Aachen - „Man darf keine Berührungsängste haben“

„Man darf keine Berührungsängste haben“

Von: Hans-Peter Leisten
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Bei ihr sind alle – nicht nur ihr Bruder Frank Zillkens – in besten Händen: Petra Aretz ist als Behinderten-Fanbeauftragte bei Alemannia Aachen im Einsatz. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das ein oder andere Tor hat Petra Aretz in den vergangenen Jahren verpasst. Zwangsläufig, obwohl sie ausgesprochener Alemannia-Fan ist und während jeder Minute bei Heimspielen und bei fast allen Auswärtsspielen in den Stadien ist.

Aber Petra Aretz kümmert sich in erster Linie um die Fans, die im Rollstuhl sitzen oder ein anderes Handicap haben. Offiziell ist sie Behinderten-Fanbeauftragte der Alemannia und erzählt in dieser Funktion im Interview, wie viel Arbeit die Aufgabe bereitet, aber auch, dass die damit verbundene Freude viel größer ist.

Interessieren Sie sich eigentlich für Fußball?

Aretz: Na klar! Wieso fragen Sie?

Weil man den Eindruck gewinnen könnte, dass Sie vor lauter Arbeit gar nicht zum Zuschauen kommen.

Aretz: Da ist schon was dran, aber ich mag Fußball grundsätzlich. Das Spiel an der frischen Luft, auch im Regen. Fußball ist ein Mannschaftssport, der Teamgeist zählt – für mich wie im richtigen Leben.

Wie sind Sie zum Fußball und darüber zu Ihrer Aufgabe gekommen?

Aretz: Im Grunde habe ich durch meinen Bruder Blut geleckt. Seit dem Aufstieg in die 2. Liga 1999 bin ich als Begleitperson meines Bruders zu jedem Spiel gekommen. Mein Bruder sitzt von Geburt an im Rollstuhl. So bin ich auch mit den anderen Rollstuhlfahrern in Kontakt gekommen und zu vielen Spielen gefahren. In vielen Auswärtsstadien habe ich gesehen, was alles für Rollstuhlfahrer getan wird: Getränke, Regencapes, Decken wurden gereicht und vieles mehr. Darum wollte ich mich auf dem Tivoli auch kümmern.

Auf privater Ebene?

Aretz: Zunächst ja. In der Saison 2006/07 hat mich dann der Fan-Beauftragte der Alemannia, Robert Jacobs, gefragt, ob ich Behinderten-Fanbeauftragte werden wollte. Und das wollte ich – allerdings dann auch richtig. Nach einem Gespräch mit dem damaligen Geschäftsführer war alles klar. Die Sparkasse hat 100 Alemannia- Fleecedecken gesponsert, die Firma Koczyba die Getränkehalter.

Haben Sie eine Ausbildung im Behindertenbereich?

Aretz: Überhaupt nicht. Die braucht man auch für meine Aufgabe nicht. Ich bin gelernte Dachdeckerin und habe 25 Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Vielleicht bin ich daher resistent gegen Regen und Kälte. Inzwischen arbeite ich bei der Stadt Würselen. Ich möchte aber die Arbeit mit den behinderten Fans, die im Übrigen komplett ehrenamtlich ist, nicht mehr missen. Man darf allerdings keine Berührungsängste haben.

Wie sieht Ihr Tag bei einem Alemannia-Heimspiel aus?

Aretz: Ich bin zwei bis zweieinhalb Stunden vor dem Spiel – je nach Anzahl der erwarteten Gäste-Fans – im Stadion. Dann werden zwei Servierwagen mit Kaffee, Tee, Kaltgetränken und Decken bestückt. Unterstützung habe ich durch Birgit Heller und Stefan Recktenwald vom Team-Tivoli sowie meinem Lebensgefährten Uwe Köhnen. In der Halbzeit werden nötigenfalls die Behindertentoiletten aufgeschlossen, da nicht alle einen eigenen Schlüssel haben.

Sie sind aber nur für die Aachener zuständig?

Aretz: Ich gehe auch regelmäßig zu den Gästefans mit Behinderung und frage, ob sie etwas brauchen. Alemannia setzt da in der 4. Liga Maßstäbe. Nach dem Anpfiff zur zweiten Halbzeit geht es dann wieder ans Verteilen der Getränke. Bei Auswärtsspielen bekomme ich ehrlich gesagt mehr vom Spiel mit. Aber das ist in Ordnung so.

Sind Sie auch bei Auswärtsfahrten gefragt?

Aretz: Wir organisieren die Auswärtsfahrten für unsere Rolli-Fahrer. Hier fällt jede Menge Bürokratie an. Behindertenausweise müssen zum Beispiel kopiert und dem Gastverein vorgelegt werden. Und man darf nicht vergessen, dass wir 4. Liga spielen. Viele Klubs haben keine Behindertenplätze, erst recht nicht in der Art und Weise wie am Tivoli. Auswärts stehen wir oft auch mal auf der Tartanbahn. Viele behinderte Fans wollen auch wissen, was eine Karte auswärts kostet, was man in der Regionalliga oft wiederum erst im Stadion erfährt. Ohne die Hilfe der Fanbetreuer – Frank Beissel, Lou Suiker, Stephan Braun, Lutz van Hasselt und Robert Jacobs – wäre dies alles kaum durchführbar. Der Teufel steckt im Detail.

Wie viele Plätze gibt es im Aachener Stadion?

Aretz: Von 84 Plätzen für Menschen mit Handicap sind 53 Dauerkarten vergeben. Ich schätze mal, dass ich 40 von ihnen auch persönlich mit Namen kenne. Interessant war übrigens, wer bei den großen Pokalspielen alles eine Behindertenkarte wollte. Da hätten wir 200 Karten loswerden können. Im Tivoli kommen zehn Plätze für Blinde und Sehbehinderte hinzu, von denen aber nur einer vergeben ist. Interessenten können sich gerne melden. Das gilt auch für Fans, die gerne als Blindenreporter für Sehbehinderte das Spiel kommentieren möchten. Also: Bitte melden!

Sind die behinderten Fans irgendwie dankbarer oder treuer?

Aretz: Das ist schwer zu sagen, denn auch viele andere sind enorm treu. Eigentlich wollen alle ganz normal behandelt werden. 95 Prozent unserer behinderten Fans sind körperbehindert, sie können sich ganz normal artikulieren. Man sollte keine Unterschiede machen.

Müssen Sie denn oft trösten?

Aretz: Mit Niederlagen kommen unsere Besucher schon selbst klar, zumal die meisten Rolli-Fahrer eine Begleitperson bei sich haben. Was ich aber sagen kann: Die Fans in unserem Bereich sind total dankbar. Da kommt so viel zurück, und das tut schon gut! Ich hatte jüngst Geburtstag und war in Urlaub. Mein Handy ist fast explodiert vor Glückwunschmitteilungen.

Gibt es einen Austausch mit den Behinderten-Fanbeauftragten anderer Vereine?

Aretz: Ja. Es gibt eine Bundesbehinderten AG, die sich einmal jährlich zur Tagung trifft. Außerdem gibt es die Regionalgruppe Rheinland, die sich jüngst in Aachen zu einer Tagung getroffen hat. Klubs der 1. bis 4. Liga haben sich bei uns am Tivoli ausgetauscht. Unter den rund 20 Vertretern waren auch viele Gehörlose, für die eigens ein Gebärdendolmetscher engagiert war. Hier habe ich viele Sachen erfahren, die ich in Aachen umsetzen kann. Das war ein enorm wichtiger Austausch. Es war auch ganz spannend, so etwas mal zu organisieren.

Im vergangenen Jahr drohte das Umzugsszenario Jülich. . .

Aretz: Das wäre ganz furchtbar geworden. Dann hätten unsere Rollstuhlfahrer komplett ohne Schutz dagestanden. Wie gesagt, auswärts steht man oft im Regen. Aber das wäre dann auch bei unseren Heimspielen grundsätzlich der Fall gewesen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, dann. . .

Aretz: . . . wären Parkausweise für unsere Rollstuhlfahrer im Tivoli-Parkhaus frei. Sie müssen jetzt für jedes Spiel fünf Euro bezahlen. Und nicht alle sind wirtschaftlich gut gestellt.

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