben sich ziemlich“, so der Regisseur. Bühnenbild und Kostüme von Sandra Fox sowie die gradlinige und moderne Übersetzung von Hans-Magnus Enzensberger tun ihr übriges, um eine neuzeitliche Partystimmung zu kreieren.

Denn die Kernfrage des „Misanthropen“ hat auch in unserer Gesellschaft kaum an Aktualität verloren: Wie eng ist das Korsett des öffentlichen Betragens? Was muss man tun, um beliebt, anerkannt und respektiert zu werden? Wie moralisch muss das Handeln dabei sein?

Doch vor allem geht es um die Wahrheit. Und deshalb ist auch die Rolle der Hauptfigur umstritten: Ist es richtig, Alceste für ehrliche Aussagen zum Menschenfeind zu deklarieren? Oder ist er gar im Recht, aber die Gesellschaft verträgt Wahrheiten nur in homöopathischer Dosierung?

Der freischaffende Regisseur Dominik Günther inszeniert mit dem „Menschenfeind“ erstmals am Theater Aachen. Bisher war er unter anderem am Thalia Theater in Hamburg, dem Deutschen Theater in Berlin oder dem Landestheater Linz tätig. Im Jahr 2008 war er für den deutschen Theaterpreis „Der Faust“ nominiert, ein Jahr später gewann er den österreichischen Theaterpreis „Stella“.

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