Aachen - Lesen ohne zu sehen: Hier knirscht der Schnee sogar im Sommer

Lesen ohne zu sehen: Hier knirscht der Schnee sogar im Sommer

Von: Valerie Pomp
Letzte Aktualisierung:
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„Lesen“ in den neuen Reliefbüchern: Helma Diettrich und Bernd Neuefeind vom Blinden- und Sehbehindertenverein. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Vorsichtig fährt Bernd Neuefeind mit seinen Fingerkuppen über die Papierseiten. In diesem Moment springt das Kopfkino an – er fühlt statt zu sehen. Doch richtig fühlen will gelernt sein. „Es ist gar nicht so einfach, wenn man nicht schon als Kind gelernt hat, mit anderen Sinnen zu ‚sehen‘ als nur mit den Augen“, so Neuefeind, der selbst vor einigen Jahren erblindete.

Mit der Idee, haptisch erlebnisreiche Reliefbücher für sehbehinderte Kinder in der Aachener Bibliothek zur Verfügung zu stellen, kam Neuefeind, Vizevorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins der Städteregion, auf Helma Dittrich zu. Anfangs noch skeptisch, steht die Leiterin der Kinder- und Jugendbibliothek dem Projekt nun mit voller Begeisterung gegenüber.

„Aufgrund der Zielgruppe erfahren diese Bücher nur eine kleine Auflage, sind schwer zu beschaffen und – auch preislich – sehr hochwertig“, so Dittrich. Wegen liebevoll von Hand gearbeiteter Details seien die Bücher sehr empfindlich und nicht unbedingt für ein großes Publikum geeignet. Doch jede Regel hat ihre Ausnahme: Mit ihren Kollegen konnte Helma Dittrich ein System erarbeiten, ihre „Schätze“ und die dazugehörigen Utensilien, wie zum Beispiel eine Toolbox mit Kunststofftieren, abzusichern.

Dadurch kann die Ausleihe ermöglicht werden. Ein besonders schönes Beispiel ist das aus stabilem Stoff genähte Buch „Winterzauber“ vom Verein „Anderes Sehen“. Nicht nur optisch und taktil taucht der Betrachter in eine Winterlandschaft ein, sondern auch akustisch: Das eingenähte Schneefeld knirscht beim darüberstreichen genau wie echter Schnee – eine Sinnesfreude im Sommer.

Die Relief-Bücher sind in Punkt- und/oder Schwarzschrift geschrieben. Die Bilder lassen sich dank verschiedener Materialien und erhabener Darstellung erspüren. Zu den Büchern „Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte“ und „Wo ist Mami?“, beide von der Deutschen Zentralbibliothek für Blinde in Leipzig herausgegeben, gibt es jeweils eine Toolbox am Beratungsplatz.

Dank der Spende konnte die Stadtbibliothek 54 Titel erwerben. Ein „großer Moment“, denn der Verein finanzierte das Projekt komplett durch eine Erbschaft. Um seine Mittel so vielen Kindern wie möglich zur Verfügung zu stellen, hat er auch schon Kontakt zur Route Charlemagne und zum Tierpark Aachen aufgenommen.

Laut Manfred Sawallich, Leiter der Stadtbibliothek, ist auch auf Nachhaltigkeit zu achten. Es wird deshalb erst einmal abgewartet, wie viel Interesse den neuen Medien entgegengebracht wird, bevor der Bestand in Zukunft womöglich vergrößert wird.

Die Bibliothek hat sich jedoch nicht jetzt erst auf (Seh-)Behinderte eingestellt. Großdruckbücher oder ein Lesegerät gibt es schon lange. Auch ein Euroschlüssel ist vorhanden, der den Zugang zu behindertengerechten sanitären Anlagen ermöglicht.

„Die gemeinsame Nutzung der Reliefbücher würde einen großen Beitrag zur Inklusion leisten“, findet Bernd Neuefeind. Somit können auch sehende Kinder im wahren Sinne des Wortes fühlen, wie sehbehinderte Kinder die Welt erfahren. Und schon „Der kleine Prinz“ wusste: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

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