Lokaler Aktionsplan: Alemannia-Fans tanzen Nazis auf der Nase herum

Von: Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
6898976.jpg
Action statt Radikalimus: Auch die Spielerinnen der Frauen-Abteilung zeigen im Inneren des Tivoli reichlich Taktgefühl. Zwei Foto: Mato Schaefer
6898982.jpg
Es geht auch um Teamgeist und darum, ein gemeinsames Zeichen zu setzen: Die Alemannia-Jugendlichen haben mit Choreografen und Nazim Sangaré (hinten Mitte) eine tolle Performance eingeübt.

Aachen. Die Kommandos schallen schneidig und unmissverständlich durch die sogenannte Mixed-Zone im Aachener Tivoli. Normalerweise unterhalten sich hier an Spieltagen Kicker und Journalisten nach dem Anpfiff in eher gedämpftem Ton. Aber jetzt: „Eins, zwei, drei und vier!“

Und noch mal: „Eins, zwei, drei und vier!“ Die Trikotfarbe stimmt, aber die Sportart ist eine andere. Die Burschen gehören zur Alemannia-Jugend, sind aber akustisch und optisch auf einen Vortänzer fixiert. Der heißt Manuel Bashir, ist Tanz-Profi und arbeitet mit im Projekt gegen Rechtsradikalismus unter dem Titel „Sport macht stark für Toleranz und Vielfalt“. „Wir haben uns zur Ansiedlung des Projektes bei der Alemannia entschieden, weil wir ein Signal setzen wollen: Wir machen etwas!“, macht Reiner Plaßhenrich klar. Der ist Co-Trainer der ersten Mannschaft bei Alemannia Aachen, vor allem dort aber auch Jugendkoordinator. Und er will wie alle Beteiligten, dass die Botschaft aus dem Verein heraus nach außen dringt: dem Radikalismus keine Chance.

Drei Säulen des Projektes

Die Alemannia ist aber nur eine Säule, auf der das Projekt ruhen soll. Die anderen beiden Partner sind die Volkshochschule Aachen und die Initiative „Jugend im Kampf gegen Gewalt“. Da Plaßhenrich deren Schirmherr ist, liegt die Kooperation auf der Hand. Entscheidend ist aber, dass die drei Beteiligten auf einer Wellenlänge arbeiten. Und dazu gehört die feste Überzeugung, dass es kein besseres Mittel gegen radikales Denken gibt als Prävention. Junge Menschen sollen abgeholt werden, bevor sie überhaupt für vergiftetes Gedankengut empfänglich sind. Da passt es perfekt, dass das Engagement vom LAP unterstützt wird. LAP steht für „Lokaler Aktionsplan Aachen“, der einen Maßnahmenkatalog gegen Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus geschnürt hat. Seit 2011 gibt es diesen Aktionsplan, der mit lokaler Relevanz ein ausgearbeitetes Handlungskonzept zur Förderung von Demokratie und Toleranz entwickelt. Strategien gegen rechtsextreme, fremdenfeindliche und antisemitische Tendenzen werden durch konkrete Projekte mit lokalen Partnern angegangen. Aachener Vereine und Institutionen werden in diesem Rahmen bei der Ausführung unterstützt.

Vier verschiedene Facetten hat das Tivoli-Projekt: Besagtes Tanzprojekt, eine Sparte Lyrics und Songs, Graffiti und Foto/Video. Die meisten Teilnehmer stammen aus der Alemannia-Jugend beziehungsweise aus der Frauenabteilung. Mit dem Ball können sie schon länger umgehen, Tanz ist vor allem für die Jungs weitgehend Neuland. Doch die Fortschritte sind offensichtlich. Was aber viel wichtiger ist: Hier passiert etwas aus dem Team heraus und im Team. Viele unterschiedliche Nationen sind vertreten – und doch sind bei der Projektarbeit alle gleich. Genau diese Botschaft soll später transportiert werden. Vor allem bei Heimspielen, wenn über die Videowände im Stadion der entsprechende Clip in den Aachener Himmel geschickt wird. Dies geschieht, sobald die technischen Arbeiten abgeschlossen sind. Zwei Minuten wird er dauern und zeigen, dass die jungen Menschen ganz bewusst eine Vorbildfunktion einnehmen wollen: Wir sind Alemannia, wir wollen Gefährdete zum Andersdenken bringen. Mit von der Partie ist auch Nazim Sangaré aus der ersten Mannschaft. Aber auch er sieht sich als ein Teil des Ganzen, rückt bewusst in die Kumpelrolle.

Erscheint auf Videowand

Im Clip, für den technisch Mato Schäfer verantwortlich ist und der auch auf der Alemannia-Website erscheinen wird, wird auch das Zusammenspiel zwischen den Projekt-Beteiligten klar. In den Rap fließen die erarbeiteten Texte und die Musik ein, optisch untermalt durch die Tanzeinlagen, die neben Manuel Bashir auch Ewa Nicoleta Paraschiv choreographiert hat. Auch Damian Rojkowski und Siamak Pishnamaz haben die Nachwuchsfußballer motiviert, sich an die anspruchsvolle Aufgabe der Lyrics zu wagen.

„Erst Sensibilität schaffen, die Sinnfrage stellen und Worte finden – keine leichte Aufgabe“, gestehen die Wortprofis den Kickern zu. Die Texte sollen zum Überlegen bringen, am besten im dialektischen Ansatz zwischen Rassismus und Toleranz. Dass hier Öcher Platt einfließen soll, schafft zwar ein größeres Identifikationsgefühl, macht die Aufgabe aber nicht leichter. Und vor die Kamera zur ungewohnten Nahaufnahme müssen die jungen Burschen auch noch. Aber deren Altersgenossen sind die Zielgruppe.

Das Paket machen die Graffitiarbeiten komplett. Stefan Leuchter hat sich dieser Aufgabe angenommen und mit seinen Teilnehmern ein gewaltiges Banner gesprayt. Kunst mit einer Botschaft – eigentlich eine alte Metapher, hier aber von bemerkenswerter Aktualität. Eine gelbe und eine braune Hand im Handschlag, auf der Rückseite ein großer Alemannia-Schriftzug – das spricht eigentlich für sich.

Das Projekt ist ein erster Schritt. Ein Signal mit Innen- und Außenwirkung. Die Außenwirkung ist eindeutig. Gleichzeitig hat die Aktion aber auch eine Strahlkraft in den Verein hinein: Die anderen Abteilungen des Vereins sollen bei weiteren Aktionen mitgenommen werden – ein Impuls für das „Wir“-Gefühl, das im krisengeschüttelten Verein wieder zu einer Konstanten werden soll.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert