Aachen - Mehr als nur Begleitung auf dem letzten Weg

Mehr als nur Begleitung auf dem letzten Weg

Von: Matthias Hinrichs
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Eine warme Hand, ein gutes Wor
Eine warme Hand, ein gutes Wort für den 90-jährigen Johann: Karin Schöler ist eine von 27 Ehrenamtlichen beim Ambulanten Hospizdienst der Caritas. Ihr „Schützling” und dessen Angehörige haben natürlich auch den Besuch unseres Fotografen gern gestattet. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „So habe ich mir das Sterben nicht vorgestellt.” Den Satz wird Astrid Ernicke-Linke wohl so wenig vergessen wie den Menschen, der ihn sagte. Vor zwölf Jahren war das; bald darauf trug sie ihren Mann zu Grabe.

Der Tod hatte ihn freilich nicht „ereilt”, wie man so sagt. Er hatte sich - und ihm - Zeit gelassen. Und seiner Frau. „Er hat bis zum Ende gekämpft”, erzählt die heute 57-Jährige.

Zwei Jahre lang war sie praktisch nur noch für ihn da, pflegte ihn, kümmerte sich ständig um ihn. Trotzdem: „Ich hatte damals keine Ahnung”, sagt sie. Sie wollte das ändern - jetzt erst recht. „Lange Zeit habe ich mich intensiv mit dem Thema Tod beschäftigt - dann erst habe ich mich entschlossen, auch aktiv zu werden und mich für andere zu engagieren.”

Heute ist die studierte Ingenieurin mit Leidenschaft für den Ambulanten Hospizdienst der Caritas im Einsatz. Man merkt das schnell, wenn man ihr zuhört - nicht nur das hat sie mit ihren „Kolleginnen” Karin Schöler (70) und Annette Irmen (55) gemeinsam. Auch diese beiden, Rentnerin und passionierte Stadtführerin die eine, Apothekerin die andere, sind bereits mehr oder weniger unversehens, mehr oder minder freiwillig in die „Rolle” der „pflegenden Angehörigen” geraten.

Annette Irmens Vater starb vor drei Jahren, ihre Mutter bereits vor rund drei Jahrzehnten. Karin Schöler betreute ihren Mann über 20 Jahre lang, bevor er seiner schweren Krankheit vor fünf Jahren erlag. „Zum Glück habe ich eine große Familie, die mich immer unterstützt hat”, erzählt sie. Dennoch: „Hätte ich damals gewusst, dass es eine solche organisierte Hilfe gibt - ich hätte sie sofort in Anspruch genommen.”

Seinerzeit hatte Annette Busch nämlich bereits weitere wichtige Fäden im mittlerweile bundesweit einmaligen Palliativen Netzwerk für die Region Aachen geknüpft. Seit sechs Jahren ist die gelernte Krankenschwester und ausgebildete Trauerbegleiterin als hauptamtliche Koordinatorin des Ambulanten Hospizdienstes der Caritas sozusagen für die Betreuung der Betreuer zuständig - die übrigens fast durchweg Betreuerinnen sind. „Inzwischen haben wir ein bewährtes Team von 27 Ehrenamtlichen”, berichtet sie. „Natürlich werden sie alle zunächst in einem intensiven Befähigungskurs auf die vielfältigen Herausforderungen der Sterbebegleitung vorbereitet.”

Zumal sie alle Hand in Hand arbeiten mit Einrichtungen wie Homecare, der Lebenshilfe, dem Uniklinikum, den Seniorenheimen der Caritas und vielen Hausärzten. Zeit zum gemeinsamen Gespräch über Erlebnisse und Gefühle, Beglückendes und auch Bedrückendes nimmt sich die Gruppe mindestens einmal im Monat. „Niemand wird allein gelassen”, sagt Annette Busch.

Nach wie vor gelte das für zahllose Betroffene und deren Angehörige leider nicht: „Bis heute wissen viele gar nicht, dass es uns gibt.” Umso größer scheint die schlichte Freude an der sozialen Tat, welche die Helferinnen täglich motiviert, wenn sie ihre „Schützlinge” zu Hause, im Hospiz oder im Altenheim besuchen: „Man erfährt permanent große Dankbarkeit. Ich bekomme eine Menge zurück. Und das gibt unheimlich viel Kraft”, sagt Karin Schöler.

Zuhören können, das sei wohl die wichtigste Fähigkeit, um wirkliche, „lebensnahe” Unterstützung zu leisten - gerade dann, wenn Menschen den viel zitierten letzten Weg gehen oder auch „nur” an diesem letzten Weg wachen. Über sich selbst, über eigene Verluste, Erfahrungen, Motive nachzudenken und auch darüber zu sprechen - auch dies sei äußerst hilfreich, ja unabdingbar. Ebenso natürlich die Bereitschaft, auch mal anzupacken, vielleicht gar mit ein bisschen Spaß an unkonventionellen Lösungen - gerade bei den zahllosen „kleinen Dingen”, die Angehörige täglich zu überfordern drohen.

Einfach da sein

Mal einkaufen, den Chauffeur spielen, „einfach da sein, wenn jemand eine Auszeit braucht”, so kennzeichnen die Frauen ihren täglichen Einsatz. Spezielle Qualifikationen und sonstige einschlägige Voraussetzungen müssen die Ehrenamtlichen im Prinzip nicht mitbringen. Für medizinisch-therapeutische Betreuung sind selbstverständlich die professionellen Kräfte verantwortlich. „Besondere Erfahrungen braucht niemand mitzubringen, der sich in der Ambulanten Hospizhilfe engagieren möchte”, unterstreicht Annette Busch. „Und niemand muss fürchten, etwa überfordert zu werden.”

Eine Angst, die freilich alle ihrer drei „Kolleginnen” anfangs geplagt hat, wie sie bekennen. „Sie war unbegründet”, sagt Annette Irmen und lacht. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man einfach nur Menschen gern haben muss. Und dass man bereit sein muss, jeden so zu nehmen, wie er ist.” Dann stellten sich Erfolgserlebnisse flott ein - wie dieses: die unbezahlbare Freude, anderen beizustehen, die sonst allein geblieben wären. Und ihnen womöglich das Sterben ein bisschen leichter zu machen, als sie es sich vorgestellt haben.
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