Lauter Stolpersteine auf dem Weg zum Abi

Von: Matthias Hinrichs
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Aachen. Im Oktober wurde Jeannette (Name geändert) die seltene Ehre einer Audienz beim NRW-Ministerpräsidenten zuteil. Die 18-Jährige hatte ihre Mittlere Reife an der Gesamtschule Brand mit einer glatten Eins gemeistert.

Klar, dass die junge Hoffnungsträgerin, wie man so sagt, jetzt Richtung Abi unterwegs ist. Leider lagen da bis vor wenigen Tagen aber noch ein paar große Steine im Weg. Das Tauziehen der Ämter um die Finanzierung einer eigenen Wohnung für die junge Frau geriet auch zur Zerreißprobe für deren Vertrauen in den viel zitierten Sozial- und Bildungsstaat - bis die Arge für sie in die Bresche sprang.

„Ich bin eine Gesetzeslücke”

Bis vor kurzem lebte Jeannette im Jugendhilfezentrum am Branderhofer Weg. Denn ihre Eltern waren und sind außerstande, sich um die ebenso begabte wie motivierte Tochter zu kümmern. Auf den dicken Brocken, die als „Stolpersteine” so symbolträchtig hinterm Portal zur Einrichtung am Branderhofer Weg liegen, stehen Begriffe wie „fehlende Liebe”, „Gewalt”, „fehlende Bindung”. Jeannette bemüht gelegentlich ein anderes Bild: „Ich bin eine Gesetzeslücke”, sagt sie.

Vor drei Jahren war Jeannette in eine Wohngruppe der Burtscheider Einrichtung aufgenommen worden. Die Kosten übernahm das Jugendamt - bis das Mädchen volljährig wurde. In ihr Elternhaus konnte - und wollte - sie aber nicht zurück. Weil sie dort massive Gewalterfahrungen machen musste, weil ihre Mutter psychisch krank ist, weil die mittellosen Eltern mit der Erziehung ihrer fünf Kinder völlig überfordert waren.

Seit Ende vergangenen Jahres kämpfte die junge Frau also darum, eine eigene Wohnung zu finanzieren - weil sie darin die einzige Möglichkeit sieht, ihre weitere schulische Laufbahn zu sichern. Doch weder Jugend- noch Schulamt, weder Arge noch Bafög-Amt fühlten sich zuständig. Eine Klage beim Verwaltungsgericht wurde abgewiesen, „weil alle vorgetragenen Gründe nicht geeignet sind, eine andere Lösung zu erreichen”, und „soziale Aspekte nicht berücksichtigt werden” könnten. So jedenfalls formulierte es die Richterin - der Urteilsspruch liegt noch nicht offiziell vor.

Die Arge übernahm die Mietkosten unter Vorbehalt. Bevor sie umziehen konnte, verbrachte Jeannette allerdings drei Monate im Klinikum. Diagnose: Anorexie, auch bekannt als Magersucht, verursacht durch massive seelische Probleme. Sie hat die schwere Krankheit gut überstanden - trotz allem.

„Monatelang wusste sie nicht mehr ein noch aus, weil sie zu ihren Eltern zurückgehen sollte - und das, obwohl eine ganze Reihe von Gutachtern längst festgestellt hat, dass das für sie unzumutbar wäre”, kritisiert Berit Strack, Sozialpädagogin im Jugendhilfezentrum.

Beim Jugendamt beschied man Jeannette, sie müsse sich an die Arge wenden. Dort wurde ihr Antrag auf Kostenerstattung - für ihre 43 Quadratmeterwohnung sind 360 Euro Warmmiete fällig - offiziell abgelehnt. Schließlich stehe die junge Frau „dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung”.

Sie möge Schülerbafög bei der Städteregion beantragen. Dort aber hieß es, Jeannette könne - und müsse - zu ihrer Familie zurück. Begründung: Deren Wohnung liege nahe genug an der Schule. Bis zum 18. Geburtstag des Mädchens hätten die Eltern zudem das Sorgerecht gehabt. „Wäre sie schwanger oder verheiratet, hätte sich eine Lösung gefunden”, sagt Berit Strack.

Von einer „tragischen Geschichte” spricht derweil auch Alexandra Rieger, Gruppenleiterin für Ausbildungsförderung beim Sozialamt der Städteregion. „In der Tat sind uns von Gesetz wegen die Hände gebunden”, sagte sie der AZ. Dabei habe die Bundesregierung in Aussicht gestellt, vergleichbare „Härtefälle” zu regeln - bislang ohne Ergebnis.

Die erlösende Nachricht kam vor wenigen Tagen dann von der Arge: „Wir wollten die junge Frau keinesfalls im Regen stehen lassen”, betont Arge-Sprecherin Katja Schuhmacher. „Deshalb haben wir die Wohnung ja von Anfang an unter Vorbehalt finanziert.” Und: Es habe sich nun doch ein passender Paragraf im Sozialgesetzbuch gefunden, der vergleichbare Härtefälle regele. „Zum Glück. Denn der Anspruch ist absolut nachvollziehbar.”

Jeannette wird ihren Weg also weiter in frischer Unabhängigkeit gehen - und lernen, für ein besseres Leben.
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