„Maria im Tann“: Direktor spricht über soziales Engagement

Von: Katrin Fuhrmann
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Maria im Tann bestimmt seit 35 Jahren sein Leben: Direktor Stefan Küpper beschreibt seine Arbeit als sehr aufregend und mit stets vielen neuen Erfahrungen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Seit 35 Jahren gehört „Maria im Tann“ zu Stefan Küppers Leben. Das Haus in Preuswald ist sein Lebenswerk und seine Bestimmung, wie er selbst sagt. In all den Jahren hat der Leiter des Zentrums für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe viele eigene Konzepte entwickelt und Projekte verwirklichen können.

Warum seine Arbeit stets eine Arbeit auf Augenhöhe ist und welchen Wert der erst küzlich erhaltene Preis „Aachen Sozial“ für ihn hat, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Herr Küpper, seit 35 Jahren sind Sie für die Kinder und Jugendlichen in „Maria im Tann“ tätig. Wie würden Sie diese Jahre beschreiben?

Küpper: Jedes dieser 35 Jahre war unterschiedlich und auf seine Art besonders, immer aufregend und von vielen Herausforderungen gekennzeichnet. Immer wieder gab es Dinge zu verändern. In den vergangen Jahren hat sich gerade im Bereich der „Hilfen zur Erziehung“ für Kinder und Jugendliche einiges zum Besseren entwickelt, das ich sehr schätze.

Inwiefern?

Küpper: Früher gab es fast nur die klassische Heimerziehung in Gruppen, wenn ein Kind eine besondere Hilfe brauchte. Heute sind wir uns bewusst, dass das Schicksal jedes einzelnen Kindes im Fokus aller Planungen und Regelungen stehen muss. Da ist es gut, dass die Angebote von Hilfe zur Erziehung inzwischen sehr viel differenzierter sind: Neben der Erziehung der Kinder in der stationären Heimerziehung, bieten wir auch familiäre Erziehungsstellen, flexible ambulante Familienhilfe oder Wohngemeinschaften für junge Erwachsene zur Verselbstständigung und andere Hilfeformen an.

Gemeinsam mit dem Kind und seiner Familie suchen wir nach einem Weg, wie die Zeit, die es bei uns verbringt, zu einer guten Zeit wird. Zudem hat sich die Dauer der Zeit, die die Kinder bei uns leben, verändert. Noch vor einigen Jahren waren sie im Durschnitt sieben bis acht Jahre hier. Heute sind es durchschnittlich nur noch zwei Jahre.

Woran liegt das?

Küpper: Wir arbeiten viel enger mit den Familien der Kinder zusammen. Früher haben diese bei unserer Arbeit keine große Rolle gespielt. Aber uns ist bewusst geworden, dass den Eltern trotz verschiedener widriger Umstände in ihrem Leben das Wohl des Kindes am Wichtigsten ist, auch wenn die Erziehung in vielen Fällen vielleicht nicht so geklappt hat, wie es sein sollte.

Wie viele Kinder und junge Erwachsene nehmen Ihre Arbeit zurzeit in Anspruch?

Küpper: Im stationären Bereich, das heißt im Kinder- und Jugendheim, sind derzeit 95 Kinder untergebracht. Mehr als 100 Kinder, Jugendliche und Familien nehmen unsere flexible, ambulante Familienhilfe in Anspruch, bei der wir vor allem als Berater und Begleiter fungieren. Außerdem bieten wir zahlreiche Präventivangebote wie zum Beispiel Elterntraining in Erziehungsfragen und Soziales-Kompetenz-Training an, damit es erst gar nicht zu einer Trennung von Eltern und Kind kommt. Hinzu kommen rund 20 Kinder, die wir in sogenannten Erziehungsstellen betreuen. Das sind ausgebildete Familien mit Fachkräften, die sich um das Kind kümmern und mit ihm zusammenleben.

Und aus welchen Gründen leben die Kinder und Jugendlichen in Ihrer Einrichtung?

Küpper: Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Das fängt zum Beispiel bei der Erkrankung der Eltern an. Häufig sind es dabei vor allem psychische Störungen und Suchterkrankungen, die dazu führen, dass Eltern nicht mehr ausreichend für ihre Kinder sorgen können. Dann gibt es auch Kinder, die sexuelle Gewalt erfahren oder erlebt haben und dadurch traumatisiert sind. Manche Eltern sind mit gewissen Besonderheiten ihrer Kinder aber auch einfach überfordert.

Welche Besonderheiten meinen Sie genau?

Küpper: Wenn Kinder ADHS oder andere organische und psychische Störungen haben, sind die Eltern der Situation oftmals nicht gewachsen und suchen deswegen Hilfe bei uns. Generell ist mir bei diesen Gründen wichtig zu betonen, dass die Ursachen für die Unterbringung bei uns nie in den Kindern selbst liegen, sondern in ihrer Herkunftssituation. Vor 35 Jahren dachte ich noch, dass nicht die Kinder, sondern die Eltern schuld sind. Heute bin ich der Auffassung, dass die Frage nach der Schuld unerheblich ist und uns die Antwort darauf auch nicht zusteht. Entscheidend ist, die Ursache für das Fehlverhalten herauszufinden und den Kindern zu helfen.

In den vergangenen Monaten haben Sie sich vor allem auch der Arbeit mit unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen gewidmet. Wie sieht die Arbeit in diesen Fällen aus?

Küpper: Wir betreuen derzeit 55 unbegleitete Flüchtlinge. Sie haben genauso wie alle anderen deutschen Kinder den Anspruch auf Bildung, Orientierung, Zuwendung, Fürsorge und Hilfe. Wir versuchen, unterschiedliche Betreuungsangebote zu schaffen, um den Jugendlichen den Start in ein selbstständiges Leben zu ermöglichen.

Aber die Betreuung in Ihrem Haus ersetzt die familiäre Zuwendung nicht.

Küpper: Natürlich nicht. Aber unser Ziel ist es, der Einsamkeit der unbegleiteten Flüchtlinge entgegenzuwirken. Wir können den Vater und die Mutter nicht ersetzen. Aber wir wollen für jeden ein Netzwerk entstehen lassen, damit die Betroffenen wieder jemanden haben, der sich für sie interessiert. Wichtig ist, dass die Jugendlichen einen normalen Alltag haben, mit allem, was dazu gehört. Sie stehen morgens auf und gehen zur Schule, treffen nachmittags Freunde, sind in Vereinen aktiv und hängen auch einfach nur mal ab, wie das Jugendliche ebenso tun.

Gleichzeitig sind es aber die kleinen Dinge, wie zum Beispiel ein gemeinsames Abendessen, die einen geregelten Tagesablauf ermöglichen. Wir möchten, dass die Kinder merken, wie viel Positives in ihnen steckt. Das gelingt etwa im Bereich des Sports besonders gut. Dem normalen Alltag schließt sich aber ein wichtiger anderer Aspekt an. Wir sprechen mit den Kindern und Jugendlichen auch darüber, was sie falsch gemacht haben. Vieles müssen sie einfach ganz neu erlernen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Küpper: Es gibt Kinder, die von ihren Eltern vermittelt bekommen haben, dass man als Kind nichts zu sagen hat oder dass man immer gewinnt, wenn man zuschlägt und der Stärkere ist. Sie haben also viele Grundprinzipien falsch erlernt. Unsere Aufgabe ist es, ihnen den richtigen Weg zu zeigen. Dabei ist es ein Hauptziel, Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit und Selbstwertgefühl zu entwickeln. Wenn uns das gelingt – das tut es oft –, dann haben wir viel bewegen können. Dann können die Kinder und Jugendlichen wieder auf ihre eigene Kraft und ihr eigenes Gefühl vertrauen. Das ist im Grunde der wesentlichste Aspekt unseres Konzeptes in Maria im Tann.

Wie sieht das Konzept genau aus?

Küpper: Bei jedem Kind, das zu uns kommt, gehen wir im Grunde nach dem gleichen Schema vor. Wir arbeiten an den Defiziten, die das Kind mitbringt. Das kann Nachhilfe bei schulischen Problemen sein, aber auch Anti-Aggressionstraining oder eine Therapie. Gleichzeitig wollen wir, dass das Kind etwas macht, das es gut kann. Es soll ein Hobby entwickeln können, das ihm Freude bereitet, oder Talente, die in ihm schlummern, ausbauen. Wichtig in diesem Konzept ist als letzter Punkt das Engagement. Wir vermitteln den Kindern, dass sie, wenn sie anderen helfen, daran wachsen und viele Erfahrungen sammeln können.

Vor kurzem haben Sie wegen Ihres sozialen Engagements den Preis „Aachen Sozial“ erhalten. Hat er einen besonderen Platz in Ihrem Schrank?

Küpper: Der Preis hat mich beeindruckt, und ich bin sehr dankbar. Gleichzeitig bin ich immer noch ein bisschen verlegen. Er hat aus dem Grund einen besonderen Platz, zwar nicht in meinem Schrank, wohl aber in meinem derzeitigen Leben, weil er die Aufgabe, die ich habe, in den Vordergrund stellt. Ebenso habe ich den Preis natürlich stellvertretend für alle Mitarbeiter von Maria im Tann erhalten, deren Arbeit auf diese Weise auch entsprechend gewürdigt wird.

Was sollte Ihrer Meinung nach soziale Arbeit leisten?

Küpper: Soziale Arbeit muss das Ziel haben, dem jeweils betroffenen Menschen Wege aufzuzeigen, die sein Leben zufriedenstellender machen. Unsere Arbeit muss immer auf Augenhöhe und mit hohem Respekt den Kindern und Jugendlichen und genauso ihren Eltern gegenüber geschehen. Keinesfalls darf der Eindruck vermittelt werden, dass es sich dabei um Arbeit zwischen einem Besseren und einem Schlechteren handelt.

Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Haben Sie schon Pläne, was mit dem Geld passieren soll?

Küpper: Das Geld wird in die Förderung von einzelnen Kindern und Jugendlichen und in Integrationsprojekte investiert, damit wir auch in Zukunft die Stärken und Kräfte der Kinder erkennen und sie frühestmöglich fördern können. Schließlich ist unser Ziel, die Kinder für das Leben und die Zukunft nach Maria im Tann fit zu machen.

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