Aachen - Martin Czarnojan: Wegweiser vom Knast in die Gesellschaft

Martin Czarnojan: Wegweiser vom Knast in die Gesellschaft

Von: Katrin Fuhrmann
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Zufrieden mit dem, was er in den verganen Jahren erreicht hat: Martin Czarnojan, Geschäftsführer der Straffälligenhilfe, hat mit seiner Arbeit bislang viel erreichen können. Für die Zukunft wünscht sich der 53-Jährige weiterhin gute Zusammenarbeit mit der Justiz. Foto: Andreas Hermann

Aachen. Seit 24 Jahren widmet sich Martin Czarnojan der Arbeit mit von Haft bedrohten Menschen, Inhaftierten und deren Angehörigen. Eine Arbeit, die Offenheit, ein hohes Maß an Professionalität und Empathievermögen verlangt. In den vergangenen Jahren konnte die Straffälligenhilfe dadurch viele Projekte verwirklichen. Im AZ-Samstagsinterview verrät der Geschäftsführer der Straffälligenhilfe, warum die Resozialisierung von Haftentlassenen wichtig ist und welche Rolle dabei die Akzeptanz in der Gesellschaft spielt.

Herr Czarnojan, Sie sind seit 1991 Mitarbeiter und seit 1996 Geschäftsführer der Straffälligenhilfe Aachen. Was haben Sie in den vergangenen Jahren mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Czarnojan: Wir haben in dieser Zeit vielen Menschen helfen können, die straffällig wurden, die in Haft saßen oder gerade aus der Haft entlassen wurden. Wir haben viele Angehörige unterstützen können, die durch Inhaftierung eines Partners oder Bekannten unverschuldet in soziale Notlagen geraten sind. Darüber hinaus haben wir in den Jahren eine sehr gute Akzeptanz für unsere Angebote in der Aachener Bevölkerung erreicht. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass wir aktiv über unsere Arbeit sprechen und zeigen, wie umfassend und wichtig die Arbeit mit Haft bedrohten und straffällig gewordenen Menschen ist. Positive Rückmeldungen von Seiten der Richter, Staatsanwälte, Bewährungshelfer und der Polizei bezüglich unserer Angebote zeigen uns zudem, wie sinnvoll unsere Arbeit ist. Wir sind mittlerweile an dem Punkt angekommen, an dem wir auch landesweit einen guten Ruf genießen dürfen.

Wie sieht Ihre Arbeit denn konkret aus?

Czarnojan: Für Menschen, denen eine Haftstrafe droht, bieten wir in unserer Beratungsstelle umfassende Informationen und Hilfen an. Unser Ziel ist es, bei den Betroffenen eine bevorstehende Haftstrafe abzuwenden, die Haftzeit durch gute Entlassungsvorbereitung zu verkürzen oder die Entlassung vorzubereiten und zu begleiten. Auch die Angehörigen der Inhaftieren können unser Beratungsangebot nutzen. In der Justizvollzugsanstalt selbst bieten wir für die Inhaftierten wöchentlich eine Sprechstunde an. Außerdem gibt es ein suchtspezifisches Angebot für straffällige Menschen in der JVA Heinsberg und der JVA Aachen. Darüber hinaus haben wir seit geraumer Zeit auch ein kleines Arbeitsprojekt ins Leben gerufen.

Ein kleines Arbeitsprojekt?

Czarnojan: Ja – eine Art Hausmeisterservice und Nachbarschaftshilfe, die von den Haftentlassenen organisiert wird. Dazu zählen zum Beispiel kleinere handwerkliche Tätigkeiten oder Hilfen beim Umzug. Das wichtigste für Menschen, die aus der Haft entlassen werden, ist eine Tagesstruktur zu haben, nicht wieder in alte Kreise zu geraten und so den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Mit dem Arbeitsprojekt geben wir ihnen wieder einen Lebensinhalt und zeigen, dass es eine Perspektive gibt.

Das heißt: Ein wichtiger Teil der Arbeit der Straffälligenhilfe ist die Resozialisierung der Haftentlassenen?

Czarnojan: Genau. Viele Menschen, die aus der Haft entlassen werden, stehen vollkommen alleine da. Sie haben weder die Möglichkeit, zurück nach Hause zu gehen noch haben sie jemanden, der sie bei der schwierigen Aufgabe zurück in die Gesellschaft unterstützt. Meistens beginnt unsere Arbeit schon sechs Monate, bevor der Inhaftiere entlassen wird. Gemeinsam planen wir alle weiteren Schritte nach der Entlassung. Der Zuspruch und das Interesse der Straffälligen an unseren Angeboten sind groß. Sie sind froh, dass es jemanden gibt, der ihnen auf dem Weg zurück in die Gesellschaft, hilft.

Und das Angebot kann jeder Inhaftierte nutzen?

Czarnojan: Im Grunde ja. Das neue Straffvollzuggesetz, das am 1. Januar in Kraft getreten ist, regelt den aktivierenden Straffvollzug. Wir bieten unsere Leistung ständig an und zeigen Präsenz in der JVA. Dennoch ist unser Angebot freiwillig. Wir können und möchten auch niemanden dazu zwingen, unsere Arbeit in Anspruch zu nehmen. In den meisten Fällen kommen die Gefangenen aber auch von selbst auf uns zu und bitten um Unterstützung.

In diesem Zusammenhang: Was ist das Wichtigste im Umgang mit Menschen, die straffällig geworden sind?

Czarnojan: Man braucht schon ein hohes Maß an Professionalität im Umgang mit diesen Menschen, deren Biografien oftmals von Sucht, Gewalterfahrungen, Ausgrenzung und weiteren sozialen Problemen gekennzeichnet sind. Man muss sich persönlich gut abgrenzen können. Viele haben schon seit der Kindheit durch Heimaufenthalte oder Erziehungsmaßnahmen, regelmäßig Kontakt zu Sozialpädagogen gehabt. Sie wissen also auch, wie sie uns um den Finger wickeln können.

Inwiefern?

Czarnojan: Wir begleiten, unterstützen und machen Angebote. Wir müssen aber auch fordern, damit Eingliederung funktionieren kann. Wichtig ist, dass wir uns nicht instrumentalisieren lassen. Darüber hinaus müssen wir auch über ein hohes Maß an Empathie verfügen, das heißt die Fähigkeit besitzen, uns in die Situation unserer Klienten zu versetzen. Dabei geht es nicht darum, die Tat zu rechtfertigen sondern vielmehr zu versuchen, sich mit den Hintergründen und der Biografie der Gefangenen oder Haftentlassenen zu beschäftigen. Man braucht viel Fingerspitzengefühl, um überhaupt an diese Menschen ranzukommen, mit ihnen ein offenes und ehrliches Gespräch zu führen und Hilfe anbieten zu können.

Und die Gefangenen lassen sich darauf ein und nehmen auch Ihren Rat an?

Czarnojan: Natürlich. Viele wollen ihr Leben ändern, bereuen ihre Taten und zeigen das auch aktiv. Gerade Suchtkranke setzen sich in Haft oft intensiv mit ihrer persönlichen Situation auseinander. Sie wollen eine Veränderung, schaffen den Entzug und erfüllen die Auflagen zu einer stationären oder ambulanten Therapie – ein wichtiger Schritt zurück in die Gesellschaft, um nicht wieder straffällig zu werden.

Nach Ansicht des Bundesverfassungsgerichts besteht zwischen dem Integrationsziel des Vollzugs und dem Schutz der Allgemeinheit kein Widerspruch, vielmehr dient eine gelungene Resozialisierung dem Schutz der Allgemeinheit. Wie sehen Sie das?

Czarnojan: Wenn wir es schaffen, die Situation der Inhaftierten und der Haftentlassenen dauerhaft zu verbessern, verbessern wir auch den Schutz der Bürger in unserer Gesellschaft. Wenn Gefangene nach der Entlassung integriert werden, sind sie weniger gefährdet, wieder rückfällig zu werden. Es ist daher wichtig, sich ihrer Situation anzunehmen, ihnen zu helfen und ihnen Perspektiven aufzuzeigen. Die Haftentlassenen zu integrieren, bedeutet gleichzeitig weniger Straftaten, dafür mehr Sicherheit für die Aachener Bürger.

Das bedeutet, dass jeder eine zweite Chance verdient hat?

Czarnojan: Grundsätzlich ja. Doch es gibt auch die Fälle, in denen wir nicht – zumindest nicht jetzt – helfen können. Manche Menschen sind einfach zu gefährlich oder zu krank, als dass sie zum jetzigen Zeitpunkt wieder in unsere Gesellschaft integriert werden könnten. Gerade bei Sexualstraftätern und Kindermissbrauch darf man die Augen vor diesem Problem nicht verschließen. In jeder Situation sollte der Schutz der Allgemeinheit im Vordergrund stehen. Es muss zwar immer wieder überprüft werden, ob diese Straftäter zum Beispiel nach einer gelungenen Therapie wieder eine zweite Chance verdient haben – ein Automatismus ist es aber noch lang nicht.

Und was machen Sie bei all dem Trubel und der umfassenden Arbeit zum Ausgleich?

Czarnojan: Ich verbringe viel Zeit mit meiner Familie. Vor allem reisen wir gerne. Vor kurzem sind wir zum Beispiel in Israel gewesen. Das Land hat mich besonders fasziniert. Aber auch viele andere Länder, wie zum Beispiel Griechenland oder Portugal haben für uns ihren ganz eigenen besonderen Reiz. Ansonsten verbringe ich meine freie Zeit mit Freunden, lese oder treibe Sport.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Czarnojan: Ich wünsche mir, weiter so arbeiten zu können wie bisher. Ich möchte in der Zukunft die Zusammenarbeit mit den Justizvollzugsanstalten und den ambulanten Diensten der Justiz noch verbessern und hoffe, dass die Akzeptanz in der Aachener Bevölkerung auch in Zukunft gegeben ist. Mit der Straffälligenhilfe arbeiten wir an einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Das ist ein wichtiger Bereich, den wir in den kommenden Jahren noch weiter entwickeln möchten und müssen.

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