Mediatoren: Alternative zum Gang vor den Richter

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Sie versuchen, streitende Parteien zu einer gütlichen Einigung zu bringen: die beiden Mediatoren Rocio Luna Martinez und Hendrik Middelhof. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Meine Frau verwehrt mir den Umgang mit meinem Kind. Müssen sich die Jugendlichen abends immer an der Bushaltestelle vor meiner Haustür treffen? Die Umgehungsstraße wird direkt an meiner Grundstücksgrenze entlang geplant. Natürlich kann man all diese Konflikte auch vor Gericht klären, besser gesagt klären lassen.

Denn auf die Entscheidung haben Kläger und Beklagter kaum einen Einfluss. Konfliktenteignung nennt das Hendrik Middelhof. Er arbeitet, ebenso wie Rocio Luna Martinez, seit vielen Jahren in der Mediation. Mit dem 2. Aachener Mediationstag wollen die Leiter der Regionalgruppe Aachen des Bundesverbandes Mediation (BM e.V.) diese Form der Streitschlichtung stärker ins Bewusstsein bringen.

Wie funktioniert Mediation und wann kommt sie zum Einsatz?

Middelhof: Das Wesen der Mediation ist, dass zwei Konfliktparteien einen Mediator dazu holen, weil sie ihren Konflikt nicht allein lösen können. Der Mediator arbeitet allparteilich und unabhängig. Wie eine Mediation zustande kommt, hängt davon ab, in welchem Bereich die Mediation stattfindet. In der Familienmediation zum Beispiel wendet sich in der Regel eine Partei an einen Mediator. In unserem Bereich der Arbeitsplatzmediation kommt der Auftrag auch manchmal von einem Vorgesetzten.

Zu Mediation müssen doch aber beide Konfliktparteien bereit sein. Wie kommt die zweite Partei ins Spiel, wenn nur eine Seite die Mediation anstrebt?

Martinez: In Einzelgesprächen versucht der Mediator, die zweite Seite zu gewinnen. Middelhof: Der Vorteil einer Mediation ist ja, dass sie eine Alternative zu anderen Verfahrenswegen ist. Die Konfliktparteien müssen sich im Klaren sein, was passiert, wenn sie eine Mediation ablehnen: Man tritt den Konflikt ab an eine höhere Instanz – zum Beispiel an einen Gerichtsprozess. Damit hat man aber auch deutlich weniger Einfluss auf das Ergebnis. Wesentlich ist, dass ich als Betroffener Wahlmöglichkeiten habe.

Ist Mediation selbstbestimmter als zum Beispiel ein Gerichtsprozess?

Martinez: Ja. Selbstbestimmtheit ist ein wesentliches Merkmal der Mediation, weil die Medianten ihre Themen selbst bestimmen und die Lösung selbst erarbeiten.

Herr Middelhof, Sie arbeiten bei der Stadt im Personalwesen. Frau Martinez ist bei Ford. Arbeiten Sie dort als Mediatoren oder machen Sie das nebenbei?

Middelhof: Sowohl als auch. Ich bin zur Personalentwicklung gerade wegen der Mediation gekommen. Gerade ist die Dienstvereinbarung zum Umgang mit Konflikten am Arbeitsplatz zwischen Oberbürgermeister und Gesamtpersonalrat unterschrieben worden. Das ist sozusagen meine Arbeitsgrundlage als Mediator. Bislang setze ich etwa 25 bis 30 Prozent meiner Arbeitszeit für die Mediation ein. Ich war aber auch schon ehrenamtlich als Mediator in einem Gemeinwesenkonflikt aktiv: Gemeinsam haben die Nutzer einer Skateranlage in Kornelimünster und die Anwohner Regelungen gefunden, wie ein Zusammenleben so gestaltet werden kann, dass alle zu ihrem Recht kommen. Martinez: Ich arbeite bei „Ford Aus- und Weiterbildung e.V.“ als Coach und Mediatorin. 15 bis 20 Prozent meiner Arbeitszeit sind Mediation. Zudem bilde ich oft Führungskräfte und Mitarbeiter in Konfliktmanagement fort.

Dann scheint es relativ viele Konflikte zu geben, die es zu lösen gilt.

Middelhof: Viel zu wenige, sage ich mal ganz süffisant. Zu wenige, die gelöst werden wollen. Es gibt eine Hemmschwelle, mit Konflikten nach außen zu gehen. Martinez: Der Leidensdruck ist schon sehr groß, bevor sich Menschen an einen Mediator wenden. Sie wollen ihre Situation unbedingt verändern, weil der Druck so groß ist.

Warum haben Sie sich denn zum Mediator beziehungsweise zur Mediatorin ausbilden lassen?

Martinez: Irgendwie habe ich immer schon mediiert, bevor ich das als persönliche Stärke wahrgenommen habe. Ford hat die Ausbildung schließlich unterstützt. Middelhof: Ich war früher in der Jugendgerichtshilfe als Sozialarbeiter tätig. Da hat mich immer gestört, dass zwar die Tat durch eine Strafe sanktioniert, aber der Konflikt nicht gelöst wird. Das Opfer hat weiterhin Angst: vor dem Täter, an dem Ort der Tat und so weiter. So bin ich zunächst zum Täter-Opfer-Ausgleich, später zur Mediation gekommen. Die meisten Mediatoren können aber nicht allein von der Mediation leben.

Ist die Möglichkeit der Mediation also zu wenig bekannt?

Middelhof: Der Bundesverband Mediation existiert am 27. Mai seit 25 Jahren. In den ersten Jahren wurde Mediation gern mit Meditation verwechselt. Das passiert heute eigentlich nicht mehr. Aber die meisten Mediatoren kommen eher über Umwege an ihre Aufträge – zum Beispiel weil sie als Anwalt für Familienrecht arbeiten und von einer Seite für die Regelung einer Scheidung beauftragt werden. Dass sich aber gerade in diesem Bereich vieles außergerichtlich klären lässt, wird den Parteien erst klar, wenn man ihnen eine Familienmediation anbietet. Martinez: Vielleicht verständigt man sich auf 100 Euro weniger Unterhalt, hat aber nicht ständig Stress mit dem Ex-Partner wegen der Sorgerechtsregelung für die Kinder. Man hat es selbst in der Hand, welche Lösung möglich ist. Wenn es dann auch noch billiger wird, sind viele sehr schnell überzeugt.

Gibt es Grenzen der Mediation?

Martinez: Grundlage für eine Mediation ist ja, dass beide Parteien zustimmen und sich auf die Regeln der Mediation verständigen. Trotzdem gehen manchmal die Emotionen so hoch, dass Gewalt ins Spiel kommt. Dann breche ich eine Mediation ab. Manchmal öffnet sich durch eine Mediation auch erst die Büchse der Pandora. Da kommen Konflikte hoch, die lange zugedeckt waren. Manchmal ist die Trennung, die eigentlich vermieden werden sollte, auch die Lösung. Zumindest ist dann der Konflikt bearbeitet und man nimmt ihn nicht wieder mit an die nächste Stelle. Deshalb ist eine Mediation auch noch sinnvoll, wenn sich eine Partei zum Beispiel schon für einen Arbeitsplatzwechsel entschieden hat.

Middelhof: Es ist wichtig, dass zwischen den Konfliktparteien kein Machtgefälle existiert. Sie müssen sich auf Augenhöhe begegnen. Oft wird Angeklagten angeboten, statt in eine Gerichtsverhandlung zunächst in eine Mediation mit dem Opfer zu gehen. Das funktioniert bei Straftatbeständen wie Körperverletzung und Diebstahl ganz gut, bei Raub ist es schon schwierig, bei Vergewaltigung nur sehr selten erfolgreich. Bei Dauerschädigungen durch die Tat funktioniert es eigentlich gar nicht. Zudem gibt es in der Mediation nicht die Unschuldsvermutung, die für ein Gerichtsprozess gilt. Deshalb kann eine Mediation auch für den Tatverdächtigen immer nur ein Angebot sein. Ist er von seiner Unschuld überzeugt, sollte in einem Prozess geklärt werden, ob er Recht hat.

Sie organisieren als Leitung der Regionalgruppe Aachen des BM e.V. in diesem Monat den 2. Aachener Mediationstag. An wen richten Sie sich damit?

Middelhof: Wenn ich mir die Weltpolitik so anschaue, bräuchte die Makroebene deutlich mehr Ahnung über Mediation. Aber wir richten uns mit der Veranstaltung – die wir nur zusammen mit der VHS auf die Beine stellen können – eher an die Mikroebene. Natürlich treffen sich dort viele Mediatoren, die in unserer Regionalgruppe organisiert sind. Unser Netzwerk besteht sicherlich aus 40 bis 50 Mediatoren aus ganz unterschiedlichen Verbänden. Aber zum Mediationstag sind auch alle anderen, die sich für Konfliktlösung interessieren, eingeladen. Martinez: Vor zwei Jahren haben sich viele Mitarbeiter verschiedene Firmen angemeldet, die häufig in Teams arbeiten. Aber auch Studierende waren unter den Teilnehmenden.

Auf dem Programm steht unter anderem ein Impulsvortrag zu kulturellen Unterschieden bei Konflikten. Mit Ihnen sitzen hier eine Spanierin und ein Deutsch-Niederländer. Gibt es da schon Unterschiede?

Middelhof: Es gibt durchaus kulturelle Ursachen für Konflikte. Ich hatte mal einen Fall einer Mitarbeiterin mit ghanaischen Wurzeln und ihrem deutschen Vorgesetzten, die beide gerne Motorrad fuhren und sich dafür hin- und wieder auch nach Feierabend trafen. Irgendwann hat der Mann dem einen Riegel vorgeschoben, weil ihm das Vermischen von Arbeitszeit und Freizeit zu weit ging. Das scheint sehr deutsch zu sein. Die Frau hat darunter sehr gelitten, weil ihre Kultur Kollegen eher als Familie wahrnimmt. Dies herauszufiltern, ist die Aufgabe des Mediators. Martinez: Dafür braucht es vor allem Sensibilität und Empathie, denn natürlich können wir die kulturellen Unterschiede auch nicht alle kennen. Die unterscheiden sich ja oft schon innerhalb eines Herkunftslandes extrem – denken Sie nur an den Hamburger und den Bayer.

Ein weiterer Vortrag wird die Rechtstendenzen in der Gesellschaft thematisieren. Mir scheint aber, dass Rechtspopulisten eher am Schüren von Konflikten als an der Lösung interessiert sind.

Middelhof: Das gilt sicher für die treibenden Kräfte von rechtspopulistischen Parteien und Bewegungen. Aber zum Beispiel finden sich bei den Pegida-Demos ja auch Menschen, die vor allem Angst haben: meist diffus vor Überfremdung, vorm Abgehängt-Werden. Diese Menschen kann man durchaus überzeugen, sich nicht aufhetzen zu lassen. Aber natürlich ist Mediation kein Allheilmittel. Sie funktioniert nur mit der Bereitschaft der Parteien, sich dem Konflikt zu stellen.

Gehen Sie selbst durch die Mediatorenausbildung anders in Konflikte?

Martinez: Man ist schon versucht, den Mediatorenhut aufzusetzen, wenn es zum Beispiel in der Familie oder bei Freunden einen Konflikt gibt. Dann muss ich mir manchmal anhören: „Sei nicht neutral! Bezieh‘ Stellung!“ Middelhof: Beim Streit geht es ja meist ums Recht haben. Da kann ich mich trotz Mediatorenausbildung nicht ausnehmen, wenn ich selbst betroffen bin.

Wie schätzen Sie denn die derzeitige Konfliktlösungskompetenz unserer Gesellschaft ein?

Martinez: Die Nachfrage in Unternehmen und Organisationen nach Fortbildungen für Führungskräfte ist immens. Besonders in großen Unternehmen wird versucht, Streit einvernehmlich beizulegen – das ist besser für die Außenwahrnehmung und für die Bindung der Mitarbeiter ans Unternehmen.Middelhof: Es ist sinnvoll, möglichst früh Konfliktlösungskompetenzen zu entwickeln. Werden sie schon im Kindes- und Jugendalter verinnerlicht, müssen sie später nicht mühsam in Fortbildungen erlernt werden. In den 1990er Jahren ist die Streitschlichtung in die Schulen eingezogen. Heute findet man schon Kitas, die sich mit dem Thema befassen. Mein Sohn hat mir mal ein Bild zum Geburtstag geschenkt. Darauf stand: „Ich schenke Dir … meinen Konflikt mit meinem Freund“. Er dachte, damit ist er ihn los. Viele Erwachsene denken das auch, wenn sie sich an eine höhere Instanz wenden. An ein Gericht oder den Vorgesetzten. Martinez: Grundsätzlich gilt immer: Wer sich auf eine Mediation einlässt, ist mutig. Denn Konflikte lösen zu wollen, erfordert Courage!

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