Mehr Nichtwähler als Stimmen für Sieger in Aachen

Von: Robert Esser und Albrecht Peltzer
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Adieu bis zum Bundestagswahlkampf: Josef Welfen und Dieter Claßen bauten gestern schon über 100 Wahlplakate ab. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die mit Abstand lahmste Auszählung der Stimmen, die Abwahl von vier Aachener Landtagsabgeordneten, die Aufteilung der Stimmenrekorde der Sieger und Verlierer sowie Negativ-Schlagzeilen aus dem Ostviertel: Wir haben beispielhaft Trends und Extreme der NRW-Landtagswahl in Aachen zusammengefasst.

Abgeordnete: Aus sechs mach zwei: In der abgelaufenen Wahlperiode war Aachen mit sechs Abgeordneten im Parlament vertreten: Neben den direkt gewählten Daniela Jansen und Karl Schultheis (beide SPD) waren das Armin Laschet (CDU, über die Liste eingezogen), Reiner Priggen (Grüne, 2012 Platz zwei der Landesliste, 2017 ist er nicht mehr angetreten), Ulla Thönnissen (im April 2015 nachgerückt für den gestorbenen Paderborner Abgeordneten Volker Jung) und Karin Schmitt-Promny (nachgerückt im April 2015 für Daniela Schneckenburger, die Schuldezernentin in Dortmund wurde).

Jetzt sind mit Laschet und Schultheis nur noch zwei Aachener Abgeordnete im Düsseldorfer Parlament. Gute Chancen rechnet sich allerdings noch Claudia Cormann (FDP) aus. Sie belegt Platz 32 auf der NRW-Landesliste. Von den 25 Abgeordneten der Liberalen werden aber wohl mehrere nach der Bundestagswahl nach Berlin gehen – für Cormann könnte dies den verspäteten Einzug in den Landtag bedeuten.

Stadtbezirke: Fünf zu zwei für die CDU – was das Endergebnis in den sieben Stadtbezirken anbelangt. Die Christdemokraten liegen in Brand, Eilendorf, Kornelimünster/Walheim, Laurensberg und Rich-terich vorne. Die SPD siegt in Haaren und in Aachen Mitte – mit bis zu zehnmal mehr Wahlberechtigten (111 678) der mit Abstand größte Stadtbezirk.

Wahlbezirke: Die Stadt ist bei Wahlen in 32 Kommunalwahlbezirke – von Zentrum über Steine-brück bis Kullen – aufgeteilt. Die SPD liegt in 19 Bezirken vorne, die CDU in 13. Das hat Tradition: Das beste Ergebnis erzielt die CDU in Steinebrück (47,86 Prozent), am Adalbertsteinweg kommen die Christdemokraten allerdings nur auf 23,7 Prozent. Die SPD verzeichnet ihr bestes Ergebnis (43,94 Prozent) im Bezirk Obere Jülicher Straße/Haaren (Süd). Nur noch im Panneschopp (41,01 Prozent) kommt die SPD über 40 Prozent, die CDU knackt die Marke nach Steinebrück in drei weiteren Bezirken (Brand-Süd, Kornelimünster/Oberforstbach und Walheim). In Steinebrück wählen nur 25,87 Prozent rot.

Stimmbezirke: Kurioserweise holen Karl Schultheis und Ulla Thönnissen am Karlsgraben beide 209 Stimmen (33,12 Prozent). In der Oberen Jülicher Straße holt Karl Schultheis stolze 50,25 Prozent (Ulla Thönnissen 20,69 Prozent). Der Untere Soerser Weg bekennt sich eindeutig zu Ulla Thönnissen (41,94, Schultheis 32,26), am Bahnhofplatz zum Beispiel ist es umgekehrt (21,19 zu 39,69 Prozent).

Briefwahl: Mehr als ein Fünftel aller Wähler haben vorab ihre Stimme abgegeben. Und auch das hat Tradition: Die CDU liegt hier meist deutlich vor der SPD. 35 Briefwahlbezirke gibt es in Aachen. 23 davon holt die CDU, 12 gehen an die SPD.

Wahlbeteiligung: Obwohl die Wahlbeteiligung in Aachen bei der NRW-Landtagswahl von 62,75 Prozent (2012) auf 69,56 Prozent gestiegen ist (4 Prozent über Landesschnitt), ist die Zahl der Nichtwähler um 10.000 höher als die Zahl aller Stimmen, die etwa die Wahlsieger Armin Laschet (CDU) und Karl Schultheis (SPD) in ihren beiden Wahlkreisen zusammen bekommen haben. 53.799 Aachenerinnen und Aachener verzichteten auf ihr demokratisches Wahlrecht – bei insgesamt 176.721 Wahlberechtigten. Am niedrigsten war die Wahlbeteiligung, wie bei vielen vorherigen Wahlen, im Aachener Ostviertel mit einem hohen Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund. In der Hüttenstraße gingen nur 30,5 Prozent zur Wahl – absoluter Negativ-Rekord.

Auch nebenan entlang des Eisenbahnwegs (33,7 Prozent) und der Elsassstraße (33,6) bewegte sich kaum mehr als ein Drittel der Wahlberechtigten zu den Urnen. Fast genauso mies war die Beteiligung in der Leipziger Straße und entlang des Adalbertsteinweges. Die höchste Wahlbeteiligung verzeichnet die Stadt an der Oberen Linterstraße mit 77,2 Prozent.

Zweitstimmen: Hier zeigt sich ein interessantes Phänomen. SPD und CDU liegen mit 28,46 Prozent (34 694 Stimmen) bzw. 28,1 Prozent (34 253 Stimmen) gerade einmal 441 Stimmen auseinander. Beide Parteien hinken dabei aber deutlich den Erststimmen hinterher. Was der interessanten Tatsache geschuldet ist, dass die sogenannten kleinen Parteien bei den Zweitstimmen stärker als bei den Erststimmen sind (viele Wählerinnen und Wähler wollten ihre Stimmen angesichts des absehbaren Erststimmen-Zweikampfs zwischen SPD und CDU offenbar nicht „verschenken“) – auch wenn die Grünen in Aachen gut sieben Prozentpunkte einbüßen.

Sie kommen nach 18,3 Prozent im Jahr 2012 jetzt aktuell auf 11,33 Prozent (13 808) – und haben das Landesergebnis damit fast verdoppelt. Ausreißer nach oben ist die FDP. 2012 schon mit guten 9,6 Prozent in Aachen vertreten, springen die Liberalen auf 14,89 Prozent (18 155 Stimmen). Im Land an der Fünf-Prozent-Grenze gescheitert, in Aachen stark: Die Linke kommt auf 7,42 Prozent (9043 Stimmen). Schwächer als im Landestrend schneidet die AfD in Aachen ab. Sie kommt auf 4,58 Prozent (5577 Stimmen). Die Piraten, mit drei Vertretern im Stadtrat, schaffen nur noch 1,39 Prozent (1689).

Sonstige: Die Null vor dem Komma und in vielen Fällen auch als erste Stelle dahinter kennzeichnet die sogenannten kleinen Parteien. Von der ÖDP (0,68 Prozent, 823 Stimmen) über die DKP (0,03 Prozent, 42 Stimmen), die „Gesundheitsforschung“ (ebenfalls 0,03 Prozent, aber nur 38 Stimmen), die „Violetten“ (0,08 Prozent, 96 Stimmen) bis hin zur Partei „Schöner Leben“ (0,04 Prozent, 54 Stimmen).

Lange Auszählung: Die Entdeckung der Langsamkeit hat der Wahlvorstand in Horbach, Stimmbezirk 6603, praktiziert. Um die Urneninhalte – exakt 788 Stimmzettel – auszuzählen, brauchte man dort ab 18 Uhr über sechs Stunden. Auch ein Rekord unter insgesamt 196 Aachener Stimmbezirken – das ergibt pro Stimmzettel lockere 30 Sekunden Begutachtungszeit. „Uns ist lieber, es wird sorgfältig und gründlich als zu schnell ausgezählt“, erklärte dazu Rita Klösges vom städtischen Presseamt. „Unregelmäßigkeiten oder gar Probleme wurden aber auch aus Horbach nicht gemeldet“, sagt sie. Knapp war‘s da übrigens auch nicht: Die CDU holte 44,2, die SPD 32,9 Prozentpunkte. Ganz langsam.

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