Aachen - Kurt Christ reizt nicht nur die närrische Bühne

Kurt Christ reizt nicht nur die närrische Bühne

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Die zwei Seiten des Kurt Christ: Auf der Bühne – wie beim Sessionsauftakt – geht es richtig zur Sache. Foto: Andreas Steindl
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Das Zitronenbäumchen im Garten nutzt er in ruhigen Momenten als Inspirationsquelle. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Mehr als 30 Jahre hat Dr. Kurt Christ seine Leidenschaft zu Schauspiel, Gesang und Bühne aus beruflichen Gründen unterdrückt und als seriöser Wissenschaftsjournalist und Sachbuchautor Karriere gemacht. Im Herbst seiner beruflichen Aktivitäten wurde seine musikalische Leidenschaft vom Aachener Karnevalsverein bei dessen Sessionseröffnung „Gans janz anders“ 2012 mit einem Kurzauftritt wachgeküsst.

Christ hat für sich eine Nische entdeckt, tolle Lieder produziert, zwei CDs veröffentlicht und geht im Fastelovvend mit seinen Stimmungshits und seiner Bühnenpräsenz steil durch die Decke. Auch davon erzählt er im Interview mit Gerd Simons.

 

Sie haben innerhalb von nur wenigen Jahren im Aachener Karneval Fuß gefasst und den Sprung an die Spitze geschafft. Wie fühlt sich die zweite Karriere an?

Christ: Ich kann es noch nicht recht fassen, ganz oben zu sein. Ich bin offenbar gefragt und werde in der Tat häufig für Auftritte gebucht. Aber ich selbst mache mir keine großen Gedanken darüber. Es ist bei mir noch nicht angekommen, dass ich möglicherweise viele Sprossen auf der Karriereleiter innerhalb so kurzer Zeit genommen habe. Meine Devise lautet, immer schön auf dem Teppich bleiben, sich stetig weiterentwickeln und perfektionieren. Ich bin der Auffassung, dass da durchaus auch noch Luft nach oben ist.

Besteht bei einem so schnellen Aufstieg nicht die Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren?

Christ: Diese Gefahr ist natürlich latent vorhanden. Allerdings muss man bedenken, das ich kein Newcomer mehr in den zwanziger oder dreißiger Jahren bin. Ich bin ein gestandener Mann, beinahe 40 Jahre verheiratet, ich habe sehr viel im Leben erfahren, habe auch eine ganz andere Karriere hinter mir – da ist man bodenständig, bleibt immer realistisch und lässt sich durch den Jubel und das süße Gift des Applaus‘ nicht unbedingt so schnell korrumpieren.

In Ihrer Brust schlagen zwei Herzen: das eines anerkannten Wissenschaftlers und das einer Stimmungskanone. Wie vereinbaren Sie das?

Christ: Das ist überhaupt kein Problem für mich, denn das sind nur die zwei Seiten ein und derselben Münze. Ich habe als 20-Jähriger mit der Schauspielkunst bei Inge Meysel begonnen und habe parallel in Köln Theaterwissenschaften studiert. Ich komme ja ursprünglich von der leichten Muse her und habe dann 35 Jahre einen Brotberuf im Elfenbeinturm der hohen Wissenschaftlichkeit hingelegt. Staatsexamina habe ich gemacht in Philosophie, Germanistik, Pädagogik und Psychologie, wurde in Philosophie zum Dr. phil. promoviert. Zuletzt war ich am Goethe-Museum in Düsseldorf und davor an der hiesigen Alma Mater im Philosophischen Institut als wissenschaftlicher Assistent beschäftigt.

Hat Ihnen die leichte Muse während der letzten vier Jahrzehnte gefehlt?

Christ: Meine Frau Elisabeth würde jetzt sagen, er hat sich eigentlich immer seine Bühne bereitet. Wenn ich einen hochwissenschaftlichen Vortrag hielt, da war jede Geste, jedes Wort im Vortrag arrangiert und geplant. Selbst bei privaten Familienfeiern, und sei es eine Beerdigung, wurde zumindest eine kleine humorvolle Einlage provoziert, denn man weiß ja, etwas Spaß muss sein, sonst geht ja keiner mit. Ich gebe Ihnen aber Recht, ich habe immer etwas vermisst, und es hat mir etwas gefehlt. Es war diese zweite Seite der Medaille, die nicht ganz zur Entfaltung gekommen war.

Ich wollte wieder texten, und ich wollte wieder spielen. Hiermit drohe ich auch an, dass ich als Schauspieler wieder auf die Bühne zurückkehre. Diesbezüglich sind schon entsprechende Gespräche geführt worden. Kurt Christ wird auch als Schauspieler eventuell 2018 auf das Aachener Publikum wieder zukommen. Ich möchte nicht unbescheiden sein, aber es ist verdammt schön, wenn das Publikum begeistert mitmacht, wenn man interagiert und gemeinsam eine gute Zeit hat. Es kommt nicht nur Sympathie aus dem Publikum rüber, sondern meiner Meinung nach so etwas wie Liebe zurück. Das Publikum merkt, dass ich ganz und gar mit dem Herzen agiere. Ich hoffe, dass es noch ein paar Jahre so weitergehen kann.

Sie erwähnen das öfters. Läuft Ihnen die Zeit davon?

Christ: Ich werde im Januar 63 Jahre und wäre besser mal zehn Jahr früher auf die Bretter zurückgekehrt. Ich merke schon nach dem dritten Auftritt an einem Abend, dass die Stimmbänder etwas lahmer werden und die Kraft naturgemäß nachlässt. Aber ich führe ein seriöses Leben, und mein Körper kann die Anstrengungen immer noch gut kompensieren.

Es gibt drei starke Frauen in Ihrem Leben: Ehefrau Elisabeth, Inge Meysel und die Kölner Motto-Queen Marie-Luise Nikuta.

Christ: Große Frauen sind mir im Leben begegnet, die je auf ihre eigene Weise mich inspiriert haben. Die Disziplin, die unerlässlich ist, wenn man so wie ich auf der Bühne rumtobt, kommt mit Sicherheit von der großen Schauspielerin Inge Meysel. Sie war eine derartige Perfektionistin, das war schon atemberaubend. Marie-Luise Nikuta bewundere ich, weil sie bis ins hohe Alter ein derartiges Tempo hingelegt hat und ein Oeuvre geschaffen hat, was neben Ostermann für Köln wohl beispiellos ist. Und meine Frau Elisabeth ist halt die starke Frau an meiner Seite.

Sie haben am 11. im 11. mit „Oche, Du ming lejjv au Käjserstadt” auf der Bühne am Holzgraben und im Rathaus das diesjährige Mottolied des Festausschuss Aachener Karneval öffentlich präsentiert. Sie haben den Text des Liedes geschrieben. Unterstützt wurden sie dabei von Marie-Luise Nikuta?

Christ: Die Kölner Motto-Queen war hierzu neuerlich für meinen Text und die Musik Inspiration pur. Durch die Freundschaft zu ihr durfte ich auch ihr Lied „Fastelovvend em Bloot”, freilich mit meinem für Aachen abgewandelten Text, übernehmen, welches ich vor der Session mit meinem Produzenten Meinolf Bauschulte, mit dem ich schon seit einigen Jahren erfolgreich zusammenarbeite, aufgenommen habe. Marie-Luise Nikuta war mit dem fertigen Lied in jeder Hinsicht absolut zufrieden. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich in diesem Jahr das AAK-Mottolied singen darf.

Bei meinen ersten Auftritten konnte ich mit dem Motto-Lied „Oche, Du ming lejjv au Käjserstadt“ Jung und Alt begeistern, und ich bin der Meinung, dass uns mit diesem Lied tatsächlich ein großer Wurf gelungen ist. Ich habe den Text geschrieben und liebe dieses Lied, das vermutlich die Session überleben wird. Wir haben es bewusst textlich nicht rein karnevalistisch gehalten, damit ich es auch ganzjährig singen kann. Ich hätte sogar, das sage ich jetzt mit Augenzwinkern, nichts dagegen, auch weitere Motto-Lieder für den AAK zu singen; die Presse sprach ja sogar schon von einem „Motto-King” von Aachen. Tolle Bezeichnung!

Sie verfassen viele Ihrer Texte selbst. Wodurch lassen Sie sich inspirieren?

Christ: Meine Inspirationsquelle ist, jetzt lachen Sie nicht, die Zitronenblüte. Ich sitze dann alleine auf meiner Terrasse mit einem guten Glas Wein und einem Zigarillo und brüte über meinen Texten. Wenn von den Zitronenblüten in meinem Garten der intensive mediterrane Zitrusduft rüberweht, das inspiriert mich ungemein, und es fallen mir dann tolle Themen und Textpassagen ein. So hat jeder sein „Suchtmittel” , das ihn beflügelt.

Neben den Texten sind Sie auch beim Endmix und Mastern Ihrer Songs involviert.

Christ: Den jetzt erreichten Erfolg kann man nur etablieren und ausbauen, wenn man in einem homogenen Team fruchtbar arbeitet. Da habe ich mit Meinolf Bauschaulte den richtigen Partner getroffen. Beim Endmix der Lieder setzen wir uns zusammen und versuchen, das für uns maximale Ergebnis herauszuholen. Unsere Zusammenarbeit für die kommende Session beginnt wenige Tage nach Aschermittwoch, und wir entwickeln dann gemeinsam neue Ideen und Lieder.

Ich bin auch sehr daran interessiert, mein Ganzjahresprogramm weiter zu etablieren. Da kommt leichte Salonmusik dazu, Lieder von Zarah Leander z.B., die ich auch noch persönlich kannte, oder jetzt haben wir Andreas Gabalier für uns entdeckt. Ich werde übrigens eines seiner Lieder in diesen Tagen aufnehmen. Darauf freue ich mich schon sehr.

Wenn man Ihre Lieder hört und die Art der Bühnenpräsenz betrachtet, wirken Sie in der derzeitigen ballermannlastigen Mallorca-Stimmung wie aus der Zeit gefallen.

Christ: Es ist zwar sehr überspitzt formuliert, es trifft aber insofern des Pudels Kern, wenn ich z.B. den Kölner Karneval betrachte. Da gibt es Hannak, Brings, Klüngelköpp und Kassalla, und ich halte den Karneval, so wie er heute auch in Köln präsentiert wird, für zu Band-lastig und zu sehr adressiert an ein ganz junges Publikum. Ich glaube, da verliert man die mittleren, aber vor allem aber die älteren Jahrgänge. Die fühlen sich verlassen und zunehmend vereinsamt im Karneval.

Ich fahre die eher traditionelle Schiene und sehe ganz einfach über die Generationen hinweg – meine Lieder kommen bisher bei jeder Generation gut an. Ich begeistere auch ganz junge Leute mit meiner Darbietung, die u.a. mein Lied „Viva Tirol“ mitsingen und in einer Polonaise durch den Saal ziehen. Es sind 80-Jährige in der Polonaise, freilich je an ihrem Ort, aber auch 16-Jährige in einer Disco. Ich vermag alle Generationen mit meinem Repertoire zusammenzuführen, und das ist für einen Künstler ungemein befriedigend und einfach wunderbar.

Was waren die bisherigen Höhepunkte Ihrer zweiten Karriere?

Christ: Dazu gehören das aktuelle Motto-Lied und mein Hit „Konfetti“, der in Aachen und darüber hinaus fest etabliert hat. Nachdem ich meine erste CD veröffentlicht habe, gab mir der AKV-Präsident Dr. Werner Pfeil die große Chance, bei der Festsitzung „Wider den tierischen Ernst“ das Lied „Konfetti“ zu singen, und wir waren auch im TV ungemein erfolgreich damit. Das gilt auch für meine beiden Auftritte beim AKV-Theaterball zum Abschluss der Session.

Ein weiterer Höhepunkt war sicherlich mein Auftritt beim jetzigen Sessionsauftakt in Heerlen, wo ich mit dem AAK und dem designierten Prinzen Mike I. Foellmer und seinem Hofstaat in meinem Rücken vor mehr als 7500 Niederländern gesungen habe. Unter frenetischen Beifall haben wir die Veranstaltung geradezu gerockt. Das war schon atemberaubend und ruft förmlich nach einem „Da Capo!“.

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