Lindt expandiert: Wo zeigt der Bend dann seine Schokoladenseite?

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
14558193.jpg
Beides geht nicht: Lindt & Sprüngli will stark expandieren und viele neue Jobs in Aachen schaffen. Das geht aber nur auf dem Bendplatz. Das Volksfest muss dann umziehen. Die Suche nach einem neuen Standort läuft auf Hochtouren, gestaltet sich aber schwierig. Foto: Michael Jaspers/imago
345345
Vielleicht die einzige Option für den Bend: Auf dem ALRV-Gelände gibt es große Freiflächen. Die Stadt bekundet, mit dem Verein in Gesprächen zu sein. Dort sieht man die Idee allerdings mit viel Skepsis. Probleme könnte es mit dem Lärm geben. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Irgendwo in den Gebäuden der Aachener Stadtverwaltung gibt es zurzeit ein paar Büros, in denen der Öcher Bend immer wieder auf- und abgebaut wird – und das an den verschiedensten Stellen der Stadt. Es ist nicht überliefert, ob das digital geschieht oder am guten alten Reißbrett.

Oder vielleicht sogar mit Bauklötzen. Aber sicher ist, dass dieses so spielerisch anmutende Prozedere unter enormem Zeitdruck und vor einem äußerst ernsten Hintergrund abläuft. Denn die Stadt muss irgendwie einen anderen Platz finden, auf dem sie das traditionsreiche Aachener Volksfest, das seit 1927 auf dem 40.000 Quadratmeter großen Bendplatz an der Süsterfeldstraße beheimatet ist, unterbringen kann. Sonst hat sie ein Problem.

Dabei ist das „Problem“ eigentlich aus einer Situation entstanden, über die sich Verantwortliche in deutschen Städten normalerweise freuen. Denn dass ein Unternehmen des produzierenden Gewerbes wie Lindt & Sprüngli in Aachen binnen 20 Jahren von 1200 Arbeitsplätzen auf 2300 Jobs aufstockt und in den nächsten Jahren womöglich noch einmal bis zu 1000 neue Stellen draufpackt, ist ja eigentlich eine selten gute Nachricht. Das sieht natürlich auch Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp so. „Wir müssten lange suchen, bis wir solch eine Chance in Aachen noch einmal bekämen“, freut er sich über die Expansionspläne des Schweizer Schokoladenherstellers. Wenn da nur nicht die Sache mit dem Platz wäre.

Denn Lindt ist auf dem großen Firmengelände gleich neben dem Bendplatz „weitestgehend am Limit“, wie der Aachener Geschäftsführer Adalbert Lechner bestätigt. Zuletzt hat man dort fast jede verfügbare Fläche ausgenutzt und vorhandene Produktionsgebäude aufgestockt.

Doch jetzt ist das Ende in Sicht, und Lindt schaut hinüber auf den benachbarten Bendplatz. Ungefähr die Hälfte davon könnte man in den nächsten Jahren gut gebrauchen, und der Rest wäre wohl als Ausbaureserve willkommen. „Wir haben der Gemeinde unsere Wünsche mitgeteilt“, sagt Lechner, „alles andere liegt jetzt bei der Gemeinde.“

Deshalb bauen nun in der Verwaltung einige Planer den Bend immer wieder auf und ab. Welche Alternativstandorte sie dabei genau im Blick haben, will der OB erst einmal nicht verraten. Es gibt aber auch gar nicht so viele Stellen in der Stadt, an denen der Bend künftig seine Schokoladenseite zeigen könnte.

Das hängt mit der benötigten Fläche zusammen, aber auch mit den Anforderungen an die Verkehrsinfrastruktur und die sonstige Erschließung etwa mit Strom und Wasser. Und nicht zuletzt gebe es auch „wegen der Emissionsprobleme nicht viele Optionen“, sagt der OB. Soll heißen: Wo Menschen wohnen, wäre der Bend wegen der Lärmbelästigung fehl am Platze. „Wir suchen intensiv“, fügt er hinzu, „aber das ist ein mühsames Geschäft.“

Auf Anfrage bestätigt Philipp dann aber doch, dass seine Mitarbeiter den Bend gedanklich wohl auch schon auf dem CHIO-Gelände in der Soers aufgebaut haben. „Das ist eine Option, wir reden mit dem ALRV“, sagt der Oberbürgermeister, hüllt sich aber über den Stand der Gespräche in Schweigen. Sonderlich weit scheint man allerdings noch nicht gekommen zu sein.

Zumindest gibt es ganz offensichtlich große Vorbehalte beim ALRV, dessen Geschäftsführer Frank Kemperman keinen Hehl daraus macht, dass man den Bend auch künftig lieber woanders sähe. „Auf unserem Gelände ist gar nicht genug Platz“, sagt er. Und die größte Freifläche hinter der AachenMünchener-Tribüne sei aus Lärmschutzgründen problematisch, weil zu nah an Wohnhäusern gelegen. „Wir sind immer bereit zu helfen“, sagt er, aber in diesem Fall sei das sehr schwierig.

Schwierig ist es allerdings auch an anderen möglichen Standorten. Ein Areal wie Camp Hitfeld, das ehemalige belgische Militärgelände, müsste erst aufwendig nutzbar gemacht werden. Die vor Jahren schon einmal als Bendstandort ins Auge gefassten Grundstücke an Strangenhäuschen an der Krefelder Straße dürften auch zu nahe an Wohnvierteln liegen.

Und ganz außerhalb auf großen Freiflächen, wie sie zum Beispiel das Gewerbegebiet Avantis oder der Flughafen Merzbrück bieten? Auch das hält Philipp für „schwierig“, denn: „Da fängt man dann ja wieder ganz bei Null an.“ Klar sei, ergänzt der OB, dass „ein zukünftiger Bendplatz auf jeden Fall multifunktional gedacht werden muss“. Und schließlich hätten ja auch die Schausteller ganz klare Vorstellungen davon, was einen Bendstandort ausmacht.

Diese Vorstellungen liegen nicht weit draußen auf der grünen Wiese, auch wenn Öcher Bend übersetzt Aachener Wiese heißt. „Der neue Standort muss innerstädtisch sei“, sagt der Vorsitzende des Aachener Schaustellerverbandes, Peter Loosen. Zu groß ist die Sorge der Schausteller, dass das Publikumsinteresse mit jedem Kilometer, den man sich vom Stadtkern entfernt, abnehmen könnte. Konkrete Vorschläge mag Loosen allerdings nicht machen.

„Es ist Sache der Stadt, einen Standort zu finden“, sagt er. Dann werde man darüber reden. Grundsätzlich erteilt er einem Umzug keine Absage. „Kaiser Karl ist auch oft umgezogen. Und der Bend in seiner langen Geschichte auch.“ Zumal am heutigen Standort das Parkplatzpro-blem groß sei, da viele Besucher mit dem Auto aus dem benachbarten Ausland anreisten.

Allerdings ist die Zeit für Gespräche knapp. „Irgendwann ist das Zeitfenster zu“, weiß der OB, und er weiß auch, dass dieses „irgendwann“ in nicht allzu weiter Ferne liegen wird: „Grundsätzlich müssen wir in diesem Jahr die Richtung bestimmen.“ Denn hat man bis Jahresende keine Lösung für den Bend gefunden, droht die Abwanderung eines der größten Arbeitgeber. Bei Lindt heißt es unmissverständlich, dass sich das Unternehmen „nach Alternativen umschauen“ würde, wenn die Stadt keine Erweiterungsflächen anbieten kann. Und damit wären dann „Alternativen“ zum heutigen Aachener Standort gemeint. Marcel Philipp weiß genau, dass diese dann in einer anderen Stadt lägen: „Es könnte gar nicht Aachen sein, weil wir solch große Flächen überhaupt nicht haben.“

Deshalb kündigt der OB an, „alles zu tun, um eine solche Entwicklung zu verhindern“. Und deshalb gibt es zurzeit in Aachen ein paar Büros, in denen städtische Planer den Bend an verschiedenen Stellen in Aachen auf- und abbauen. Damit nicht Lindt-Planer damit anfangen, eine große Aachener Schokoladenfabrik weit weg von Aachen aufzubauen. Nach Informationen unserer Zeitung haben sie dies – zumindest am Computer – für mögliche Neubauten auf dem Bendplatz schon getan.

Leserkommentare

Leserkommentare (5)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert