Macht uns der Wohlstand hartherzig, Herr Spiegel?

Von: Amien Idries und Peter Pappert
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„Wenn Wohlstand gleichgültig macht, sollte er hinterfragt werden“: Misereor-Chef Pirmin Spiegel. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das Dilemma sieht Pirmin Spiegel ganz klar und weiß, dass auch er ihm nicht entkommt. Wäre es richtig, den Gegnern der Terroristen vom „Islamischen Staat“ (IS) im Nordirak Waffen zu liefern? Dem Hauptgeschäftsführer des katholischen Hilfswerks Misereor fällt die Antwort sichtlich schwer.

Schließlich gibt es eine „Schutzverantwortung“ gegenüber bedrohten Menschen. Andererseits kann und will sich Spiegel nicht damit abfinden, dass Waffen die letzte verbliebene Möglichkeit sein sollen, zu helfen. Beim Besuch in unserer Zentralredaktion sprachen unsere Redakteure Amien Idries und Peter Pappert mit ihm.

Die Deutsche Bischofskonferenz hat am Montag erklärt, dass Waffenlieferungen an die IS-Gegner im Irak nicht prinzipiell ausgeschlossen werden können. Gibt die katholische Kirche damit dem Vorhaben der Bundesregierung ihren Segen?

Spiegel: Es gibt in der katholischen Kirche darüber keinen vollständigen Konsens. Pax Christi etwa ist anderer Meinung. Die Bischöfe schränken ein, dass vorher alle anderen Möglichkeiten zur Konfliktlösung ausgeschöpft werden müssten. Das ist nach der Ansicht unserer Experten bei Misereor noch nicht geschehen. Außerdem gibt es viele Fragen zu klären.

Welche?

Spiegel: Will man wirklich Waffen an die Kurden liefern, die keine staatliche Institution repräsentieren? Warum bemüht man sich nicht um ein UN-Mandat für ein militärisches Vorgehen? Kann Druck auf mutmaßliche Geldgeber wie Saudi-Arabien und Katar den Konflikt beeinflussen? Was geschieht später mit den Waffen? Klar ist, dass Waffen die jeweiligen Konflikte überdauern.

Können Sie als Misereor-Geschäftsführer die Erklärung der Bischofskonferenz unterschreiben?

Spiegel: Die Haltung von Misereor setzt einen anderen Schwerpunkt. Wir appellieren an die Bundesregierung und die Staatengemeinschaft, noch mehr Mittel in die humanitäre Hilfe zu stecken. Außerdem sollte jede militärische Aktion von den UN mandatiert sein. Ein solches Mandat brächte eine deutlich größere Legitimation als Waffenlieferungen, die von der Bundesregierung ohne Parlamentsbeschluss durchgesetzt werden könnten.

Die „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“, die von Misereor mitgetragen wird, hat sich vor kurzem grundsätzlich gegen Waffenlieferungen in den Nordirak ausgesprochen. Ist das ein Widerspruch zu ihren jetzigen Äußerungen?

Spiegel: Wir sind in einer ambivalenten Situation. Einerseits gibt es die Regel, dass keine Waffen in Krisengebiete exportiert werden sollen, andererseits sehen wir die Barbarei im Nordirak, die uns zum Handeln bewegen muss. Deshalb fordert Misereor die Ausschöpfung aller gewaltfreien Mittel sowie ein UN-Mandat, bevor es zu einem militärischen Beitrag kommt. Zu unseren primären Aufgaben als Hilfswerk gehört es nicht, über Waf-fenlieferungen zu urteilen, sondern mit unseren Partnerorganisationen humanitär zu helfen und dafür zu sorgen, dass eine solche Katastrophe weit im Vorfeld verhindert wird. Die derzeitige Diskussion offenbart auch eine gewisse Ohnmacht; sie zeigt, dass die Weltgemeinschaft nicht in der Lage ist, auf die Situation angemessen zu reagieren.

Wird humanitär genug getan?

Spiegel: Über die Waffendiskussion gerät die Frage, wie wir Flüchtlingen helfen können, in den Hintergrund. Hier muss Deutschland mehr tun. Wir fordern, dass Deutschland 100.000 Flüchtlinge aus den Krisenregionen aufnimmt. Außerdem benötigt Misereor dringend Spenden, um die humanitäre Lage für die Menschen in den Krisengebieten zu verbessern.

Innenminister de Maizière rechnet in diesem Jahr mit 200.000 Asylbewerbern. Mit den von ihnen geforderten Flüchtlingen würden wir uns im Bereich von 300.000 bewegen. Besteht die Gefahr, dass es zu einer ähnlich erschreckenden „Das Boot ist voll“-Diskussion kommt wie zu Beginn der 90er Jahre?

Spiegel: Ich glaube, dass die heutige Lage mit der vor 20 Jahren nicht vergleichbar ist. Das Flüchtlingsproblem wird weltweit zunehmen. Wenn Sie sich die Zahlen im Libanon, in Jordanien oder in der Türkei anschauen, dann müssen Sie feststellen, dass die von uns geforderten 100.000 bei weitem nicht zu hoch gegriffen sind. Abgesehen davon halte ich einen Flüchtling – den Fremden – nicht per se für eine Belastung, sondern prinzipiell für eine Bereicherung.

Dennoch würde Ihrer Forderung die Mehrheit hierzulande nicht zustimmen, obwohl die Menschen das Leid sehen. Macht der Wohlstand in Deutschland hartherzig?

Spiegel: Papst Franziskus hat von der Globalisierung der Gleichgültigkeit gesprochen. Wenn Wohlstand gleichgültig macht, das Herz enger werden lässt, die Perspektive für die Not des anderen untergräbt, sollte dieser Wohlstand hinterfragt werden. Laut einer Umfrage sagen 70 Prozent der Bevölkerung, dass es mehr Solidarität geben und ein Umdenken einsetzen müsste. Die Frage, ob sie bereit sind, ihren Lebensstil dafür zu ändern, beantworten nur noch acht Prozent positiv.

Mit Blick auf Flüchtlinge ist häufig von der „Festung Europa“ die Rede. Viele Europäer sind mit dieser Festung ganz glücklich, weil sie ihren Lebensstil sichert.

Spiegel: Das mag sein. Ich glaube aber, dass den Europäern immer bewusster wird, dass diese Festung nur aufgrund des Leidens der Menschen außerhalb Bestand hat.

Dieses Leid ist uns Europäern bewusst, aber wir handeln nicht danach. Zum Selbstverständnis von Misereor gehört neben der Arbeit in Entwicklungsländern auch das Ziel, einen Mentalitätswandel in der westlichen Welt anzustoßen. Das gelingt nicht.

Spiegel: Die Frage ist doch: Wodurch ändern sich Menschen? Die Geschichte zeigt uns, dass dies vor allem durch Schmerz geschieht, der am eigenen Leib erfahren wird. Das hat man am Grauen des Zweiten Weltkrieges gesehen, der in Europa eine Friedensunion hat entstehen lassen. Ich habe die Hoffnung, dass auch der Schmerz des anderen zum Umdenken und Andershandeln führen kann – über einen längeren Zeitraum, mit Hilfe von Reflexion, Bildung und authentischen Vorbildern. Das führt zu Mitgefühl und Solidarität. Nennen Sie mich naiv, aber ich bin da optimistisch.

Sie haben Papst Franziskus erwähnt. In „Evangelii Gaudium“, seinem ersten Apostolischen Schreiben, spricht er von der „armen Kirche für die Armen“. Was ist das?

Spiegel: Es bedeutet, dass die Kirche sich auf ein einfaches Leben besinnt und die Armen zu ihrer Priorität macht. Damit ist auch eine wohlstandskritische Haltung verbunden und die Erkenntnis, dass ein einfaches Leben durchaus reich sein kann. Ich glaube jedoch, dass die deutsche Kirche nicht plötzlich arm werden kann. Sie muss aber bei allem, was sie entscheidet, die Perspektive der Armen berücksichtigen.

Also wäre eine Kirche für die Armen machbar. Aber eine „arme Kirche für die Armen“ ist zumindest in Deutschland zu viel verlangt.

Spiegel: (schmunzelt und nickt) Ich kann mich auch als Reicher für die Belange von Armen einsetzen. Wer allerdings – so wie etwa der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez – selbst in den Slum zieht und sich zum Armen macht, der sieht, erlebt und reflektiert die Welt anders und betreibt auch anders Theologie. So wie ich das Christentum verstehe, ist das ziemlich nah an Jesus von Nazareth, der die Perspektive der Armen und Ausgestoßenen eingenommen und mit ihnen gelebt hat.

Hat die deutsche Kirche „Evangelii Gaudium“ verstanden?

Spiegel: Es scheint so, als sei das, was der Papst gemeint hat, in Deutschland noch nicht in Leib und Seele übergegangen. Das kann aber nach so kurzer Zeit auch noch nicht der Fall sein.

Sie arbeiten viel mit dem Entwicklungsministerium zusammen; dort gab es einen Führungswechsel. Nach dem wirtschaftsnahen Dirk Niebel (FDP) leitet der CSU-Mann Gerd Müller das Haus. Hat sich die Zusammenarbeit verbessert?

Spiegel: Ja. Wir werden verstanden, legen aber auch Wert darauf, dass wir kein verlängerter Arm der Bundesregierung sind.

Schmerzt es Sie, dass Sie mehr Geld vom Ministerium erhalten, auch weil die Spenden rückläufig sind?

Spiegel: Wir stellen uns natürlich die Frage, was ein steigender Anteil öffentlicher Gelder für unser Selbstverständnis bedeutet. Der Spendenrückgang ist Teil einer Entwicklung, von der die gesamte katholische Kirche betroffen ist. Die Mitgliederzahlen und die katholischen Milieus schrumpfen, was Auswirkungen auf die Spendengelder hat. Wir bemühen uns, Misereor von solchen Entwicklungen unabhängiger zu machen.

Könnte das Gesicht Misereors weniger kirchlich werden, weil man potenzielle Spender außerhalb der üblichen Kreise ansprechen will?

Spiegel: Es kommt darauf an, was Sie unter Kirche verstehen. Wir wollen über die Gemeinden hinaus wahrgenommen werden. Dabei geht es uns aber immer um die Sache der Armen, was ich als urkirchlich verstehe.

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