Lebenshilfe sucht hunderte Wohnungen

Von: Thorsten Karbach
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Saubere Sache: Marco Dormanns
Saubere Sache: Marco Dormanns freut sich, dass er im betreuten Wohnen in hohem Maße selbstbestimmt leben kann. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Marco Dormanns steht auf eigenen Beinen - im Moment in der Waschküche des Hauses. Seit drei Jahren lebt er in einem Haus in der Lützowstraße im Ostviertel. Dort wohnen zehn Menschen mit einer Behinderung, doch handelt es sich nicht um ein klassisches Wohnheim.

Das steht am Ende der Straße. Es gibt zwar Betreuer aber eben auch ganz viel Freiraum für Dormanns und die anderen. Betreutes Wohnen nennt sich diese Lebensform und sie wird mehr und mehr nachgefragt. Denn junge Behinderte suchen so viel Selbstbestimmung wie möglich.

Doch die Kapazitäten der Lebenshilfe Aachen und anderer Vereine und Verbände sind begrenzt. 201 stationären Plätzen stehen 28 in ambulant betreuten Wohngemeinschaften und 39 separaten Wohnungen gegenüber.

Hinzu kommen hunderte Behinderte, die in ihren Familien leben. Monika Winand von der Lebenshilfe spricht von unglaublich vielen, die sich betreutes Wohnen wünschen. Mehr als 500 sind es mit Sicherheit, wahrscheinlich deutlich mehr, doch der Lebenshilfe fehlt der nötige Wohnraum.

„Mehr Akzeptanz schaffen”

„Wir brauchen Partner auf dem Wohnungsmarkt”, sagt Winand. Doch genau das ist das Problem. Alle suchen: Studenten, Senioren, junge Familien. Alle suchen bezahlbaren Wohnraum. Zuletzt wurde die Idee der Pflege-WG für alte Menschen geboren. Behinderte werden da bei der Wohnungsbauplanung schnell vergessen. „Wir müssen für unsere Belange mehr Akzeptanz schaffen”, erklärt Johann-Georg Krings, Sprecher der Gesamtangehörigen der Lebenshilfe.

Marco Dormanns hat also Glück gehabt, dass er eines der zehn Zimmer an der Lützowstraße beziehen konnte. Er ist überaus zufrieden mit seinem Leben dort. Der 43-Jährige erzählt von der guten Stimmung unter den Bewohnern. Sie kochen zusammen, sie fahren in die Stadt, ins Kino oder gehen jeder für sich im Laden um die Ecke Obst kaufen. Und sie können selbst bestimmen, ob sie nun Obst kaufen oder ins Kino gehen. „Für mich ist das sehr gut, dass ich viel selbst bestimmen kann”, sagt Dormanns.

Die Lebenshilfe Aachen, die am Samstag 50 Jahre alt wird, würde gerne mehr Menschen, diese Selbstbestimmung ermöglichen. „Alles andere ist nicht mehr zeitgemäß”, findet Winand. Wenn die Politiker im Land gerade über die Einbindung behinderter Menschen vor allem in den Schulen unter dem Stichwort Inklusion diskutieren, dann vermisst sie manchmal die Frage nach der Wohnsituation der Leute.

„Das Haus in der Lützowstraße ist zwar mitten im Viertel, aber es sind in der Regel wir, die auf die anderen zugehen müssen”, sagt sie. „Wir wollen uns einbinden, sind aktiv, aber wir würden auch gerne mal gefragt werden, ob wir irgendwo mitmachen wollen” Oder ob sie eben Interesse an Wohnraum haben.

In einer Steuerungsgruppe formuliert die Lebenshilfe nun ihre Wohnvisionen. Idealerweise sollten um eine stationäre Wohngruppe herum Wohngemeinschaften und Einzelwohnungen eingerichtet werden. „Wir dürfen nicht die Mischung aufgeben. Wir brauchen auch stationäre Einrichtungen”, sagt Winand. Aber größere Wohngemeinschaften und auch einzelne Wohnungen seien wichtiger denn je. Und sie betont, dass es eben nicht um barrierefreie Wohnungen geht.

Marco Dormanns zum Beispiel braucht keine barrierefreie Wohnung. Er ist mobil, treibt viel Sport, arbeitet in der Küche der Lebenshilfe-Werkstätten. Was will er mit Barrierefreiheit? Menschen wie er brauchen ganz normale, bezahlbare Wohnungen. Krings: „Vielleicht gibt es von einem Investor auch mal Interesse, ein Leuchtturmprojekt zu starten. So etwas brauchen wir.”
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