Manfred Birmans ist neuer Präsident des Vereins Öcher Platt

Von: Katharina Menne
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Gestandener Öcher – pardon Botscheder: Dr. Manfred Birmans will als Präsident des Vereins Öcher Platt der Mundartverbreitung neue Impulse vermitteln. Foto: Michael Jaspers

Aachen. An den Wänden seines Arbeitszimmers hängen Aachener Grafiken, sogenannte Aquensien, auf dem Schreibtisch steht der „Neue Aachener Sprachschatz“ und zum Kaffee gibt es Printen. Bei so viel Heimatverbundenheit besteht kein Zweifel, dass die Mitglieder des Öcher Platt Vereins mit Dr. Manfred Birmans am 17. März den Richtigen zu ihrem neuen Präsidenten bestimmt haben.

Der studierte Germanist und vormalige Lehrer des Geschwister-Scholl-Gymnasiums tritt ab sofort die Nachfolge von Ehrenpräsident Richard Wollgarten an. Birmans ist Träger des Thouet-Mundartpreises der Stadt Aachen und des Krüzzbrürordens. Schon seine Doktorarbeit schrieb er über die Geschichte des „Oecher Schängche“.

Im Interview erzählt der 65-Jährige von seiner tiefen Verbundenheit zum Öcher Platt, alten und neuen Vereinsprojekten und von den unverwechselbaren Aachener Eigenheiten.

Sie sind ja gebürtiger Aachener…

Birmans: Oh nein, ich bin Burtscheider. Das ist ein Unterschied, das muss man scharf trennen.

Ach was, woran machen Sie den Unterschied denn fest?

Birmans: Burtscheid ist ja kleiner als Aachen. Und immer, wenn man kleiner ist, versucht man sich zu vergleichen. Aus Selbstschutz hält man sich für etwas Besseres. Und so sagt der Burtscheider: „Botsched bovver Oche“, also Burtscheid über Aachen und leitet das davon ab, dass Burtscheid mal ein feudaler Kurort war. Das ist natürlich lange her – Burtscheid gehört schon seit über 100 Jahren zu Aachen – aber da wird noch bis heute mit gespielt.

Jetzt steht also nach Richard Wollgarten schon wieder ein Burtscheider dem Öcher Platt Verein vor. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu, oder?

Birmans: Ich habe ja immer schon gesagt: Die Burtscheider sind die besseren Menschen. Auch unser Oberbürgermeister Marcel Philipp ist Burtscheider. Aber jetzt mal Spaß beiseite. Ich bin sehr stolz darauf, zum Vereinspräsidenten gewählt worden zu sein. Ich wollt’s eigentlich nicht haben – aber, wo ich’s habe, bin ich stolz drauf.

Mit welcher Motivation treten Sie Ihre Amtszeit an?

Birmans: Der Verein besteht ja jetzt seit 1907. Und in all den Jahren, die der Verein bereits existiert, hat es sechs Präsidenten gegeben. Das heißt, wir kommen auf eine durchschnittliche Amtszeit von 18 Jahren. Nur deshalb habe ich das gemacht, dann kann ich jetzt noch mindestens 18 Jahre leben (lacht). Nein, es ist ja alles sehr tradiert.

Dem Verein geht es um die Pflege der Mundart und der Geschichte. Meiner Meinung nach stehen wir schon vor einem Problem: Einerseits wollen immer mehr Menschen Öcher Platt lernen und auch sprechen, aber andererseits gehen Sprachen immer schneller verloren. Sie verwässern, werden umgedeutet oder sterben ganz aus. Und das gilt es zu behindern.

Sie sind zwar erst ganz frisch im Amt, aber es hieß, das solle jetzt auch ein bisschen Verjüngungskur für den Verein sein. Gibt es schon Ideen oder sogar Pläne, was man mit Blick in die Zukunft ändern könnte oder sollte?

Birmans: Meine Aufgabe sehe ich darin, neben dem Vergnügen der Plattpräsentationen noch mehr Sprachvermittlung zu leisten. Wir müssen Inseln schaffen, wo man nicht nur Öcher Platt spricht, sondern es auch ohne jede Sprechangst lernen kann. Denn es ist eine „kröttelige“ und – besonders für Neulinge – schwierige Sprache. Das liegt vor allem an den Diphtongen. Und wir haben zwar wunderbare Abende in unserem Stauffer-Keller im Haus Löwenstein mit zum Beispiel Gert und Christel Leuchtenberg, an denen Platt-Gedichte vorgetragen werden – da ist es übrigens immer „stiggelewick“ voll – für die jüngeren Leute brauchen wir aber andere Formate.

Deshalb müssen wir das Angebot noch erweitern. Ich stelle mir zum Beispiel auf Vereinsebene eine engere Zusammenarbeit mit dem Centre Charlemagne vor. Und wir brauchen auch die anderen Vereine, die sich ebenfalls um die Aachener Geschichte, Sprache oder um Traditionen kümmern – vom Streuengelchen über das Schängche und viele andere mehr.

Wie stellen Sie sich das konkret vor?

Birmans: Mir geht es vor allem darum, dass man der Mundart mehr Raum im Aachener Stadtbild gibt. „Och härrm“ und „Au huur“ sind mir da zu wenig. In jedem Eifeldorf gibt es zweisprachige Straßenschilder. Warum hat Aachen das nicht? Wenn man die Mundart völlig außer Acht lässt, geht sie verloren. Es darf natürlich nicht aufgesetzt und erzwungen wirken, aber ein lebendiger Umgang mit unserem Platt wäre einfach schön. Der Audioguide auf „Öcher Deutsch“ für die Ausstellung zum Karlsjubiläum oder die Plattführungen im Centre Charlemagne sind da schon mal ein Anfang.

Denn was ist unverwechselbar in Aachen? Das ist das Rathaus, der Dom, die schönen, alten, verwinkelten Straßen in der Altstadt und natürlich die Sprache – das muss man schützen. Alles andere wird mehr und mehr uniform gemacht. Selbst unsere Printen sind doch schon weich. Da konnte man sich früher noch mit verteidigen oder Dächer decken. Es könnten zum Beispiel auf Stadtplänen oder Einkaufstüten Dialektwörter eingebaut werden. Der Dialekt muss für jeden zugänglich sein – nicht nur für „d’r Öcher Krau“.

Und doch gehört auch die Printe zu Aachen – zumindest in den Augen vieler Touristen. Kümmert sich der Verein denn auch um so etwas die Geschichte der Aachener Printe?

Birmans: Ja, natürlich. Wir sind ja ein Heimatverein. Offiziell heißen wir: Verein für Aachener Mundart und Volkskunde. Und Printen sind schließlich sagenumwoben – angeblich ist es ein Geheimrezept von Karl dem Großen. Alles hier bei uns in Aachen ist ja karolingisch. Printen gibt es schon lange, also sind sie karolingisch. Und schließlich soll auch Karl der Große schon Platt gesprochen haben…

Was könnte sonst noch Neues in Ihre Amtszeit fallen?

Birmans: Wir können und wollen uns den digitalen Möglichkeiten nicht verschließen. Darüber wird heute kommuniziert, deshalb werden wir da auf Öcher Platt mit kommunizieren. Ejal wat för en Cloud, os Platt es at doe! Auch stelle ich mir zum Beispiel so etwas wie ein Online-Wörterbuch für die Region zum Nachschlagen und zum Vergleichen vor. Da kann unsere Internet-Präsenz eingebunden werden. Ich fände es auch toll, wenn die Namen der Bushaltestellen in den Bussen im Aachener Stadtgebiet zum Beispiel auf Platt durchgesagt würden. So etwas wie: „Ose niekste Stop es Elisenbrunnen“. Da ist vieles möglich.

Wie wollen Sie in Zukunft die jüngeren Generationen, vor allem die Schüler, gewinnen? Jeder Verein braucht schließlich Nachwuchs, um zu überleben…

Birmans: Ich will nicht pessimistisch klingen, aber es ist ja eine Illusion zu glauben, wir bräuchten nur in die Schulen zu gehen und bringen den Kindern dann mal eben Platt bei. Wir können viel anbieten und da gibt es ja auch schon einiges, wie den Schulwettbewerb oder unser „Öcher Liederbuch“, aber es nützt nichts, denen in einer Stunde ein paar Platt-Gedichte vorzutragen. So lernt keiner was. Das Interesse, das da ist, muss altersadäquat aufgebaut werden.

Das ist viel Arbeit, aber das wollen wir angehen. Es geht darum, die Freude an der Mundart zu wecken, man muss denen das „ins Ohr tun“. Ich gehe eher nicht so gerne in die Schulen, um die Schüler dann für eine Stunde zu unterhalten, aber ich kann mir vorstellen, die Schüler zu uns in den Stauffer-Keller einzuladen. Zum Beispiel zu einer „Öcher-Platt-Werkstatt“. Da lernen die dann etwas über die Aachener Geschichte und unseren Dialekt und dann wird auf Platt gesungen und wir „frickeln“ uns eine Lernecke mit Plakaten und vielem mehr. Ja, das stelle ich mir schön vor.

Wie sehen Sie denn die Situation des Platt im Allgemeinen? Sprache unterliegt doch auch einem ständigen Wandel.

Birmans: Es ist richtig, auch der Dialekt wandelt sich. Nur tote Sprachen ändern sich nicht mehr. Schon jetzt spricht doch bei den unter 40-Jährigen kaum noch jemand das Platt meiner Generation. Das Interesse, diese Sprache zu lernen und zu sprechen, besteht aber nach wie vor – nicht nur bei denen, die das Platt mit der Muttermilch aufgesogen haben, sondern auch bei den Regiolekt-Sprechern und den „Immis“.

Darauf müssen wir aufbauen. Es kann jedoch nicht darum gehen, was wir beibringen wollen, sondern es muss darum gehen, was die anderen lernen möchten und können. Auch gemäß unserem Motto: Freud hat, weä Freud maht! Und da spreche ich für alle im Verein: Ich liebe diese Sprache, ich liebe diese Stadt, und das möchte ich weitergeben, immer.

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