Aachen - Kunsthandwerk: Da staunt man Bauklötze

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Kunsthandwerk: Da staunt man Bauklötze

Von: Robert Esser
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Alle Hände voll zu tun: Die historische Dombauhütte vor dem Münster (im Bild) sowie der Kunsthandwerkermarkt in der Altstadt zogen zigtausende Menschen an. Foto: Andreas Steindl und Andreas Herrmann
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Feierliches Pontifikalamt vor prächtiger Chorhalle: Mit einem würdevollen Gottesdienst begann am Sonntag im Dom die Festwoche unter dem Motto „Haus aus Licht“, die bis zum 14. September zum Besuch einlädt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Bei Steinmetz Christoph Schwartzenberg staunt Philipp Bauklötze. Der Zehnjährige hat gerade seinen eigenen gotischen Fensterbogen entlang eines Holzgerüsts aus losen Steinen aufgetürmt. Und der Bogen überragt den Jungen deutlich. Als Schwartzenberg die Holzstütze herauszieht, steht der Bogen wie in Stein gemeißelt – ohne Leim, Mörtel oder sonstwas.

Philipp staunt, der Steinmetz lächelt. Im Domhof zeigen am Sonntag dutzende Handwerker, die sonst das Aachener Münster sanieren und restaurieren, wie man früher und heutzutage zu Werke ging und geht. Gleichzeitig flanieren bis zu 200.000 Menschen am Wochenende über den 38. Europamarkt der Kunsthandwerker rund um Dom und Rathaus. 300 Aussteller präsentieren ihre Werke. Alles große Kunst – gekrönt mit dem 600-jährigen Jubiläum der Chorhalle des Aachener Münsters.

Beim feierlichen Pontifikalamt anlässlich der Weihe der Chorhalle betont Bischof Heinrich Mussinghoff: „Die 27 Meter hohen und höchsten Fenster der Gotik reißen unseren Blick in die lichtvolle Höhe, dass wir den Himmel schauen, das himmlische Jerusalem“, predigt er. Dann intonieren Vokalensemble und Dombläser eine Messe von Igor Strawinsky, bevor das Domkapitel über 1000 Gottesdienstbesucher im Quadrum zum Frühschoppen einlädt – mit Original-Karlssüppchen und Co. Dompropst Helmut Poqué und Generalvikar Manfred von Holtum übernehmen zeitweise die Suppenkellen und schenken aus, auch dem Bischof und Dombaumeister Helmut Maintz schmeckt‘s. Von oben strahlt die Sonne. Kein Zweifel: In Sachen Kunst und Kulinarik hat Aachen den Bogen raus.

Apropos: Devid Hörnchen ist Bogenbauer, und seine, nun ja, Zielgruppe, das sind eben Menschen, die sich für Bogen interessieren. Dachte Hörnchen zumindest bis jetzt. Aber das war vor dem Europamarkt. Seitdem er dort an seinem Stand steht, auf dem Aachener Markt, einen Steinwurf vom Rathaus entfernt, weiß er: Zu seiner Zielgruppe gehören auch Menschen, die bislang gar nicht wussten, dass sie sich für Bogen interessieren. Hörnchen erklärt das so: „Mit meinem Angebot bin ich grundsätzlich sehr spezialisiert. Aber hier beim Europamarkt habe ich die Möglichkeit, mich einem breiten Publikum zu präsentieren, mich vorzustellen.“ Und? Hörnchens Bogen kommen bestens an. „Ich habe hier in zwei Stunden 150 Flyer verteilt und eine Menge gute Gespräche geführt“, sagt er.

Ungewöhnliche Kreationen in Stoff, Stein und Keramik, Schmiedemeister, Bildhauer, Schmuck- und Modedesigner ziehen massenhaft Publikum an. Zeitweise geht‘s auf dem historischen Pflaster der Altstadt am Wochenende nur im Trippelschritt voran. Schauen, schlendern, Schwätzchen halten – Schnäppchen heimschleppen. Wobei Geld hier nicht alles ist: Bogenbauer Hörnchen ist nicht der einzige, der die Gelegenheit nutzt, den Besuchern etwas zu erzählen. Über den Weg vom Material zum Produkt, die Herausforderungen während des Herstellungsprozesses. Kurz: über sein Handwerk.

Ideale Wirtschaftsförderung

„Der Europamarkt bietet den Kreativen im Handwerk eine tolle Möglichkeit, auf sich und ihre einzigartigen Produkte aufmerksam zu machen“, sagt Nicole Tomys, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Handwerkskammer Aachen. Die Veranstaltung sei die größte ihrer Art in der Euregio. „Und nicht zuletzt ist der Europamarkt natürlich auch Wirtschaftsförderung in ihrer ansprechendsten Form“, sagt Tomys.

Ein Satz, den Hörnchen unterschreiben kann. Umso wertvoller war da die Idee, sich nicht als Einzelaussteller, sondern als Teil einer Gruppe zu präsentieren. „Erlebnis.Handwerk.Eifel“ heißt das Projekt, indem sich über 20 Betriebe zusammengeschlossen haben. Den Wirtschaftszweig sinnlich erfahrbar machen, das ist ihr gemeinsames Ziel. Und mit den entsprechenden Werbematerialien machen sie beim Europamarkt auf sich aufmerksam, neben Hörnchen sind Drechsler Samuel Danke, die Ofenbauer Sandra und Gerd Kuhlmann, Tischler Martin Rack, Sattler und Feintäschner Klaus Schwecht sowie Gold- und Silberschmied Thomas Göbel vertreten. „Und wer sich für meine Bogen interessiert, interessiert sich meist auch für die Produkte der Kollegen. Wir haben hier wirklich wahnsinnige Synergieeffekte“, sagt Hörnchen.

Julia Böbel stimmt ihm zu. Die Goldschmiedin gehört zu den aktuellen Absolventen der Akademie für Handwerksdesign. Und die haben während des Europamarktes traditionell die Möglichkeit, sich und ihre Arbeit beim Design-Forum zu präsentieren, diesmal in der Citykirche. „Das ist eine tolle Chance zu testen, ob das, was ich mache, die Leute anspricht“, sagt Böbel. Was wichtig ist.

Weil somit schließlich nur in einer Lesart keiner einen Bogen macht – nämlich um den Dom, die Kaiserstadt und die Handwerkskunst.

Steinmetz Schwartzenberg findet das toll: „So viel Publikum haben wir sonst nie, wenn wir da oben unterm Dach des Münsters zu Werke gehen“, sagt er. Und nicht nur der kleine Philipp schaut ab sofort ganz anders zu ihm auf. Darauf kann man bauen.

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