Massiver Wassereinbruch in dutzenden Häusern

Von: Stephan Mohne
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Pumpen, was die Pumpen hergeben: Die Feuerwehr - hier der Löschzug Verlautenheide - arbeitet mit voller Kraft gegen die Wassermassen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Wir haben uns immer einen Swimming-Pool gewünscht. Jetzt ist unser Keller einer”, sagt Frajo Ligmann und blickt auf einen ganzen Haufen Hausrat, der sich vor seiner Haustür stapelt. Auch Ligmanns Söhne Ben und Nick haben in gewisser Weise ihren Spaß, denn solch eine Armada von Feuerwehrautos direkt vor der eigenen Haustür erlebt man ja nicht jeden Tag.

Die Ligmanns haben ihren Humor nicht verloren. Kein Wunder, der Herr Papa ist als Teil des „Duo Naseweiss” schließlich seit gefühlten Ewigkeiten einer der besten Aachener Comedians.

Dabei ist das, was sich rund um sein Haus an diesem Donnerstagabend abspielt, alles andere als lustig. Dutzende Häuser im Wohngebiet auf dem ehemaligen „Rummeny-Gelände” zwischen Germanusstraße und Wurm in Haaren stehen in diesem Augenblick unter Wasser.

Am späten Nachmittag geht der Alarm bei der Feuerwehr ein. Zunächst rückt der Haarener Zug der Freiwilligen Feuerwehr, der nur wenige Meter entfernt sein Zuhause hat, aus. Doch rasch wird klar: In dem Neubaugebiet ist großflächig Not am Mann, Verstärkung wird gebraucht. Die kommt dann auch - und zwar im Laufe der darauf folgenden Stunden in enormer Stärke. Gleich mehrere Löschzüge der Freiwilligen Feuerwehr bewegen sich in Richtung Haaren. Zunächst sind das die Züge aus Verlautenheide und Eilendorf, später auch noch der Löschzug Nord. Insgesamt sind schließlich rund 80 Feuerwehrleute vor Ort.

In dem vor einigen Jahren errichteten Neubaugebiet wird überdies Nachbarschaftshilfe geleistet. Die Menschen versuchen, das Wasser mit Eimern und Gartenschläuchen aus den Kellern zu bekommen. Ein fast aussichtsloses Unterfangen, denn in einigen Soutterains stehen 10, 20 Zentimeter Wasser - Tendenz steigend. Die Feuerwehrleute wuchten Pumpen in die Keller und/oder greifen zu „Abziehern”, um den Ablauf des Wassers manuell zu unterstützen. „Es ist vieles kaputt”, sagt eine Anwohnerin. In ihrem Keller liegt ein Holzboden, der sich bereits deutlich wölbt und wohl nicht mehr zu retten ist.

„Schwierige Situation”

Feuerwehreinsatzleiter Richard Breuer schreitet von Haus zu Haus. „Wir haben hier eine verdammt schwierige Situation”, sagt er. Doch was ist eigentlich geschehen? Die Straßen sind nicht überflutet, von einer Art wetterbedingtem Hochwasser ist nichts zu sehen. Doch das täuscht.

Alles Schlechte kommt in diesem Fall von unten. Das Neubaugebiet mit seinen mehr als 50 Einfamilienhäusern wurde vor einigen Jahren auf dem ehemaligen Industriegelände gebaut, das am Zusammenfluss von Haarbach und Wurm nahe dem Haarener Ortseingang liegt. Schon von jeher war dort der Grundwasserspiegel hoch. Deswegen haben die Gebäude eine so genannte „weiße Wanne”. Die Außenwände und die Bodenplatte werden unter anderem mit wasserundurchlässigem Beton gebaut. Das schützt die Häuser vor der Nässe. Rundherum verläuft ein eigenes Kanalsystem, das für den Ablauf des Grundwassers sorgt. Normalerweise.

Doch am Donnerstag war genau dieses System überlastet. Das Wasser stieg und stieg - und lief über. Und es lief prompt in die Lichtschächte besagter Häuser und von dort aus in die Keller. Bei Frajo Ligmann strömte es geradezu ins Haus. Er hatte das Kellerfenster offen - und verlor auch in diesem Fall nicht seinen Humor: „Man sagt ja immer, dass man den Keller im Winter lüften soll...”

Während der Haarbach und die Wurm gleich nebenan von sonst friedlich plätschernden Bächen bereits zu bedrohlich gurgelnden Wasserläufen geworden sind, hat die Feuerwehr die Stawag angefordert, die sich die Sache mit den Kanälen genau anschauen soll. Die Feuwehrleute versuchen parallel, das Kanalsystem mit den Pumpen aus Löschfahrzeugen leer zu bekommen. Doch das geht nur sehr schleppend - und hat dennoch zunächst Erfolg. Während in den Häusern zunächst das Wasser langsam, aber kontinuierlich angestiegen ist, kommt jetzt nichts mehr nach.

Zumindest nicht in diesem Wohngebiet. Jetzt aber muss die Feuerwehr ihre Aktivitäten verstärkt in Richtung Alt-Haarener-Straße verlagern. Auch an der Haarener Hauptverkehrsader laufen mittlerweile zahlreiche Keller voll. Teilweise steht dort das Wasser bis zu 40 Zentimeter hoch. Zwischenzeitlich drohen sogar Gasthermen „abzusaufen”. Vorsorglich wird vereinzelt das Gas abgestellt. Und wenn die Feuerwehrleute einen Keller leergepumpt haben, läuft es an einer anderen Stelle schon wieder hinein.

Keiner will Schuld sein

Parallel dazu beginnt die Suche nach der Ursache. Die Stawag vermutet laut ihrer Sprecherin Corinna Bürgerhausen, dass es offenbar nicht am Kanalsystem selber liegt. Vielmehr bilde sich ein enormer Rückstau an einem unterirdischen Regenrückhaltebecken am nicht weit entfernten Hergelsmühlenweg. Die Vermutung: Der Einlauf zu diesem Becken, das ja eigentlich genau für eine solche Situation gebaut ist, ist geschlossen.

Und dafür ist dann wiederum der Wasserverband Eifel-Rur in Düren zuständig. Also läuft auch dort schließlich der Alarm ein, Einsatztrupps rücken aus. Doch nach eingehender Analyse vor Ort bestreitet der Wasserverband am späten Abend, dass seine Anlage einen Defekt haben könnte: „Die Anlage ist voll funktionstüchtig”, sagt der WVER-Abetilungschef Franz-Josef Hoffmann nach Rücksprache mit seinen Kollegen vor Ort.

Eine erneute Nachfrage bei der Stawag ergibt: „Die Kollegen vor Ort haben gesehen, dass das Becken voll war, was eigentlich nicht sein dürfte”, so Corinna Bürgerhausen. So oder so: Kurz nach danach fällt plötzlich der Wasserpegel, die Anwohner können aufatmen. Angesichts der enormen Wasserschäden, die an diesem Abend entstanden sind, wird die Schuldfrage auch aus versicherungstechnischen Gründen eine wichtige Rolle spielen. Beantwortet wird die Frage ab hoc nicht. Darüber wird dann wohl noch zu reden sein.

Die Feuerwehr rückt größtenteils kurz vor 21 Uhr ab, als die größte Gefahr dann doch gebannt zu sein scheint. Die Anwohner werden gebeten, die weitere Entwicklung gut im Auge zu behalten. Bei den Ligmanns und ihren Nachbarn wird unterdessen bis in die Nacht hinein gearbeitet. Ein Bekannter ist vorbeigekommen - und der nennt eine kleine Pumpe sein Eigen, die ihr Bestes gibt. Denn der Wunsch nach einem eigenen Swimming-Pool soll sich ja dann doch nicht in Form des eigenen Kellers erfüllen.
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