Aachen - Mauerreste stehen für eine Kirchenidee

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Mauerreste stehen für eine Kirchenidee

Von: Hans-Peter Leisten
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Erklärten die Bedeutung der Notkirche: Archäologe Dr. Markus Pavlovic, Grabungsleiterin Alexandra Gatzen, Elfi Buchkremer (Stadt Aachen) und Redmer Studemund (Gesamtpresbyterium, von links). Im Hintergrund steht das Martin-Luther-Haus, wo einst die Christuskirche war.

Aachen. Es war am Morgen des 24. März 1979, als ein wichtiges Stück Aachener Kirchengeschichte in Schutt und Asche versank. In gewisser Weise ein Symbol des presbyterialen Neubeginns nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs.

Die sogenannte Notkirche an der Martin Luther-Straße fiel einem Feuer zum Opfer, dessen Ursache nie geklärt wurde. Gerettet wurden nur das Abendmahlsgerät und der verzierte Kanzelbehang. In den Trümmern verschollen war damit vorerst die Idee der Notkirche für den Aachener Beritt. Bis vor wenige Wochen, denn im Rahmen der Neugestaltung des Suermondtparks tauchten Teile der Fundamente der Notkirche wieder auf.

Für Archäologen die Gelegenheit, ein wichtiges Stück Kirchensoziologie zu begreifen und zu dokumentieren. Und so überrascht es auf den zweiten Blick nicht, dass gestern ein vergleichsweise großes Experten vor einem kleinen Ziegelsteinblock und einigen Eingangsplatten zusammenkommt, um den Fund einzuordnen. Bei den Ausführungen von Redmer Studemund, Vorsitzender des Gesamtpresbyteriums der Evangelischen Kirchengemeinde, wird schnell klar, dass die Notkirche ein Symbolbau des Aufbruchs 1948 in Aachen und zugleich bundesweit war. Und in historischer Hinsicht bleibt sie das auch. Denn die Idee ist bis heute faszinierend und an vielen anderen Orten bis heute zu auch in Stein greifbar.

In Aachen waren bei Kriegsende alle vier evangelischen Kirchen mit den Pfarrhäusern und zwei Gemeindehäuser zerstört oder nicht mehr nutzbar. „10 000 evangelische Christen waren ohne Kirchenraum“, berichtet Studemund von der Situation, als die Idee der Notkirche entstand. Aachen bekam die Johanneskirche als Notkirche von der „Evangelical and Reform Church“ in Form von 10 000 Dollar teilweise geschenkt. „Wenn man so will, ein Care-Paket in Form eines Kirchenbausteins“, meint Studemund eher leger, weiß aber um die große Bedeutung fürs kirchliche Leben. Denn die Gemeinden wurde durchaus in die Pflicht genommen.

Die Konfirmanden mussten Groschen sammeln, um Geld für Steine zusammenzutragen. Die Gemeinden mussten in Eigenleistung die nichttragenden Außenmauern erstellen und bekamen dann – fast nach einem Fertigbauprinzip – die zusätzlichen Bauelemente inklusive. Der umsetzende Architekt war Otto Bartning, der viele dieser Kirchen in Deutschland konzipierte. So erfolgte in Aachen am 31. Oktober 1948 die Grundsteinlegung, am 10. April 1949 die Einweihung.

Die Kirche stand genau auf der Ecke Wespienstraße/Martin Luther Straße, wo zuletzt lange eine Spielfläche vor dem Berufskolleg war. Bei Beginn der aktuellen Arbeiten zum Suermondt-Park hatte Aachens Stadtarchäologe Dr. Markus Pavlovic die Vermutung, Reste der äußeren Stadtmauer zu finden. Eine archäologische Begleitung war angebracht. Statt der Stadtmauern stieß Grabungsleiterin Alexandra Gatzen von der Spezialfirma „archaeologie.de“ auf die Reste der Notkirche.

Hier mag sich die Frage stellen, was an einigen Ziegelresten denkmalswert ist. Die Antwort hat Archäologe Pavlovic schnell bei der Hand: „Nicht das Alter, sondern die Aussagekraft ist entscheidend.“ Und die liege hier in der Gemeinschaftsidee, die Otto Bartning – ein Verfechter der Bauhausidee – umsetzte.

Der Sinn für die Gemeinschaft einerseits und der Typus der Fertigbausteine anderseits seien sehr zeittypisch. Aus diesem Grund sind auch alle Fragmente der Fundamente genau registriert worden und so der Nachwelt erhalten. Zudem war die Johannes-Notkirche die erste nutzbare protestantische Kirche nach dem Krieg. Sie bot immerhin 500 Gläubigen Platz.

Ein Schild wird künftig an sie erinner, wie Elfi Buchkremer vom Fachbereich städtischen Fachbereich Umweltvorsorgeplanung versichert. Sie schlägt eine Brücke zwischen der kirchlichen Vergangenheit und dem kommenden steigenden Aufenthaltswert des Suermondtviertels. „Im Sommer 2016 wollen wir hier fertig sein“, hofft Buchkremer.

Als weniger realistisch stuft Pavlovic allerdings eine andere Hoffnung ein: dass die Reste der Aachener Notkirche Teil eines neuen Weltkulturerbes werden könnten. Die Idee gibt es nämlich angesichts von rund 40 erhaltenen Notkirchen andernorts, die also alles andere als ein Provisorium waren. In dieser Beziehung setzte der Morgen des 24. März 1979 dann doch einen historischen Schlusspunkt.

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