Lebensgefährliche Situation: Kind läuft auf die Straße, Bus gibt Gas

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Um Haaresbreite: Das Foto stammt aus einem Video, das auf der Aachener Jakobstraße aufgenommen wurde. Obwohl ein Kind auf die Straße läuft, gibt der Busfahrer – Endstation Uniklinik – an der Haltestelle Gas und beschleunigt. Bild: Felix Matterne

Aachen. Nicht nur Eltern stockt der Atem, wenn ein Doppelgelenkbus der Aseag auf ein Schulkind zufährt – und beschleunigt. Solch eine Szene hat unser Leser Felix Matterne vor seinem Bio-Supermarkt zufällig auf der Jakobstraße in Aachen mit seinem Handy gefilmt, als er dort die enorme umleitungsbedingte Verkehrsbelastung durch die roten Boliden dokumentieren wollte.

„Was sich da vor meinen Augen abspielte, war einfach unfassbar. Ein Grundschüler rannte unvermittelt auf die Straße. Gleichzeitig gab ein Busfahrer – bezeichnenderweise auf der Linie 5 / Uniklinik – an der Haltestelle Gas und lenkte augenscheinlich auf das vorüberrennende Kind zu“, schildert er den Vorfall. „Der Busfahrer muss das Kind gesehen haben, trotzdem hat er nicht gebremst. Es war denkbar knapp. Wenn der kleine Junge gestolpert wäre, dann wäre er unter dem Bus gelandet. Solche ‚Fast-Unfälle‘ sind an der Tagesordnung“, sagt Matterne.

Dies bestätigt auf Anfrage ein Experte des Verkehrskommissariats der Polizei, dem das Video vorliegt. Der Bus hätte aufgrund seiner Masse niemals rechtzeitig zum Stillstand kommen können. Warum der Fahrer auf das Kind zusteuerte, obwohl er dieses rechtzeitig sehen konnte, bleibt unklar. Sicher sei indes: Defensive Fahrweise sehe anders aus, so der Verkehrsexperte gegenüber unserer Zeitung. Offiziell bleibt Polizeisprecherin Sandra Schmitz bei der Einschätzung des Vorfalls Tage später vage: „Bei Ansicht des Videos lässt sich aus Sicht der Beamten unseres Verkehrskommissariats derzeit kein Anfangsverdacht für die angezeigte Verkehrsstraftat (Gefährdung des Straßenverkehrs) erkennen.

Gleichwohl obliegt die rechtliche Würdigung dazu der Staatsanwaltschaft; der Vorgang wird daher an diese übersandt“, erklärt sie. Und weiter: „Um solche brenzligen Verkehrssituationen an der Stelle in der Zukunft möglichst zu verhindern, werden unsere Verkehrssicherheitsberater zeitnah Kontakt zur Schule des Kindes aufnehmen. Dort sollen die Schüler nochmal im Sinne des sogenannten Bordsteintrainings im richtigen Überqueren der Fahrbahn beschult werden.“ An die Adresse des Busunternehmens richtet Schmitz folgenden Satz: „Wir stehen in dem konkreten Fall mit der Aseag im engen Kontakt und regen an, die dort tätigen Fahrer im Rahmen der Schulungen für die Gefahren zu sensibilisieren.“

Gleichwohl weist die Aseag bei dem hier vorliegenden Fast-Unfall jegliches Fehlverhalten weit von sich. Keine Rede davon, dass der Busfahrer aufgrund des offensichtlich falschen Verhaltens des Kindes die Beschleunigung seines über 30 Tonnen schweren Gefährts unterbrechen und sicherheitshalber hätte bremsen müssen. Aseag-Sprecherin Anne Linden teilt stattdessen mit: „Die im Video aufgezeichnete Situation... wurde durch unsere Fahrlehrer analysiert und bewertet... Ein Fehlverhalten unseres Fahrdienstmitarbeiters lässt sich aus unserer Sicht hieraus nicht ableiten.“

Schuld trage demnach ausschließlich das Kind, dennoch: „Nichtsdestotrotz zeigt die Komplexität im dargestellten Fall, wie wichtig es ist, dass wir unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für derlei Situationen und Gefahrenquellen im Rahmen von regelmäßigen Schulungen weiter kontinuierlich sensibilisieren“, räumt Linden ein. „Gleichzeitig erarbeiten wir im Rahmen von Workshops, die wir in unserem Haus zum Teil auch gemeinsam mit der Aachener Polizei für Grundschulklassen anbieten, das sichere Miteinander im Straßenverkehr und sensibilisieren auch hier zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt für kritische Situationen im Straßenverkehr.“

Pro Jahr dokumentiert die Aseag für ihre eigenen Fahrer rund 500 Unfälle und 100 Personenschäden – ein Drittel davon ausgelöst durch das Fahrpersonal der Aseag. Über Unfalldaten privater Subunternehmer (die 40 Prozent der Aseag-Linien bedienen) verfüge man nicht, teilt die Aseag auf AZ-Anfrage mit. Geht man davon aus, dass die Subunternehmer mindestens so sicher fahren wie das Aseag-Personal, kommt man insgesamt auf rund 830 Unfälle pro Jahr – also zwei bis drei pro Tag. Pro Wochentag legen bis zu 318 Busse auf allen Aseag-Linien etwa 50.000 Kilometer zurück. Gleichzeitig gehen täglich durchschnittlich 16 Beschwerden von Bürgern ein.

Wie jene von Felix Matterne. „Das Resultat ist aber gleich null. Wir beantragen deswegen mit vielen Nachbarn bei der Stadt eine Tempo 30-Zone, um den Schulweg hier zumindest etwas besser zu sichern.“ Aufatmen klingt anders.

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