Lebenshilfe Aachen: Besonderes Potenzial bei besonderen Kindern

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Beruf als Berufung: Hildegard Sorn hatte offensichtlich bis zuletzt Freude an ihrer Aufgabe. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Als Hildegard Sorn vor über 40 Jahren mit ihrem Fahrrad bei der Lebenshilfe vorbeifuhr, um ihre Initiativbewerbung abzugeben, begann ihr Leben mit und für die Frühförderung und den Vorschulbereich der Lebenshilfe Aachen. Seitdem hat sich viel in diesem Bereich verändert. Jüngst ging sie in den Ruhestand.

Wann und wie sind Sie zur Lebenshilfe gekommen?

Sorn: Ich habe in Aachen Sozialpädagogik studiert. Mein Anerkennungsjahr habe ich im Bereich der Arbeit mit Gehörlosen gemacht. Da habe ich festgestellt, dass mich die Arbeit mit Kindern mit Einschränkungen, mit besonderen Bedarfen reizt. Von der Lebenshilfe habe ich per Flyer erfahren, habe mich aufs Rad geschwungen und bin einfach mal vorbei gefahren, um meine Initiativbewerbung abzugeben. Am selben Tag bekam ich einen Rückruf, am nächsten Tag war das Bewerbungsgespräch und dann hatte ich die Stelle in der Frühförderung. Am 1. September 1975 habe ich angefangen.

Was haben Sie da gemacht?

Sorn: Die Frühförderung fördert Kinder von der Geburt bis zur Einschulung und berät gleichzeitig die Eltern. Ich war im Bereich der Heilpädagogik tätig. Das ist der Bereich der Wahrnehmung, der Kognition, der Sprache, des Sozialverhaltens. Zunächst wurde der Förderbedarf der Kinder ermittelt, anschließend habe ich mit den Kindern daran gearbeitet. Oft hatte ich die Kinder von der Geburt bis zum Eintritt in die Kita mit damals drei Jahren. So konnte ich wesentliche Entwicklungsschritte der Kinder begleiten und auch die Eltern unterstützen. Zu manchen damaligen Kindern habe ich heute noch Kontakt.

Was hat Sie an der Frühförderung fasziniert?

Sorn: „Auf der Matte“ war ich bis 2003 tätig – also fast 30 Jahre. Aber ich habe auch Gesprächskreise mit Eltern geleitet. Das war ebenfalls eine wichtige Aufgabe der Frühförderung. Gereizt hat mich zum einen, die Entwicklung der Kinder zu gestalten, sie weiter zu bringen, Wege zu finden, sie zu erreichen. Zum anderen die Gespräche mit Eltern, die mich ein Stück demütig gemacht haben. Das Lächeln eines Kindes ist noch wertvoller für mich geworden. Nicht die Norm ist entscheidend, sondern die Ressourcen des Kindes. Was kann dieses spezielle Kind noch lernen?

Wer profitiert von der Frühförderung außer den Kindern?

Sorn: Eltern! Sie lernen möglichst früh, welche Rechte ihre Kinder haben und wie sie diese für sie durchsetzen können. Sie lernen, sich emotional damit auseinanderzusetzen, was es bedeutet, ein Kind mit Behinderung zu haben. Und sie lernen sehr stark durch den Kontakt zu anderen Eltern.

Welche Themen brachten die Eltern?

Sorn: Warum ich? Wie reagiert die Umwelt auf mein Kind? Was bedeutet es für die Geschwister? Aber auch: Welche Einrichtung ist die richtige? Ich habe auch Väter-Abende gemacht. Sie standen oft ein bisschen abseits, weil sie in der Regel berufstätig waren. Aber sie waren genauso emotional involviert und interessiert.

Wie stark hadern die Eltern mit dem Umstand, dass sie ein behindertes Kind haben?

Sorn: Ich erinnere mich an eine Situation im Gesprächskreis. Eine Mutter war neu, ihr Kind mit Down-Syndrom noch klein. Sie war zurückhaltend kritisch und stellte sich so vor: „Ich habe ein Kind mit Down-Syndrom – wir sehen das als Geschenk.“ Eine Mutter erwiderte so, wie ich es als Fachkraft nie gekonnt hätte: „Sag das nicht noch mal. Mein Kind ist kein Geschenk, soll ich da noch eine Schleife drum binden? Ich habe das nie gewollt.“ So kontrovers das war – sofort ging es in den Austausch. Das ist die Stärke der Gesprächskreise. Dort kann wirklich jeder und jede sagen, was ihn und sie bewegt.

Welche Stationen hatten Sie in der Lebenshilfe?

Sorn: In den 1980er Jahren habe ich die stellvertretende Leitung der Frühförderung übernommen, zwischendurch habe ich mich zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin fortgebildet und außerhalb der Lebenshilfe als Familientherapeutin gearbeitet. Ich habe auch mal in die Lehre bei den Logopäden reingeschnuppert. 2003 bin ich in die Bereichsleitung der Vorschuleinrichtungen bei der Lebenshilfe eingestiegen. Das heißt, ich habe die Verantwortung für die vier Kindertagesstätten der Lebenshilfe sowie für die große Frühförderstelle und deren Außenstellen übernommen. In der Frühförderung sind wir ja nicht nur in der Stadt Aachen, sondern auch in der Städteregion tätig, damit wir wohnortnah für die Eltern erreichbar sind. Seit es keine integrativen Kitas mehr gibt, in denen Therapeuten in den Einrichtungen arbeiten, geht die Frühförderung auch verstärkt in die Kindertagesstätten.

Wie entsteht der Kontakt der Lebenshilfe zu den Familien?

Sorn: Wir kooperieren sehr eng mit den Kinderärzten. Die stellen eine Entwicklungsverzögerung oder Behinderung bei den Vorsorge-Untersuchungen fest und schicken die Eltern dann zur Frühförderung. Aber auch andere Stellen – Gesundheitsamt, andere soziale Dienste – verweisen auf uns. Natürlich finden manche Eltern auch allein zu uns. Zurzeit haben wir fast 400 Familien in der Frühförderung.

Betreuen Sie in der Frühförderung nur Kinder mit Behinderung?

Sorn: Nein, nicht alle haben eine Behinderung von Geburt an. Alle Kinder, deren Entwicklung gefährdet ist, können von uns betreut werden. Die, die in ihrer Sprachentwicklung, in ihrer mentalen Entwicklung, in der Feinmotorik, ihrem Sozialverhalten oder in der Grobmotorik eine Verzögerung oder Auffälligkeit haben. Wir unterstützen die Kinder in ihrer Entwicklung und es gibt durchaus viele Kinder, deren Entwicklungsverläufe später als „unauffällig“ zu bezeichnen sind.

Wo ist die Grenze zwischen Entwicklungsverzögerung und Behinderung?

Sorn: Dafür gibt es keine glasklare Definition. Je jünger ein Kind ist, umso vorsichtiger muss man mit der Diagnosestellung sein. Häufig wird erst im Prozess der Entwicklung deutlich, ob ein Kind von einer dauerhaften Behinderung bedroht ist. Hängt es nur zum Beispiel in der Sprachentwicklung hinterher, kann es auch sein, dass ein Hörschaden die Ursache ist. Oder es traut sich nicht zu sprechen, weil es aus einer Migrantenfamilie kommt und mit der deutschen Sprache Probleme hat. Natürlich gibt es auch bei manchen Kindern eindeutige Diagnosen von Geburt an.

Wie stellen Sie fest, ob ein Kind beeinträchtigt ist? Jedes Kind lernt ja besonders in den ersten Jahren in seinem eigenen Tempo.

Sorn: Wir machen eine ganzheitliche Eingangsdiagnostik. Dafür haben wir nicht nur eine eigene Kinderärztin eingestellt. Unser Team besteht aus Kinderpsychologen, Heil- und Sozialpädagogen, Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten – ein großer Mix von Berufsgruppen, der für jedes Kind individuell entscheidet, was das Kind braucht. Manchmal können wir den Eltern auch sagen: „Die Entwicklung des Kindes ist noch im Bereich der Norm.“

Unter Ihrer Leitung entwickelte sich die Frühförderung zur interdisziplinären Frühförderung. Was steckt dahinter?

Sorn: Zum 1. Januar 2007 wurde die Frühförderung umgestellt auf die so genannte „Komplexleistung Frühförderung“. Die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hat – Gott sei Dank – eine Frühförderverordnung auf den Weg gebracht, so dass endlich die Kostenübernahme geregelt wurde. Vorher konnten wir gar nicht alle angemeldeten Kinder aufnehmen, weil durch die Pauschalfinanzierung nicht genügend Mittel zur Verfügung standen. Seit 2007 wird über den individuellen Bedarf des Kindes entschieden. Medizinisch-therapeutische und heilpädagogische Förderbedarfe müssen dafür festgestellt werden. Von den Kosten übernehmen 60 Prozent die Kommunen, 40 Prozent die Krankenkassen. Dadurch konnten wir endlich bedarfsorientiert arbeiten, durch den Aufbau der Außenstellen sind wir zu den Familien gegangen. Interdisziplinär, also nicht nur heilpädagogisch, haben wir hier in Aachen auch schon vorher gearbeitet. Da waren wir Vorreiter in Nordrhein-Westfalen.

War das auch die entscheidende Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren?

Sorn: Ja, aber auch die deutliche Zunahme von Förderung der Kinder in den Kitas. Unsere Mitarbeiter aus der Frühförderung sind mittlerweile sehr stark in den Einrichtungen unterwegs. Das muss gut organisiert werden, damit der Austausch zwischen den verschiedenen Disziplinen erhalten bleibt. Für die Mitarbeiter bedeutet das mehr Organisation. Aber für unsere Eltern ist das eine positive Entwicklung, weil heute oft beide Elternteile berufstätig sind. Und wir haben heute deutlich mehr Frühgeborene. Deshalb arbeiten wir eng mit der Neonatologie im Klinikum zusammen.

Damit kommen wir zum Thema U3-Betreuung von Kindern mit Behinderung. Wie ist da der Stand?

Sorn: Kinder mit Behinderung haben den gleichen Rechtsanspruch auf Betreuung wie Kinder ohne Behinderung. Wir waren der erste Träger, der 2009 Kinder mit Förderbedarf unter drei Jahren in der Kita Siegel und Waldmeister in die integrativen Gruppen aufgenommen hat. Der Inklusionsanspruch gilt ja heute nicht nur für Schulen, sondern auch für Kitas.

Entspricht das dem Alltag?

Sorn: Bis die Inklusion in allen Einrichtungen umgesetzt ist, wird es noch dauern. Und wir sollten das auch im Vorschulbereich nicht übers Knie brechen. Wir sollten uns die Zeit nehmen, alle Kitas so zu qualifizieren, dass möglichst alle Kinder wohnortnah eine Tageseinrichtung besuchen können, in denen sie individuell gefördert werden können. Im Moment brauchen wir aber auch noch rein heilpädagogische Gruppen.

Warum?

Sorn: Die Kinder in diesen Gruppen sind sehr auf individuelle Förderung angewiesen. Das gibt die sonstige Kita-Landschaft nicht her. Ich liebe unser Konzept in der Kita Waldmeister, die aus drei Regelgruppen mit 15 Kindern, in die auch Förderkinder gehen, und einer heilpädagogischen Gruppe mit acht Kindern besteht. Manche Kinder sind in einer großen Gruppe überfordert. Sie treffen die Kinder aus den Regelgruppen trotzdem. Und sie können innerhalb der bekannten Einrichtung in eine Regelgruppe wechseln, wenn sie soweit sind. Wir vertreten da ein offenes Konzept. Das schlechteste, was wir machen können, ist, dass zu einem bestimmten Tag X alle Einrichtungen alle Kinder aufnehmen müssen. Das schreibt übrigens auch nicht die Behindertenrechtkonvention der Vereinten Nationen vor. Das wird missverstanden. Inklusion braucht Zeit. Das ist eine der größten Herausforderung für die Zukunft.

Jetzt gehen Sie in den Ruhestand. Was werden Sie vermissen?

Sorn: Viele tolle Kollegen und Kolleginnen, viele Familien. Und was mir wahrscheinlich fehlen wird, ist das Planen und Strukturieren. Aber ich kann mir gut vorstellen, auch noch ehrenamtlich für die Lebenshilfe aktiv zu sein.

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