Männerberuf? Frauenberuf? Klischees von gestern

Von: Svenja Pesch und Julia Esser
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Keine Angst vor schwerem Gerät: Übungen an der Metallschneidemaschine in der Akademie für Handwerksdesign der Handwerkskammer Aachen. Aus dem Blech werden später Dosen hergestellt. Foto: Andreas Steindl
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So funktioniert der Motor einer Kehrmaschine: Svenja Scholly (14) bekommt von Werkstattleiter Edmund Arandt erklärt, wo Vergaser und Kolben sitzen. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Für Marlon ist der Vormittag, den er auf der Akademie für Handwerksdesign Gut Rosenberg erlebt, anderes als sein sonstiger Schulalltag. Denn statt Mathe, Englisch oder Deutsch zu lernen, entwirft er seinen eigenen Hut. Im Rahmen des 16. „Girls‘ and Boys‘ Day“ nutzt er die Gelegenheit, sich in einem eher „männeruntypischen“ Beruf zu versuchen.

Und beim Aachener Stadtbetrieb konnten umgekehrt Mädchen Bekanntschaft mit PS-starken Motoren machen. Der Tag bot am Donnerstag wieder viel Neues und Überraschendes.

50 Schülerinnen und Schüler der siebten bis neunten Klasse erleben einen Tag lang die vielen Möglichkeiten, die ihnen ein handwerklicher Beruf ermöglicht. In vier Bildungszentren der Handwerkskammer Aachen – Bildungszentrum für Friseure und Kosmetiker, BGE Aachen und BGZ Simmerath und erstmalig Akademie Gut Rosenberg – lernen die Mädchen und Jungen die abwechslungsreichen Handwerksberufe kennen. „Der Tag zur Berufsorientierung ist sehr wichtig, denn das Handwerk braucht eine starke Mannschaft und sucht Fachkräfte“, erzählt Doris Kinkel von der Handwerkskammer Aachen.

Gefördert wird der „Girls‘ and Boys‘Day“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Erfahrungen, die manch ein Schüler an dem Tag macht, dienen teilweise schon als eine erste grobe Richtung für den späteren Ausbildungs- oder Studienwunsch.

Marlon findet die Dinge, die ihm Dozent Elmar Heimbach erzählt, sehr interessant. Ob er sich nach der Schule allerdings in einem handwerklich geprägten Beruf sieht, weiß er jetzt noch nicht. Und während die Jungs das perfekte Motiv für den Kopf finden, stehen die Mädels an große Maschinen. Mit Schutzbrille auf der Nase bedienen sie unter der Leitung von Edward Zworka die große Metallschneidemaschine der Akademie.

Den ganzen Vormittag haben sie ihr persönliches Kästchen entworfen, das sie nun in Metall umsetzen wollen. „Das Ganze ist schon interessant und macht Spaß, aber ich weiß jetzt noch nicht ganz genau, was ich später konkret machen möchte“, erzählt die 14-jährige Hanna. „Unser Anliegen ist es vor allem, dass die Jugendlichen sehen, welche Perspektiven mit einem handwerklichen Beruf oder Studium verknüpft sind und was sich konkret hinter den einzelnen Beruf verbirgt“, erzählt Andrea Hilger von der Agentur für Arbeit.

Und Dr. Petronella Prottung, Leiterin von Gut Rosenberg, ergänzt: „Gerade bei einem kreativen und handwerklichen Studium ist es uns besonders wichtig, dass wir die Studenten nicht nur ihr Handwerk lehren, sondern auch zeigen, wie man ein Unternehmen führt. Denn das sind ebenso relevante Punkte für das spätere Arbeitsleben.“

Aber egal, ob nun einer der Teilnehmer des „Girls‘ and Boys‘Day“ sich für eine Ausbildung in dem Bereich entscheidet oder nicht: Was vor allem deutlich wird, ist die Tatsache, dass die Klischees von den typischen Männer- und Frauenberufen wirklich von gestern sind.

So stellen sich die Fragen, wieso Mädchen keine Autos reparieren oder Bürgersteige pflastern sollten? Darum hat der Aachener Stadtbetrieb ebenfalls an der Aktion teilgenommen und neun Mädchen die Chance gegeben, sich für einen dieser Bereiche zu entscheiden: Ob im Garten- und Landschaftsbau, in der Kfz-Werkstatt oder der Stadtgärtnerei, jedes Gebiet hat ihnen spannende Einblicke geboten.

Besonders ist, dass nicht nur Schülerinnen aus der Stadt Aachen vertreten sind, sondern zum Beispiel auch aus Alsdorf oder Hückelhoven.

Nach einer kurzen Einführungspräsentation zu den Fragen „was ist der Stadtbetrieb und was sind seine Aufgaben?“ haben die Mädchen sich in die Gruppen aufgeteilt, für die sie sich im Vorfeld entschieden hatten, und wurden zu den Orten des Geschehens gebracht. „Dieses Mal wirken die Teilnehmerinnen sehr interessiert, das haben wir auch schon anders erlebt“, freut sich Sabine Berck, Ausbildungszuständige des Aachener Stadtbetriebes.

Svenja (14), eine der neun Teilnehmerinnen, konnte am Donnerstag in die Kfz-Werkstatt hineinschnuppern. Neben dem Materiallager, der Schlosserei oder der Kleingerätewerkstatt durfte sie auch einen Blick in den Motor einer Kehrmaschine werfen. Auf die Idee, den Girls-Day hier zu verbringen, ist sie gekommen, weil ihr Vater im Stadtbetrieb arbeitet. „Ich interessiere mich dafür, was der eigentlich so macht“, erklärt sie.

Da sie im Kfz-Bereich allerdings die einzige interessierte Teilnehmerin ist, hat sie Glück und kann sogar noch einen Einblick in die Gärtnerei gewinnen. Hier wird ihr und den anderen Mädchen gezeigt, wie die Pflanzen gepflanzt, umgetopft und gepflegt werden, die man zum Beispiel beim CHIO findet.

Auch von der Steuerung der Bewässerungsanlagen bis hin zum dekorativen Bereich konnten die Mädchen einen guten Einblick von der Stadtgärtnerei erlangen. Ausgewählt haben sie sich diesen Bereich, „weil man sich etwas darunter vorstellen kann und es interessant zu sehen ist, wo die ganzen Pflanzen herkommen“, erklärt die 15-jährige Emma.

Eine andere Teilnehmerin hat sich hierfür entschieden, weil ihre Freundin sich den Bereich ausgesucht hat. Aber ihr gefällt es trotzdem. Ob die Mädchen wirklich hier arbeiten wollen, wissen sie nicht. Doch sie freuen sich über die Chancen, in Bereiche reinschnuppern zu können, die ihnen sonst vielleicht verwehrt blieben.

So kann der „Girls‘ and Boys‘Day“ nicht nur bei der Berufsorientierung helfen, sondern auch dabei, Rollenklischees zu überdenken.

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