Aachen - Linden und Herff lassen Rat alt aussehen

Linden und Herff lassen Rat alt aussehen

Von: Thorsten Karbach und Robert Esser
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Vor dem Einzug ins Rathaus: Die Kandidaten Caroline Herff (CDU) und Boris Linden (SPD). Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Zukunft trinkt Cappuccino und Ginger Ale. Für Caroline Herff und Boris Linden ist es das erste Mal - nicht der Cappuccino und das Ginger Ale, sondern dass sie sich treffen und miteinander sprechen. Obwohl sich ihre Väter seit Jahrzehnten schätzen. Und sich länger kennen als ihre Kinder alt sind.

Wenn der neue Stadtrat gewählt und formiert ist, werden sich Herff, 26 Jahre alt, und Linden, 30, voraussichtlich häufiger sehen. Nur werden sie dann nicht wie bei diesem AZ-Gespräch nebeneinander auf der Bank eines Cafés im Pontviertel sitzen, sondern im Ratssaal Platz nehmen. Wo sich ihre Fraktionen gegenüber sitzen.

Caroline Herff, Studentin der Psychologie, ist Tochter von Ratsherr Hans Herff (65). Sie ist Direktkandidatin der CDU für den Bezirk St. Jakob, Reservelistenplatz 10. Ein Sitz im Rat ist damit so gut wie sicher. Boris Linden, Diplom-Politologe und junger Vater, arbeitet im Wahlkreisbüro von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und ist jüngster Sohn von Oberbürgermeister Dr. Jürgen Linden (61). Er ist Direktkandidat der SPD für das Pontviertel, Reservelistenplatz 8. Auch hier ist der Platz im Rat geradezu garantiert. Zwei junge Menschen treten - wenn man so will - in die großen Fußstapfen ihrer Väter. Auch wenn Caroline Herff „nur” Schuhgröße 38 trägt.

Natürlich ist diese Konstellation Wohl und Wehe gleichermaßen. „Als Boris Linden begegnen mir die Leute nicht vorbehaltlos”, sagt der 30-Jährige. „Aber ich hatte immer den festen Willen, diesen Schritt zu gehen, davon hätte mich keiner abbringen können. Dennoch weiß ich natürlich auch, dass das Frustrationspotenzial im politischen Leben groß sein kann”, sagt er. Dann lacht er und fügt angesichts der langen politischen Karriere des Vaters hinzu: „Immerhin: Mein Vater hat nie im Sozialausschuss gesessen.” Und dort sitzt Sohn Boris bereits, zuvor war er im Sportausschuss.

Vorbehalte sind die eine Seite. Unterstützung ist die andere. „Ich bin wohl ziemlich gepusht worden. Aber nur ein Name? Das bin ich nicht!”, sagt Caroline Herff. Seit Februar sitzt sie im Kulturausschuss, im Herbst rief Harald Baal an und fragte, ob die CDU sie für St. Jakob aufstellen könne. Eine Woche Bedenkzeit später stimmte Herff zu. Sie hatte immer gesagt: Wenn ich so etwas mache, dann richtig.

Und wer sie kennt, weiß, dass es bei Caroline Herff keine halben Sachen gibt. Freunde und Familie haben ihr gut zugeredet. Nur Vater Hans war skeptisch. „Er hat mir nicht davon abgeraten, er gab nur zu bedenken, wie viel Aufwand dahinter steckt”, sagt sie. Montags Fraktion, dienstags Ausschuss, mittwochs ein Termin bei einem Verein, donnerstags wieder Ausschuss, freitags Parteiveranstaltung - so könnte die Woche bald aussehen. Doch die Zeit war reif. Und der Schatten des Vaters? „Klar kennt man mich als die Tochter meines Vaters, aber ich habe intern schon gezeigt, dass ich ein selbstständiger Mensch bin”, sagt sie. Schatten werfen heute nur die Säulen im Café.

Die Christdemokratin Caroline Herff und der Sozialdemokrat Boris Linden - mehr als ein Vierteljahrhundert jünger als der Durchschnitt des Stadtrats - sind die Zukunft, und sie wissen das. Und wollen es auch so haben. „Ich will nicht nach fünf Jahren sagen: Das war´s”, sagt Herff. Sie kann richtig hartnäckig sein. Sagt sie selber.

Die Wege, die Caroline und Boris in den Rat führen sollen, sind kaum zu vergleichen. Herff hat ihren Vater zwar viele Jahre immer wieder auf Veranstaltungen begleitet. Doch statt in der CDU war sie zunächst beim Burtscheider TV zuhause - als Turnerin, Trainerin, Kampfrichterin. Erst im Februar wagte sie den Schritt in die Politik. In den Sportausschuss wollte sie nicht, solange dort ihr Vater den Vorsitz hat. Im Oktober scheidet Hans Herff aus dem Rat, und Jürgen Linden aus dem OB-Amt.

Boris Linden ist seit neun Jahren in der SPD. Früher spielte er Rugby, doch mit 19 verletzte er sich so schwer an der Schulter, dass er aufhören musste. Während des Studiums nahm dann die Partei zunehmend Raum ein. Mit Wahlkampfteams hat er Konzerte und Partys organisiert. „Das ist nicht so politisch, aber es hat Spaß gemacht”, sagt er. Doch mehr und mehr wurde es inhaltlich. Er rückte erst in den Sport-, dann in den Sozialausschuss, in dem am Sozialentwicklungsplan gefeilt wurde. „Er wird uns helfen, Maßnahmen gegen das Auseinanderdriften gesellschaftlicher Gruppen zu entwickeln. Das wird auch angesichts der wirtschaftlichen Krise die wichtigste Aufgabe in unserer Stadt”, sagt Linden.

Zwei Biographien - ein Ziel. Dafür werden sich Herff und Linden wieder auf den Weg machen - diesmal im wörtlichen Sinne. Denn Wahlkampf bedeutet auch klassisches Klinkenputzen. Für Linden ein langer Weg, die Wahlbezirke (32) wurden neu zugeschnitten. Sein Bezirk reicht nun vom Hansemannplatz bis zum Lousberg. Themen gibt es hier genug: Campus, Internationale Gartenschau 2017 oder Konflikte zwischen Anwohnern und Kneipiers in der Pontstraße. Sein Ortsverein hatte einst einen Runden Tisch vermittelt, das Müllproblem sei nun gelöst, der Lärm geblieben.

Herff muss ihren Bezirk erst einmal entdecken, kommt sie doch eigentlich von der Hörn. „Ich bin noch in der Lernphase. Aber ich kann auf die Unterstützung erfahrener Leute zählen”, sagt sie. Nach Ostern beginnt die heiße Phase des Wahlkampfs. Dann will man Details aus den politischen Programmen thematisieren.

Am 7. Juni entscheidet der Bürger an der Urne. Und natürlich sollen Herff wie Linden vorher möglichst viele junge Wähler mobilisieren. Im politischen Wettstreit, konkurrierend. Aber dann wird man doch für die gemeinsame Sache zusammenarbeiten. Für Aachen. In naher Zukunft. Im verjüngten Rat.

Im Durchschnitt rund 55 Jahre alt

CDU und SPD haben den Generationenwechsel eingeläutet. Nie waren die Kandidatenlisten mit mehr frischen, jungen Gesichtern besetzt. Das Durchschnittsalter der aktuellen CDU-Ratsfraktion beträgt 55,4 Jahre, die SPD kommt auf 54,8 Jahre. Die Grünen sehen da mit einem Durchschnittsalter von gut 50 Jahren übrigens auch nicht viel frischer aus (FDP: 46,3, Linke: 46).
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