Kurpark Classix: Der Klangprofessor steuert 70 Prozent bei

Von: Robert Esser
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Kurpark Classix Auftakt
Der Herr der Töne: Professor Moritz Bergfeld justiert mit einem gigantischen Aufwand und seinem feinsten Gehör den Open-Air-Klang der Kurpark Classix. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Bloß nicht verlieren. Jedenfalls nie zu viel. So klingt das Credo von Professor Moritz Bergfeld. Buchstäblich. Er ist der Herr der Töne. Der 41-Jährige thront am Freitagabend einige Meter über dem Hang neben dem Spielcasino, direkt hinter der letzten Sitzreihe der 1500-Personen-Tribüne in einer Art Tonstudio-Baumhaus - 50 Meter entfernt von der leuchtenden Bühne der Kurpark Classix.

„FOH” nennen das die Profis, das heißt: „Front of house”. Bloß: Es gibt hier weder Haus noch Konzertsaal. Bergfeld ist der Tonmeister. In 16-stündiger Hörarbeit hat er 45 Mikrofone und den computergesteuerten Klang der „Night at the Opera” feinjustiert. 2400 Zuschauer erleben an diesem Freitagabend das sagenhafte Sound-Ergebnis unter freiem Himmel.

Und sie sind nach fast drei Stunden tatsächlich mittendrin im Motto des Abends: „Liebesfieber”. Dank der grandiosen Leistung des Generalmusikdirektors Marcus R. Bosch, seiner 76 Sinfoniker und des fast 80-köpfigen Chors. Und dank Bergfeld. Er nimmt während des Konzertes keinen Finger von dem gigantischen Mischpult, diesem Sound-Computer mit zig Reglern, hunderten Tasten und bunt blinkenden Bildschirmen unter freiem Himmel. Und er nimmt auch kein Blatt vor den Mund.

„Bei Klassik-Open-Airs verliert man immer. Die Frage ist nur, auf welchem Niveau”, sagt er. Warum? In einem normalen Konzertsaal gehen nur etwa 30 Prozent des Klangs aus der Vielzahl der Instrumente direkt ins Ohr des Publikums. Der Großteil, rund 70 Prozent, strahlen in den Raum, der Klang prallt ab, vermischt sich mit anderen Instrumententönen, schallt wieder zurück und so weiter. Und im Kurpark? Keine Wände. „Da gibt es nur die 30 Prozent von der Bühne. Um den Rest kümmern wir uns”, erklärt er. Was ungezählte Probleme aufwirft. Die sollen rechts und links der 200 Quadratmeter großen und über elf Meter hohen 15-Tonnen-Bühne nur zwei Lautsprecher-Riegel lösen. Nur von da schallt der Klang in den allseits offenen Kurpark. „Wir müssten zig Boxen aufstellen, um einen perfekten Konzerthausklang zu imitieren”, räumt er ein. Trotzdem gelingt der Kurpark-Classix-Sound. „Genauso wie im Studio bei Bruckner-Aufnahmen mit dem Sinfonieorchester, wenden wir Tricks an”, verrät der Tonmeister.

Zur Seite stehen ihm Toningenieur Christian Ulbrich und Theo Metzler, dem per umgehängten Tabloid-PC und via Funk die Feinstjustierung der riesigen Tonanlage quer durchs Kurpark-Publikum laufend gelingt. So kann Bergfeld aus den Klängen der Streichergruppe per „Symmetrie-Spiegelung, Dopplung und einer 30-Millisekunden-Verzögerung in Echtzeit” bis zu 80 Streicher-Signale erwachsen lassen. Das heißt: Auf der Wiese klingt der Violin-Teppich des Sinfonieorchesters noch samtiger und breiter, als er sich tatsächlich auf der Bühne original anhört. Wohlgemerkt: „Das hat nichts mit der Qualität des Orchesters zu tun, nur mit den widrigen Bedingungen außerhalb geschlossener Konzertsäle”, stellt Bergfeld fest.

Und damit kämpfen auch „auf Weitenwirkung getrimmte” Solisten: Sopranistin Jelena Rakic und ihre famosen Kolleginnen haben es etwas leichter. „Wie die Bässe. Tenöre elektrisch live zu verstärken, ist ungleich schwieriger”, sagt der Tonmeister. Ohnehin: Wind, Temperatur, Luftfeuchtigkeit wirken sich hörbar auf den Open-Air-Klang aus.

Swing-Star Roger Cicero, für dessen Konzert am Samstag es nur noch wenige Resttickets gibt, hat all dies bereits studiert. Er ist bereits in Aachen eingetroffen, wie Kinder-Star Malte Arkona, mit dem am Sonntag „Classic for Kids” (11 Uhr) über die Bühne geht. 10 400 Tickets sind für vier Konzerte verkauft, fast Rekord. Und wenn’s regnet? „Egal”, sagt Veranstalter Christian Mourad, „Regencapes gibt’s im Fall des Falles kostenlos.” Dann prasselt’s, und der Sound wird nur ein wenig dumpfer. Bis Tonmeister Bergfeld zaubert. So wie das Sinfonieorchester Magie versprühte. Und bloß gewonnen hat. Ans Picknick schließt sich Bergfeld Freitag um 23 Uhr an - nach den Zugaben.
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