Marco Fühner verleiht den Mädchen eine gewichtige Stimme

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Proben gehört zum Handwerk: Marco Fühner ist begeistert von den stimmlichen Qualitäten der jungen Sängerinnen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. 2008 Geschah so etwas wie eine kleine Revolution: Die ersten Mädchen wurden in die Domsingschule aufgenommen, nachdem 1200 Jahre hier nur Jungen gelernt und gesungen haben. In der logischen Folge wurde 2011 der Mädchenchor am Dom gegründet – mit eben jenen Mädchen, die dreieinhalb Jahre zuvor am Katschhof eingeschult wurden.

Seitdem ist er auf ein stattliches Ensemble mit gut 70 Mädchen angewachsen. Domkantor Marco Fühner leitet ihn seit 2013 – und ist heute mehr denn je begeistert von den stimmlichen Qualitäten und den Persönlichkeiten „seiner“ Mädchen.

1200 Jahre haben nur Männer und Jungen im Aachener Dom gesungen. Warum sind vor fünf Jahren Mädchen dazu gekommen?

Fühner: Dieser Prozess lief noch ohne mich ab. Ich arbeitete zwar schon zwei Mal in der Woche als Mitarbeiter des Domkapellmeisters mit den Jungen des Domchores, involviert war ich in den Prozess jedoch nicht. Vorbild waren sicherlich andere Kathedralen, an denen schon relativ lange Mädchenchöre existierten. Der Mädchenchor war von Anfang an vor allem als Klangkörper gedacht, der eine noch größere Reichhaltigkeit und Vielfalt in die Dommusik bringt. Dadurch erfuhr natürlich auch der Domchor, der 1200 Jahre lang alle Hochämter, Extragottesdienste und Konzerte sang, eine Entlastung.

Die Entscheidung war so etwas wie eine Zeitenwende, das Ende einer Tradition…

Fühner: Visionär haben Domkapitel, Domkapellmeister und Schulleitung entschieden, dass die Zeitenwende nicht allein die Gründung eines Mädchenchores bedeutet, sondern dass Mädchen vor allem die gleichen schulischen Möglichkeiten in der Domsingschule bekommen sollen. 2008 wurden die ersten Mädchen in die Schule aufgenommen, 2011 wurde der Chor gegründet und darf sich seitdem uneingeschränkt entwickeln. Natürlich hat der Domchor noch mehr Dienste, ist eingespielter. Das können wir nach fünf Jahren vom Mädchenchor noch nicht sagen, da ist vieles noch im Werden. Der Mädchenchor soll seine eigene Prägung haben. Aber natürlich machen wir auch gerne gemeinsam Musik mit dem Domchor.

War der Anfang des Chores eher mühsam oder voller Tatendrang?

Fühner: Ich bin ja erst seit 2013 dabei, trotzdem würde ich sagen: voller Tatendrang. Von Anfang an wurden die Mädchen als wertvoller und gleichberechtigter Klangkörper geschätzt und bekamen so ihren Dienst – zunächst einmal, heute zwei Mal im Monat. Die Mädchen haben also von Beginn an konzertant, aber vor allem in der sonntäglichen Liturgie – das ist ja unsere wichtigste Aufgabe – gesungen. Es wurde nicht erst gewartet, bis sich die Mädchen ein vielstimmiges musikalisches Niveau erarbeitet haben, sondern der Mädchenchor hat auch mit ein- oder zweistimmiger Literatur bereits die Liturgie gestaltet. Das hat ihn nach vorne gebracht.

Mit einer Schulklasse wurde begonnen, wie viele Sängerinnen bilden heute den Chor? Und wie alt sind die?

Fühner: Es sind gut 70 Mädchen. Ich habe im Normalfall den ersten Kontakt mit den Mädchen, wenn sie in die dritte Klasse kommen. Von da an proben sie anderthalb Stunden wöchentlich zusammen mit Klasse vier. Mitte des vierten Schuljahres werden sie dann in den Chor aufgenommen. Bei ihrer Aufnahme sind sie also ungefähr zehn Jahre alt. Die älteste Sängerin wird dieses Jahr volljährig.

Muss jeder im Chor mitsingen?

Fühner: Es ist unser Wunsch, und da die Domsingschule schwerpunktmäßig musikalisch ausgerichtet ist, ist es eine logische Folge. Unsere ganze Arbeit im Rahmen der Schule geschieht im Sinne einer frühen musikalisch sängerischen Förderung, die zu einer Mitwirkung im Domchor oder Mädchenchor befähigt. Von daher erwarten wir diese dann auch.

Allein durch die Altersspanne sind das ja sehr unterschiedliche Kinder und Jugendliche. Wie bekommen Sie das hin?

Fühner: Ich differenziere: Neben einer gemeinsamen wöchentlichen Probe finden sowohl für die Kleineren bis Klasse sieben, als auch für die Älteren in ihren jeweiligen Stimmfächern getrennte Proben statt. Die „Großen“ gestalten beim Jubiläumskonzert zum Beispiel auch einen Teil allein. Die Viertklässler müssen am Anfang noch nicht alles mitmachen. Das entlastet. Ein gutes Zeichen ist aber, dass die Kleinen damit nicht unbedingt immer zufrieden sind. Sie scharren mit den Hufen.

Ab Klasse sieben wird aber auch die Schule anstrengender. Merken Sie das an nachlassender Motivation?

Fühner: Gerade in dieser Jahrgangsstufe spreche ich oft mit den Mädchen darüber. Aber meine Beobachtung ist: Wenn ein Mädchen beim Singen Talent hat, ist es meistens auch gut in der Schule. Viele Mädchen stemmen das eine, weil sie das andere stemmen. Fleißig sein, sich organisieren können, seinen Weg gehen – das braucht man in der Schule wie im Chor. Jemand, der ein wenig in den Tag träumt, merkt bei uns sehr schnell, dass das im Chor nicht geht. Jede trägt Verantwortung. Ein bisschen provokant kann ich sagen: Die Leistungsträgerinnen des Chores stehen ihre Frau auch im restlichen Leben.

Wie hat sich der Chor in den vergangenen Jahren entwickelt?

Fühner: Wenn ich das als Chorleiter so sagen darf: musikalisch grandios! Aber vieles geschieht auch ohne mein Zutun. Ich kann die Mädchen mit der Musik in Verbindung bringen, kann Stellschrauben bei der Probenarbeit, der Förderung drehen. Zum Beispiel bekommen die Mädchen Einzelstimmbildung bei einem Stimmbildners. Was die Mädchen von ganz allein tun: Sie werden größer. Ihre Stimme entwickelt sich, sie wird runder, erwachsener, fraulicher.

Ist der Chor dann jetzt gerade auf seinem stimmlichen Höhepunkt?

Fühner: Unsere Mädchen entwickeln sich stimmlich ganz großartig und haben dabei allesamt immer noch großes Potenzial. Ein Mädchen hat ja mit 20 Jahren stimmlich den Zenit noch nicht erreicht. Aber uns beschäftigt schon die Frage, ob es noch nach Mädchen klingt oder schon nach Frau. Irgendwann sind sie keine Mädchen mehr. Und unser Chor heißt Mädchenchor.

Das heißt, spätestens mit Anfang 20 müssen die Mädchen den Chor verlassen?

Fühner: Ich kann mir nicht vorstellen, dass in einem Mädchenchor auch junge Frauen im Alter von 25 Jahren singen, aber sicher gibt es für sie andere Möglichkeiten, weiter an der Dommusik teilzuhaben.

Dann haben Sie jetzt nach fünf Jahren das perfekte Ensemble…

Fühner: Ein Chorleiter wünscht sich immer noch mehr, aber wir haben mittlerweile ein schönes klangliches Spektrum mit einer klingenden Tiefe – auch wenn eine 16-jährige in der tiefen Lage anders klingt als eine 30-jährige Frau. In den ersten Jahren war das anders. Da war nach unten klanglich einfach bald Schluss.

Wie wirkte und wirkt sich das aufs Repertoire aus?

Fühner: Es gibt ein zwar stetig wachsendes, aber dennoch immer noch kein riesiges Mädchenchor-Repertoire. Also mussten wir schon zu Beginn auch auf Stücke für Frauenchor zurückgreifen. Das werden wir zukünftig noch viel mehr tun können, weil der Mädchenchor jetzt immer mehr die klanglichen Voraussetzungen hat. Natürlich bin ich stets auf der Suche nach Stücken, die explizit für das Können von Mädchen geschrieben wurden. Da vergeben wir auch gerne mal Kompositionsaufträge.

Können Sie denn relativ einfach ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine stellen?

Fühner: Ich kaufe entsetzlich viele Noten (lacht). Ich bin immer auf der Suche nach Stücken, die für diese Mädchen passend sind. Davon setze ich im Moment nur einen kleinen Teil ein, aber sie sind sichtbar im Schrank. Welche Stücke geprobt werden, hängt von der Liturgie ab, aber auch vom Geschmack der Mädchen.

Geschmack?

Fühner: Unsere Mädchen sind ja nicht ab von dieser Welt. Im Bus sehen Sie sie auch mit den Knöpfen im Ohr. Und da läuft selten eine klassische Messkomposition. Natürlich können wir hier nur sehr, sehr begrenzt Werke aus dem weltlichen Bereich einsetzen. Aber man merkt ihnen schon an, ob ihnen die Messe gefällt oder nicht. Gleichzeitig erlebe ich die Mädchen als sehr offen. Sie lassen sich auch auf Dinge ein, die ihnen anfangs vielleicht nicht gefallen. Manchmal muss man dran bleiben.

Egal wie alt Frau wird, Bass wird sie nie singen. Was schätzen Sie dennoch an der Klangfarbe von weiblichen Ensembles?

Fühner: Ich habe immer gerne mit dem Frauenklang gearbeitet. Auch in der Gemeinde habe ich – interessanterweise – gern die Frauen zu einer Extra-Probe bestellt, um mit ihnen noch intensiver arbeiten zu können. Mädchen- und Frauenchöre klingen hell, klar. Auch unsere Mädchen haben einen weichen, runden Klang.

Gibt es etwas, dass sie speziell an Ihrem Chor schätzen?

Fühner: Die Mädchen haben eine unverbrauchte Stimme. Die Stimme blüht. Sie merken kein Sich-Neigen oder das Zu-Ende-Gehen einer Möglichkeit. Die Auffassungsgabe der Kinder und Jugendlichen ist zudem immens. Noten Lernen geht fast nebenbei. Meine Arbeit ist eher, nach einem langen Schultag wieder zu motivieren, an die Technik, die Stütze und die Präsenz zu erinnern. Die Direktheit der Kinder während der Probe schätze ich dabei als Chance zur Reflexion unserer gemeinsamen Arbeit.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Fühner: Ich kann und will nach drei Jahren nicht sagen: Ich bin wunschlos glücklich und zufrieden. Im klassischen Mess-Repertoire sehe ich ein großes Betätigungsfeld. Aber mich interessieren nun immer mehr freiere Formen des Singens: mit Clustern spielen, frei mit der Stimme umgehen. Es entstehen Klangformen, die in den Ohren mancher Mädchen zu Anfang eher befremdlich klingen. Aber dass die Mädchen auch dann in ihrer Souveränität singen, macht eine große musikalische Selbstständigkeit und Professionalität aus. Es lässt sie frei werden im Klang mit anderen. Sie können mit ihrer Stimme umgehen, auch wenn sie nicht zu hundert Prozent geführt werden.

Was war ihr persönliches Highlight?

Fühner: (Denkt nach.) Ein Höhepunkt war sicher unser Besuch 2015 in London. In der Temple Church war der Chor das erste weibliche Ensemble seit 500 Jahren, das den Gottesdienst musikalisch mitgestaltet hat. Das war schon sehr besonders. Aber die beglückenden Augenblicke habe ich viel öfter im Sonntagsgottesdienst. Wenn ich ein Mädchen sehe, das doch immer so klein war, und nun da steht und souverän singt – diese eigentlichen Kleinigkeiten treiben mir manchmal die Tränen in die Augen.

Dann wissen Sie, dass Sie alles richtig gemacht haben?

Fühner: Ich sehe es eher als Geschenk. Denn berechnen kann man das nicht zu 100 Prozent. Manchmal stehe ich vor der Gruppe und muss gar nicht viel machen, damit etwas Besonderes klingt.

Und wenn wir die Mädchen nach ihrem Highlight fragen?

Fühner: Gute Frage (schmunzelt). Sicher auch London. Unter unserem nächsten Auslandsziel Kiew können sie sich noch nicht so richtig was vorstellen. Aber London ist eine Metropole, in die wohl alle jungen Menschen gern reisen. Als Belohnung für ihren Auftritt sind wir dank eines Sponsors zum Abschluss alle mit dem London-Eye gefahren. Es geht ja nicht nur um das Musikalische, es geht auch immer um das Miteinander. Ich bin immer beruhigt, wenn ich mit den Großen und Kleinen zusammen wegfahre und nach einem Tag ein kleines Mädchen auf dem Arm eines großen zu finden ist. Dieser Chor ist auch ein breites Feld für soziales Lernen. Sie übernehmen füreinander Verantwortung, es entstehen Freundschaften. Da erlebe ich die Mädchen als sehr engagiert und das ist wesentlich für sie in ihrer Identifikation mit der Gruppe.

Reicht das oder brauchen sie auch Anerkennung von außen?

Fühner: Anerkennung ist schon wichtig. Die positiven Reaktionen des Publikums, ein volles Haus lässt sie wachsen. Es stärkt ihr Selbstbewusstsein. Gut ist auch immer, wenn der Dienst der Mädchen lobend erwähnt wird.

Ein Chor feiert seinen Geburtstag natürlich singend. Was gibt es heute zu hören?

Fühner: Es ist der Moment zurückzuschauen. Wir singen sozusagen ein „Best of“, ein „Von bis“. Einige der großen Mädchen singen zum Beispiel das, was sie vor fünf Jahren auf dem Stuhl stehend mit Söckchen an den Füßen auch schon gesungen haben. Und die geheimen Highlights, die „U-Bahn-Charts“, die wir in London beim Warten auf die Bahn oder in der Stadt gesungen haben. Natürlich auch das, was ich als Chorleiter gern hätte, um die Bandbreite zu zeigen. Wir freuen uns schon sehr!

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