Led Zeppelin live statt Urbs Aquensis

Von: Matthias Hinrichs
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Imposant und filigran zugleich: Die 49 bis zu 300 Kilo schweren Glocken im Marienturm des Rathauses werden jetzt durch ein computergesteuertes Luftdrucksystem zum Klingen gebracht. Das Glockenspiel ist für rund 72 000 Euro gründlich saniert worden. Foto: Michael Jaspers
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Jetzt gibt‘s was auf die Glocke: Hausmeister Heinz Spees entlockt dem sanierten Instrument im Marienturm mutig die ersten Live-Töne. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das hat selbst der OB nicht verdient. Das Öcher Fußvolk rund um Markt und Katschhof erst recht nicht: Zur Feier des Tages gibt‘s schwer was auf die Glocke. Vom Hausmeister persönlich, und zwar in den buchstäblich höchsten, wenn auch zuweilen eher schrägen Tönen.

Da hockt er nun, direkt unter der Spitze des Marienturms, der Heinz Spees, seines Zeichens heimlicher Chef im prächtigsten Profanbau des Grenzlands, und haut mit Schmackes auf den Tisch – diesmal auf den etwas anderen Orgeltisch. Do Re Mi Fa Sol La Si Do.

Zugegeben: Irgendwie hatten wir uns die „offzielle“ Einweihung des rundum sanierten Glockenspiels im Rathaus noch harmonischer vorgestellt. Und feierlicher. So wie damals, am 2. August 1979, als das fürstliche Instrument aus dem Hause „Koninklijke Eijsbouts“ im niederländischen Asten erstmals in der Kaiserstadt erklungen ist. Aber Spaß macht‘s auf alle Fälle – zumindest uns...

Probieren wir‘s mal mit „Stairway to heaven“. Inzwischen bereichert die himmlische Hippie-Hymne immerhin das (automatische) Repertoire im Glockenturm des Rathauses zu Fürth. Muss ja nicht immer „Urbs Aquensis“ von der mechanischen Stange sein. Den alten Led-Zeppelin-Hit haben wir zwar auch schon öfter (und besser) gehört. Aber was die Klingeling-Komponisten in Mittelfranken können, schaffen die Ahnen des Oberfranken Karl allemal. Fast jedenfalls, aber dafür live – also nochmals: sorry!

Nachdem das rundum instandgesetzte Carillon (so die klangvollere Bezeichnung aus dem Französischen) im fast komplett sanierten Marienturm wieder seiner bimmelnden Bestimmung übergeben wurde, wären jetzt allerdings vor allem Computer-Künstler gefragt. „Auf alle Fälle fehlen uns noch ein paar schöne programmierbare Melodien, mit denen wir die Altstadtbesucher beglücken können“, bekennt Rita Klösges vom städtischen Pressebüro. „Ideengeber sind willkommen!“ Na also.

Immerhin hat die Stadt stolze 72.000 Euro in die Restaurierung des Zweieinhalbtonnen-Kolosses investiert – vornehmlich aus Bundesmitteln zum Erhalt des Rathauses, versteht sich. „Nur die beiden schwersten Glocken im Turm, eine wiegt allein weit über 300 Kilo, sind nicht abmontiert worden“, berichtet Engelbert Chaumet vom städtischen Gebäudemanagement. Ihre 47 kleineren Schwestern aber, die ebenso viele Töne zum Klingen bringen, wurden allesamt erneuert, wie der imposante Tastentisch selbst.

Der Clou: Melodien können jetzt per Datenbahn ein- und abgespielt werden. Das war zugegebenermaßen zwar auch vor der Sanierung bereits möglich. Denn die Jahrzehnte alten Lochbänder zur mechanischen Klangübertragung sind längst verschlissen. Ende 2005 hatten daher PC-Tüftler der Mies-van-der-Rohe-Schule etliche Tonfolgen digitalisiert. Seither konnten „Urbs Aquensis“, „Ave Maria“ oder auch der Hochzeitsmarsch per Knopfdruck von der Pförtnerloge des Rathauses aus zum Klingen gebracht werden, allerdings nur über einen klobigen Relaiskasten in Kleiderschrank-Format. Nun aber werden die 49 Metallhämmer mittels schmaler Schläuche über ein digital gesteuertes pneumatisches Drucksystem in Bewegung versetzt. Zumindest solange sich nicht ein williger Virtuose findet, der der sperrigen Holz- statt der obligaten Hightech-Tastatur auch live höchst filigrane und ergreifende Klangerlebnisse zu entlocken weiß. Muss ja nicht Led Zeppelin sein.

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