„Lebenslanges Lernen ist wichtiger denn je“

Von: Marie Eckert
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Große Zielgruppe, großes Engagement: Christina Mörgen und Marion Surberg (rechts) vom Kolping-Bildungswerk sorgen maßgeblich dafür, dass Jugendliche und Erwachsene Fuß fassen in Alltag und Beruf und sich permanent weiterbilden können. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Seit 1970 gibt es das Kolping-Bildungswerk in Aachen als eine von zahlreichen Einrichtungen in Deutschland, die zum weltweit agierenden Kolpingwerk gehören und Jugend- und Erwachsenenbildung ermöglichen.

Im AZ-Samstagsinterview erzählen Diplom-Pädagogin Marion Surberg, Einrichtungsleiterin im Kolping-Bildungszentrum Aachen, und Sozialpädagogin Christina Mörgen, Koordinatorin der Erwachsenenbildung, von ihren Aufgaben im Bildungswerk, von gesellschaftlichen Hintergründen und Motiven ihrer Arbeit und von der Philosophie, die hinter allem steckt.

Das Spektrum der Kolping-Bildungswerke ist riesig – was macht das Aachener Bildungswerk aus?

Surberg: Unter der Woche findet hier vor allem Jugend- und Integrationsarbeit statt, an den Wochenenden bieten wir Kurse zur Weiterbildung an. Die Zielgruppe sind da vor allem Berufstätige. Zu den Maßnahmen für Jugendliche zählen die Produktionsschule im Auftrag des Jobcenters und des Europäischen Sozialfonds‘ und die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme (BvB) im Auftrag der Agentur für Arbeit, jeweils mit unterschiedlichen Kooperationspartnern.

Worauf zielen beide Projekte ab?

Surberg: Es geht darum, junge Leute ohne Ausbildung und mit multiplen Vermittlungsschwierigkeiten zu unterstützen. Beides sind Maßnahmen für Menschen, die jünger als 25 Jahre alt sind. Die BvB soll jungen Leuten direkt nach der Schule oder auch, wenn sie schon länger suchen, helfen zu erkennen, wo ihre Fähigkeiten und Stärken liegen. Hier im Haus ist die BvB durch die Gewerke Bau und Metall vertreten. Anfang August sind wir mit neuen Leuten gestartet, das Ganze dauert zehn Monate.

Sie sollen ihre handwerklichen Fähigkeiten in den Gewerken vertiefen, bekommen aber auch ein Sozial- und Bewerbertraining und werden bei der Suche nach einem Praktikum unterstützt. Die jungen Leute lernen so, an sich zu glauben. Die Produktionsschule ist ein niederschwelliges Angebot, bei dem junge Leute an unterschiedlichen Projekten arbeiten und dabei fachliche Unterstützung von Schreinern und Metallbauern bekommen. Das Besondere ist, dass die jungen Leute aus der Schule ihre produzierten Sachen auch verkaufen dürfen.

Was produzieren sie denn?

Surberg: Kleinere Handarbeiten wie Schlüsselanhänger und Holzspiele und die „Aachener Bildungskette“. Die Kette wird für die VHS hergestellt, und die jungen Leute haben alles selber in der Hand, vom Auftrag bis zur Produktion. Sie besteht aus 40 großen Perlen, und jede Perle steht für zwei Lebensjahre. Die ersten Perlen sind bunt, sie stehen für Kindergarten, Schule und Ausbildung. Die restlichen Perlen sind blau und stehen für die Weiterbildung.

Sie haben am Anfang das Stichwort Integrationsarbeit genannt: Was hat sich da bei Ihnen seit dem vergangenen Jahr getan?

Surberg: Wir bieten seit über acht Jahren Integrationskurse in Aachen an, aber in den letzten acht Monaten hat sich die Nachfrage deutlich verstärkt, wir stellen ständig neue Lehrkräfte ein. Im Moment haben wir auch zwei Jugendintegrationskurse mit jungen Zuwanderern ab 18 Jahren. Dort wird natürlich Deutsch gelehrt, die Lehrer sind aber auch sensibilisiert fürs Zuhören und für praktische Unterstützung. Auch unsere Produktionsschule und die BvB sind für Flüchtlinge offen. Wir bieten auch Elternsprachkurse und Kurse zur Alphabetisierung an, für die, die das lateinische Alphabet noch kennenlernen müssen.

Und was kommt danach?

Surberg: Ganz ohne Unterstützung werden es viele Migranten nicht schaffen. Es wird nötig sein, Ausbildungshilfen für Flüchtlinge zu schaffen, die schon Deutsch gelernt haben. Wir hatten früher im Haus zum Beispiel einmal eine geförderte Ausbildung zur Fachkraft für Küchen-, Möbel- und Umzugsservice.

Wie fließen gesellschaftliche oder äußere Umstände darüber hinaus in Ihre Arbeit ein?

Mörgen: Im Moment zum Beispiel in Form von neuen Kursen in der Erwachsenenbildung. In Aachen und in Mönchengladbach startet ab Januar der Kurs „Fachkraft für frühkindliche Pädagogik“. Er dauert zehn Monate und ist aus dem neuen Kinderbildungsgesetz entstanden. Die Ergänzungskräfte einer Kita müssen sich im Bereich der Krippenpädagogik weiterbilden.

Das ist sehr wichtig, damit diese Menschen weiter im Kindergarten eingesetzt werden können und nicht bald personelle Engpässe entstehen. Ähnlich ist es mit dem neuen Kurs „Fachkraft für Inklusion“, der ab Januar auch in Aachen und Mönchengladbach startet. Inklusion bedeutet nicht nur, auf Kinder mit Behinderungen zu schauen, sondern auch auf Kinder mit einem problematischen sozialen Hintergrund oder Migrationshintergrund. Das gilt vor allem für Kitas und offene Ganztagsschulen.

Inwiefern?

Mörgen: Viele Flüchtlingskinder kommen jetzt mitten im Jahr in die Kitas, da sind oft erweiterte Kompetenzen gefragt. In offenen Ganztagsschulen sieht die Problematik ähnlich aus. Auch dort ist es in der Nachmittagsbetreuung wichtig, Hintergrundwissen zu haben. Ein politisches und gesellschaftliches Ziel ist, alle Kinder gemeinsam zu erziehen und zu beschulen, mit und ohne Behinderung. Dann muss aber das Personal nachgeschult werden, und so kommen solche Weiterbildungskurse zustande. Je nachdem, was für Themen gerade in der Gesellschaft im Vordergrund stehen, reagieren wir. Wir sind sehr flexibel.

Wenn es neue Kurse gibt, werden auch hin und wieder welche verabschiedet? Gibt es Dauerbrenner?

Mörgen: Es passiert bei mir ständig, dass Kurse nicht stattfinden können. Manche Tagesseminare stehen beispielsweise gerade nicht so im Vordergrund. „Auffälliges Verhalten in Krippe, Kita und Tagespflege“ ist noch nie gelaufen, um ein Beispiel zu nennen, das kann man sich manchmal nicht erklären. Unser Zugpferd in der Erwachsenenbildung ist der Kurs „Fachwirt und Fachwirtin für Erziehungswesen“. Das ist eine Aufstiegsqualifikation für pädagogische Fachkräfte, die eine Leitungsfunktion in der Kita oder einer anderen sozialen Einrichtung anstreben. Er findet in Aachen und Mönchengladbach statt.

Surberg: Schon immer gut gelaufen sind die Integrationskurse. Das ist besonders erfreulich, da die Leute zwar Adressen bekommen, bei denen sie ihren Kurs belegen können, sich dann aber selbstständig bei einer Institution ihrer Wahl anmelden müssen.

Können sich die Berufstätigen solch umfangreiche Seminarangebote leisten?

Mörgen: Die Kurse „Fachwirt und Fachwirtin für Erziehungswesen“ sind vom Europäischen Sozialfonds gefördert. Deswegen können sie vergünstigt angeboten werden. Für die anderen Fortbildungen gibt es die Möglichkeit, unter bestimmten Voraussetzungen einen sogenannten Bildungsscheck des Landes NRW von bis zu 500 Euro zu erhalten.

Wo beginnt die Hilfe des Aachener Bildungswerks?

Surberg: Wir bieten schon in der achten Klasse im Trägerverbund für verschiedene Schulen Potenzialanalysen und Berufsfelderkundung bei uns im Haus an, also in den Bereichen Bau, Holz, Farbe und Metall. Bei den Potenzialanalysen liegt der Fokus auf den eigenen Stärken, ein erster Baustein der Berufsfindung also. Der Hintergrund dieser Maßnahmen ist das Übergangssystem „Kein Anschluss ohne Abschluss“.

Mit der Jugendarbeit und den Fortbildungsmöglichkeiten ist dann prinzipiell das gesamte Altersspektrum abgedeckt?

Surberg: Richtig, es geht um ein lebenslanges Lernen. Das Lernen darf in der heutigen Zeit nicht aufhören, Weiterbildung bis zum Lebensende ist sehr wichtig. Um noch einmal auf die Weiterbildungskurse zurückzukommen: Da bemühen sich berufstätige Menschen am Freitagabend und am Samstag hierher, um weiterzulernen, das finde ich großartig.

Mörgen: Speziell die Erwachsenenbildung erlebt seit drei Jahren wieder einen Aufschwung und wird erst wieder aufgebaut, vorher war sie zugunsten anderer Projekte etwas eingeschlafen.

Ihr Namensgeber Adolph Kolping hat sich seinerzeit insbesondere mit der sozialen Frage auseinandergesetzt. Wie viel von seinen Gedanken steckt noch heute in Ihrer täglichen Arbeit?

Surberg: Der Gedanke „Der Mensch im Mittelpunkt“ ist aktuell und wichtig. Unsere Teilnehmer sind nicht immer einfach zu erreichen, da muss man daran glauben, dass jeder eine Chance bekommen soll, und vielleicht auch eine zweite und dritte. Wenn ich zurückdenke, waren es oft die schwierigen Teilnehmer, bei denen man jeden Tag in der BvB Überzeugungsarbeit leisten musste, die dann auch Jahre danach noch hier anrufen und um Rat fragen.

Mörgen: Außerdem arbeiten die Menschen, die unsere Fortbildungen und Seminare besuchen, ja meistens mit Kindern. Zum Beispiel in Kitas, in der Tagespflege und auch in der Schule, wo kleine Menschen dazu ermutigt werden sollten, dass sie zu großen, gefestigten Persönlichkeiten heranwachsen. Ich denke, diese Philosophie geben wir ganz gut weiter.

Und wenn ein Teilnehmer mit dem katholischen Priester Kolping so gar nichts am Hut hat…?

Mörgen: Wir sind weder konfessionell noch ideologisch gebunden, es ist ein offenes Angebot für alle. Unser Klientel ist bunt gemischt, und es ist ganz klar, dass wir uns nicht verschließen können und wollen. Wir möchten eben allen Mut machen!

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