Aachen - Marienschule: Alles, nur nicht Mainstream

Marienschule: Alles, nur nicht Mainstream

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:
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Pädagogische Besonderheit: An der Marienschule werden Schüler von zwölf bis 17 Jahren in einer Klasse unterrichtet.
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Vielfältige Möglichkeiten: Im Werkraum der Schule arbeiten Atkhan (r.) und Calvin an Holzmodellen.

Aachen. Der normale Klassentrubel ist an diesem Morgen nicht das Ding für Jonas K. (Name geändert). „Ich möchte heute meine Ruhe haben“, sagt der Schüler der Bischöflichen Marienschule in „Der Runde“. So nennen Schüler und Lehrer der Förderschule für emotionale und soziale Entwicklung an der Harscampstraße das tägliche Ritual zu Unterrichtsbeginn.

Jeder nennt sein Tagesziel. Und für Jonas heißt das an diesem Tag: Ruhe. Also wird er von einem Sonderpädagogen separat unterrichtet. Der Lehrer nimmt sich Zeit. Die Eins-zu-eins-Betreuung tut Jonas gut. Ob solch besondere Maßnahmen in diesem Umfang in Zukunft noch möglich sind, steht in den Sternen. Denn der Förderschullandschaft stehen massive Veränderungen bevor.

Das Inklusionsgesetz – also der Rechtsanspruch von Schülern mit Behinderung und speziellem Förderbedarf, an Regelschulen unterrichtet zu werden – verunsichert vor allem die Kollegien an Förderschulen. Wie geht es weiter? Ist die gesetzlich vorgegebene Inklusion in der Realität überhaupt umsetzbar? Gibt es dafür genügend Personal?

„Ich sehe die aktuelle Entwicklung durchaus als Bedrohung für die Förderschulen“, sagt Georg Schöpping, seit 17 Jahren Leiter der Marienschule. In Aachen sind in den vergangenen Jahren bereits drei Förderschulen geschlossen oder neu eingegliedert worden. Die Marienschule, so Schöpping, habe ihre Nische. Die Nachfrage von Eltern sei weiterhin groß. Trotzdem: Enorme Veränderung deuten sich an.

Sinkt der Betreuungsschlüssel?

Denn ist gibt Anzeichen, dass sich der Betreuungsschlüssel an Förderschulen in Zukunft verändert. Derzeit kommen acht Schüler auf einen Lehrer. Dieser soll womöglich auf eins zu zehn oder sogar zwölf steigen. „Die intensive Begleitung wäre dann für unsere Schüler in der Form nicht mehr möglich. Ich befürchte, dass diese Politik nach hinten losgeht“, sagt Schöpping.

Schon jetzt sind in Sachen Personal die Kapazitätsgrenzen erreicht. „Es gibt kaum noch Sonderpädagogen auf dem Arbeitsmarkt“, berichtet Schöpping. Und die, die es gibt, suchen Stellen eher im Kölner Raum – und nicht in der Städteregion Aachen.

An der Marienschule sind aktuell 13 Lehrer beschäftigt, plus drei Honorarkräfte. Die kleine Förderschule verfolgt ein besonderes Konzept: Im Stammhaus gibt es derzeit nur eine Klasse mit 15 Schülern – und zwar altersübergreifend von zwölf bis 17 Jahren. „Das bedeutet für die Lehrer sehr viel Arbeit“, weiß Konrektorin Birgitta Bartels-Scharping. Denn jeder Schüler hat sein Päcklein zu tragen, bringt einen ganz individuellen Förderbedarf mit in den Unterricht.

Trotzdem ist Bartels-Scharping von dem Konzept überzeugt: „Die Kinder und Jugendlichen profitieren voneinander. Dass immer mehr Kinder emotional-sozial belastet sind, im großen Regelschulsystem keinen Halt finden, hat viele Gründe. Einen der offensichtlichsten nennt Schulleiter Schöpping: Immer weniger Kinder wachsen in funktionierenden Familien auf.

Das belastet die jungen Menschen immens. Und zeigt sich in besonderen Maße bei den Jungs: Immer mehr werden in einer vaterlosen Gesellschaft groß. Von der Kita bis zur Grundschule sind sie fast nur von Frauen umgeben. Männliche Bezugspersonen – Fehlanzeige!

An der Marienschule sind 80 Prozent der Schüler Jungs. „Jungs werden auffällig im System Schule, Mädchen ziehen sich dagegen eher aus dem System zurück“, erklärt Bartels-Scharping. Oder anders gesagt: Sie gehen erst gar nicht zur Schule. Im Schulverweigerer-Projekt, das die Marienschule zusammen mit der Einrichtung „Motovia“ umsetzt, sind dann auch rund 80 Prozent der Teilnehmer weiblich.

Neben der Klasse am Stammsitz arbeitet die bischöfliche Bildungseinrichtung mit zahlreichen Kooperationspartnern zusammen (siehe Box). Dort wird der Großteil der insgesamt 100 Schüler unterrichtet und betreut. 40 Prozent gehen im Rahmen des Gemeinsamen Unterrichts (GU) auf eine der Partnerschulen, wo sie dann von Sonderpädagogen der Marienschule individuell unterstützt werden. Weitere 40 Prozent erhalten bei Jugendhilfe-Partnern der Aachener Förderschule die Möglichkeit, einen Abschluss zu erlangen.

Keiner fällt durchs Netz

„Keiner fällt durchs Netz“ hat sich die Schule im Suermondt-Viertel als Motto auf die Fahne geschrieben. Entsprechend weit haben Schöpping und seine Kollegen dieses Netz in den vergangenen Jahren gespannt. „Unser System funktioniert“, sagt er. Doch mit einigen Bauchschmerzen blickt man nicht nur in der kleinen Förderschule mitten in der City auf die Mammutaufgabe Inklusion.

„Ich bin generell für schulische Inklusion“, stellt Schöpping klar. Doch es bleiben Zweifel, welche Auswirkungen die politischen Entscheidungen und vor allem deren in der Kritik stehende Umsetzung auf die jungen Menschen mit Förderbedarf haben.

Jonas K. hat an diesem Tag die Ruhe erhalten, die im gut getan hat. Auf der Baustelle Bildungssystem herrscht dagegen weiter geschäftiges Treiben.

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