Aachen - Kunst statt Kippen aus dem Automaten

Kunst statt Kippen aus dem Automaten

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:
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Hat die Kunstautomaten (hier an der Fassade des Secondhand-Ladens Fadenkreuz an der Schützenstraße) nach Aachen gebracht: Nikos Geropanagiotis. Foto: S. Rauh

Aachen. Zweimal klimpert es tief drinnen im Automaten, dann ein kräftiger Ruck an einem der sechs Fächer und man hält ein wahres Unikat in den Händen. Kunst statt Kippen: Wer vier Euro investiert, kann seit kurzem zu jeder Tages- und Nachtzeit mitten in der City ein vom Künstler handsigniertes und einzigartiges Werk sein eigen nennen.

Eine kleine Zeichnung, ein wenige Quadratzentimeter großes Ölgemälde, eine Keramik-Installation im Miniaturformat.

Das Päckchen Kunst kommt an. „Der Zuspruch ist sehr gut“, bestätigt Initiator Nikos Geropanagiotis, der gemeinsam mit seiner Frau Manuela insgesamt vier Kunstautomaten nach Aachen gebracht hat. Seit Mitte Juni sind die alten mechanischen Zigarettenautomaten aufgestellt. Ob sie bei dem ein oder anderen Freund des blauen Qualms bereits für böse Überraschungen gesorgt haben, da sie unerwartet statt eines Päckchens Kippen plötzlich Kunst in der Hand hielten, ist nicht überliefert.

Aber warum eigentlich Kunst am Automaten ziehen? „Wir wollen so einen niedrigschwelligen Zugang zur Kunst fördern“, erklärt Kunstsammler Geropanagiotis. Nicht jeder finde den Weg in ein Museum oder in eine Galerie. „Hier erreichen wir die Menschen“, sagt er, während er den Automaten an der Schützenstraße aufschließt, um ihn neu zu befüllen. Der „Kunde“ hat die Qual der Wahl: Jeweils drei Fächer bieten Kleinst-Werke von regionalen Künstlern an, in den drei anderen Fächern findet man Schachteln von nationalen Künstlern.

Dabei ist die Idee des Kunstautoamten gar nicht neu. Und vor allem: Sie hat ihren Ursprung in Aachen. Das Prinzip des Kunstautomaten wurde vor 34 Jahren vom Aachener Künstler Karl von Monschau entwickelt und damals auf der Dokumenta in Kassel installiert. Danach war der Kunstautomat jedoch gewissermaßen jahrzehntelang außer Betrieb. Erst Ende der 90er griffen zwei kunstbegeisterte Menschen aus Potsdam das Prinzip wieder auf und entwickelten es weiter. Sie kauften alte mechanische Kippenautomaten aus D-Mark-Zeiten, peppten diese auf, indem sie sie auffällig bemalten, rüsteten sie auf Euro um und befüllten sie anschließend mit kleinen Kunst-Happen. In Ostdeutschland stießen auch Nikos und seine Frau bei einer Reise auf das ungewöhnliche Konzept. Schnell waren die Inhaber einer Marketing-Agentur Feuer und Flamme für die Kunstautomaten.

In der hiesigen Szene stößt das Projekt auf großen Zuspruch: Bereits 30 Künstler aus der Region machen mit – unter anderem auch der Ur-Vater der Idee, Karl von Monschau. „Es werden ständig mehr“, sagt Geropanagiotis. Mindestens 50 kleine Kunstwerke stellt jeder Künstler für den Automaten her. Dafür presst er seine Kreativität in die vorgegebenen Maße: Schließlich muss alles in eine 5 x 8 x 2 Zentimeter große Packung passen. Wer dann ein Päckchen zieht, erhält neben dem Kunstwerk noch einen kleinen, individuell gestalteten „Beipackzettel“ mit Informationen über den Künstler.

Eine Hälfte der Aachener Kunstwerke – bisher etwa 1000 – kommen nach der Verpackung in Potsdam zurück in den Westzipfel, die anderen 1000 landen in einem der rund 100 Automaten, die in anderen Städten aufgestellt sind. So kann Kunst „made in Aachen“ zum Beispiel schnell und unkompliziert neue Freunde in Berlin gewinnen. Und selbst die Raucher dürften sich beim Ziehen eines Päckchens gleich heimisch fühlen. Denn ein Warnhinweis darf auch auf dem Kunst-Kartönchen nicht fehlen: „Diese Kunst kann verwirren, erhellen, aufregen und süchtig machen.“ Nur eben garantiert nikotinfrei, wodurch sich jegliche medzinische Bedenken beim Konsum der Kunst-Päckchen in Windeseile in Rauch auflösen.

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