Lernen ganz anders auf dem Bio-Hof

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Luise (rechts) pikiert mit ihrer Integrationshelferin Marikka Rötting (links) eifrig kleine Selleriepflänzchen. Die Qualität muss stimmen, darauf achtet Lehrerin Birgit Teping. Foto: Andreas Herrmann
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Ziemlich beste Freunde von 97 Hühnern: Wenn Meike und Philipp zum Füttern kommen, ist ihnen die Aufmerksamkeit des Federviehs von Gut Wegscheid gewiss. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Luise ist konzentriert bei der Sache: Furchtbar kleine, verletzliche, sich umschlingende Selleriepflänzchen müssen vereinzelt, ihre dünnen Wurzeln eingekürzt und anschließend in Tabletts mit kleinen, mit Erde gefüllte Fächer gesetzt werden. Pikieren nennen Fachleute das.

Und Luise – 14 Jahre alt und im Rollstuhl sitzend – kann sich wohl in Kürze dazu zählen. Übung genug hat sie jedenfalls nach diesem Tag ihres zweiwöchigen Landwirtschaftspraktikums in der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) auf Gut Wegscheid in Vaalserquartier. Denn dann hat sie mehrere hundert Pflänzchen pikiert.

Tomatenpflanzen in die Erde setzen, Beinwell- und Brennnesselbrühe ansetzen, täglich 97 Hühner füttern, Unkraut zupfen, mulchen – es gibt viele Aufgaben, die die acht Pennäler der Parzival-Schule während des zweiwöchigen Praktikums auf dem Bio-Hof übernehmen. Und natürlich versorgen sie sich selbst – mal wird Pizza gebacken, mal gibt es Bauernpfanne mit Eiern von den glücklichen Hofhühnern, auch Bratwurst steht auf dem Menüplan.

Dass am Ende die Arbeit den Ansprüchen des Landwirts Daniel Bosse genügt und auch das Essen pünktlich und lecker auf dem Tisch steht, dafür sorgen Lehrerin Birgit Teping und die beiden Integrationshelferinnen Marikka Rötting und Sabine Ganzauge. Und auch Bauer Daniel – wie ihn die Jugendlichen nennen – hat einiges an Vorarbeit geleistet.

Denn die Jungs und Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren haben alle eine Behinderung. Sie haben körperliche, geistige und auch emotionale Einschränkungen. Ihre Arbeitsergebnisse sind deshalb nicht unbedingt mit denen ihrer Altersgenossen ohne Behinderung vergleichbar. Ein Acht-Stunden-Tag ist nicht denkbar. Und das gilt nicht nur für Luise, die gerade Tomaten auf der Seite liegend einpflanzt.

Wichtig im Schulleben

Dennoch oder gerade deswegen ist das Landwirtschaftspraktikum, das alle Waldorfschulen in ihrem Lehrplan stehen haben, ein wichtiges Element im Schulleben, wie Birgit Teping findet: „Es ist für meine Schüler tatsächlich eine Form von Therapie. Hier arbeiten sie anders, sie sind fokussiert, haben aber auch mehr Freiräume.“ Das Pikieren sei zum Beispiel eine sehr gute Übung für die Auge-Hand-Koordination. „Das lässt sich hier viel besser trainieren als in der Schule.“

Und die Neuntklässler machen auch viele ganz neue Erfahrungen. Burçu zum Beispiel hat noch nie ihre Hände in der Erde gehabt. Sie weiß jetzt durchs hautnahe Erleben, dass Tomaten Erde, Wasser und Sonne zum Wachsen brauchen. „Hier bekommen die Schüler eine Verbindung zu den Dingen, die ihnen sonst in ihrem Alltag nicht begegnet“, sagt Birgit Teping.

Die Pädagogin, aber auch die Eltern der Schülerinnen und Schüler wissen sehr zu schätzen, dass sie in der Solawi Aufnahme gefunden haben. „Es ist schwer für uns, Praktikumsplätze auf Höfen zu finden. Sind sie dem knallharten Wettbewerb ausgesetzt, wirken unsere Schüler bremsend“, kennt Teping die Realität von Inklusion insbesondere in der Arbeitswelt.

Skeptisch gegenüber Inklusion

Auch im Schulalltag steht die Sonderschulpädagogin der Inklusion noch skeptisch gegenüber. „Die Schwachen brauchen bei der Inklusion Schutz.“

Luise indes hat schnell Gefallen am handwerklichen Tun gefunden. Während sie konzentriert einen Sellerie seinem neuen Lebensraum zuführt, sagt sie: „Das hier ist viel besser als Schule. Hier muss man nicht immer still sitzen.“

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